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Myanmar Oder wie wir versuchten einen Vogel zu kaufen, um ihn freizulassen

Drei Tage nach den ersten freien Parlamentswahlen in Myanmar seit 25 Jahren hat die militärnahe Regierungspartei USDP ihre Niederlage eingeräumt. Sie werde den Sieg der oppositionellen Nationalliga für Demokratie (NLD) von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi anerkennen.Myanmar, was ist das genau? Wie tickt dieses Land heute?

Stand: 11.11.2015

Myanmar, was ist das genau? Ein Land, in dem es 135 unterschiedliche Ethnien gibt und in dem Dollarscheine nur gebügelt angenommen werden. Ein Land, in dem Touristen mit einem Heißluftballon über spektakuläre Pagodenlandschaften fahren und dabei geneigt sind, Armut mit Ursprünglichkeit zu verwechseln. Zwei Frauen reisen durch Myanmar, eine arbeitet fürs deutsche Radio, die andere ist hier geboren, ausgewandert und kehrt jetzt zurück, um für ausländische Medien über Myanmar zu berichten.

"Hier bin ich. In dem Land, in dem die Demokratie auf der Straße verkauft wird. Und die Neue Demokratie auch. Das sind die Namen der Zeitungen, die der kleine Junge ohne Schuhe im Angebot hat. Er schlängelt sich an den im Stau stehenden Autos vorbei. Dabei hüpft er von einem Bein aufs andere. Die Straße flimmert vor Hitze. Ich bin in Myanmar. Wenn ich dieses Land verstehen will, dann soll ich Manny treffen, das empfiehlt mir Kyaw Min Swe, Chefredakteur der Zeitung The Voice. Manny ist Journalistin genau wie ich. Und auch sie sei auf der Suche, sagt er."

Wiebke Keuneke, Journalistin, Deutschland

"Ich wurde in der Stadt Meiktila im Zentrum von Myanmar geboren, aber die meiste Zeit meines Lebens habe ich außerhalb von Myanmar gewohnt. Als Kind habe ich immer gehofft, wenn Myanmar erstmal eine richtige Demokratie ist, dass ich dann kommen und gehen kann wie ich Lust habe. Ich würde sagen, dass ist schon halbwegs Wirklichkeit."

Manny Inya Lake, Journalistin, Myanmar

Ein Land auf dem Weg zur Demokratie

Vier Jahrzente lang wurde Myanmar von Militärs regiert. Noch im September 2007 ist die sogenannte Safran-Revolution – eine von vor allem buddhistischen Mönchen geführte Protestbewegung – niedergeschlagen worden. Erst seit 2011 verfügt das Land wieder über eine zivile Regierung, die jedoch überwiegend aus Ex-Militärs besteht. Doch es tut sich was im Land. Immerhin wurde ein großer Teil der politischen Häftlinge freigelassen. Darunter auch Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Große Erwartungen an die Wahl am 8. November

Am 8. November sind mehr als 50 Millionen Einwohner Myanmars aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Bei den freien Wahlen 1990 gingen rund 80 Prozent der Stimmen an die Nationale Liga für Demokratie (NLD). Allerdings wurde das Ergebnis von der Militärregierung nicht anerkannt. Bei Nachwahlen im April 2012 hatte die NLD haushoch gewonnen, seitdem sitzt Aung San Suu Kyi im Parlament.

Sie führt die Opposition an. Allerdings ist für die 70-Jährige die Verfassung des Landes von 2008 ein Problem. Sie verbietet Bürgern wie Aung San Suu Kyi, die ausländische Ehepartner oder Kinder haben, die Kandidatur für das Präsidentenamt.

Eine Ikone: Aung San Suu Kyi

Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin und Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie (NLD)

15 Jahre stand sie unter Hausarrest, der im November 2010 aufgehoben wurde. In den letzten Jahren wurde sie aber zunehmend kritisiert. In Ausschüssen etwa musste sie Kompromisse mit der Regierungspartei von Präsident Thein Sein eingehen. International wurde ihr zuletzt vorgeworfen, sich bisher nicht zur Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Rohingyas im Land geäußert zu haben.

"Ich bin nicht so fanatisch wie andere, wenn es um Aung San Suu Kyi geht, aber ich respektiere sie. Früher habe ich gedacht, dass sie gar nicht weiß, was die Menschen in Myanmar denken, weil sie ja so lange im Ausland gelebt hat. Aber nachdem ich ihre Aufsätze gelesen habe, bin ich mir sicher, dass sie das Volk versteht und liebt. Ich hoffe, dass sie die Energie hat dieses Land zu verändern. Und ich glaube, dass sie die Militärregierung respektiert und nicht stur und dickköpfig ist, sondern versucht mir ihnen zusammen zu arbeiten. Das finde ich sehr diplomatisch von ihr."

Manny Inya Lake, Journalistin, Myanmar

Regie: Wiebke Keuneke und Mareike Maage
Redaktion: Mareike Maage
RBB/BR 2015

Die Autorin

Wiebke Keuneke, geboren 1981 in Celle, studierte Politik und Interkulturelle Kommunikation, mehrere Stipendien. Arbeitet als Journalistin in Berlin. Zuletzt: "Der angezählte Riese" (Deutschlandradio Kultur 2014) und "Zu lange gehofft - eine Kubanerin plant ihre Zukunft".

Literatur

  • Christoph Hein und Udo Schmidt: Reportage Burma/Myanmar - Der steinige Weg zur Freiheit. Picus Verlag, 2013
  • Ma Thanegi: Pilgerreise in Myanmar. Unionsverlag, 2004
  • George Orwell: Tage in Burma. Roman. Diogenes
  • Amitav Ghosh: Der Glaspalast. Roman. btb
  • Amy Tan: Der Geist der Madame Chen. Roman. Goldmann

Hier können Sie das Manuskript herunterladen

Oder wie wir versuchten einen Vogel zu kaufen, um ihn freizulassen Format: PDF Größe: 685,25 KB


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