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Feuer unterm Melting Pot New Orleans - zehn Jahre nach Katrina

Als der Hurrikan Katrina im Jahr 2005 wütete, schien es so, als ob New Orleans untergehen würde. Zehn Jahre später zeigen sich immer noch tiefe Risse in der multikulturellen Metropole. Und diese Risse im Melting Pot werden zusehends tiefer.

Von: Jonathan Fischer

Stand: 05.01.2016

August 2005. Als in Folge von Hurrikan Katrina die maroden Deiche nachgaben, schien der letzte Tag von New Orleans gekommen: Eine Hafenstadt, aus der einst der Jazz gekommen war, die die kreolische Küche hervorgebracht hatte, stolz war auf ihre üppigen Mardi Gras-Umzüge, ihre Voodoo-Tradition, ihre Brassbands und Umzüge, die die Menschen selbst zum Begräbnis tanzen ließ. Die multikulturelle Metropole, Symbol für den  Melting Pot Amerikas, drohte mitsamt ihrer Kultur unterzugehen.

Während 80 Prozent der Stadt noch unter Wasser standen, tobte bereits der Kampf um ihre Zukunft: Politiker in Washington schlugen vor, die Stadt für immer aufzugeben, während lokale Geschäftsleute ein New Orleans ohne die armen Schwarzen herbeiredeten. Katrina machte alle Probleme der Stadt wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar: Rassismus, Rekord-Kriminalität, Korruption, miserable Schulen und eine Kluft zwischen Arm und Reich, die die Stadt und ihre Bewohner spaltet.

Zehn Jahre nach Katrina zeigt sich New Orleans scheinbar lebendiger denn je. Beim Wiederaufbau hat sich New Orleans größtes Kapital bewährt: Seine Kultur. Nicht nur brüstet sich die Stadt mit mehr Restaurants, Musikclubs und Straßenfestivals als je zuvor, boomt der Tourismus wie zuletzt vor Katrina; auch alte Traditionen feiern ein Comeback. Die Brassbands der immer noch zu zwei Drittel schwarzen Stadt sind mittlerweile weit über Louisiana hinaus bekannt und gehen weltweit auf Tourneen. Die Präsenz der Mardi Gras Indians – früher verboten und missachtet – sind heute touristischer Höhepunkt. Ja selbst Voodoo findet neue Anhänger. Künstler und vor allem Geschäftsleute aus ganz Amerika zieht es in diesen neuen Melting Pot.

Aber hinter der touristischen Fassade tobt ein täglicher Überlebenskampf. New Orleans gilt als schwarzes Herz Amerikas, und die Sinnlichkeit dieser Stadt ist mit Händen zu greifen. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich die Risse im Melting Pot. Die New Orleans-Songs von heute sagen: "Hey Rassismus, hey Sexismus, hey Armut - ich existiere trotzdem!“

New Orleans in sechs Stationen

Station 1: Der Poet

Chuck Perkins ist Spoken Word-Poet, Polit-Aktivist, Clubbetreiber und Radiomoderator bei WBOK. Die lokale Radiostation in New Orleans ist das populärste schwarze Talk-Radio der Stadt. Kaum jemand verkörpert den Melting Pot New Orleans besser als er. Seine Songs zeigen die Risse und Brüche hinter der Partyfassade der Stadt. Das schwarze Herz der Mississippi-Metropole – seinen Swing, seinen Schmerz und seine Erneuerungskraft.

"Jeder flucht in dieser Stadt und jeder singt den Blues/ Männer und Frauen verfluchen ihre Söhne und Töchter/die Söhne und Töchter, die vor ihnen kamen/ die Söhne und Töchter, die diesen Ort errichteten/ diese Sackgassen-Siedlung/ auf der Asche einer Tragödie/ wo Hormon-getriebene Männer ihre Zukunft aufbauen/ ohne auch nur eine Sekunde über das Heute hinaus zu denken"

Chuck Perkins, aus dem Song 'Everybody Swears'

Station 2: Der geläuterte Politiker

Oliver Thomas (links) neben Feature-Autor Jonathan Fischer beim Radiosender WBOK

Oliver Thomas saß 13 Jahre im Stadtrat von New Orleans, machte dann als Lokalpolitiker mit einem Bestechungsskandal Schlagzeilen. Nach drei Jahren im Gefängnis startete er eine zweite Karriere als Schauspieler. Bekannt wurde er vor allem durch die HBO-Serie "Treme". Außerdem arbeitet er als Autor und Talkshow-Host. Er selbst sieht sich als Anwalt der Armen und Entrechteten.

"Schau dich heute mal um in New Orleans. Nach Milliarden Dollar Hilfsgeldern ist der Graben zwischen Weißen und Schwarzen tiefer denn je, 52 Prozent der schwarzen Männer sind arbeitslos. Hier fahren zwei Züge auf zwei Gleisen: Da ist das wunderbare Touristen – New Orleans, wo Besucher aus aller Welt hinreisen, um uns singen und tanzen zu sehen, wo sich neue Firmen ansiedeln und das Kongresszentrum bis ins Jahr 2020 ausgebucht ist. Und auf dem anderen Gleis fährt ein anderer Zug: Hier haben die Menschen auch zehn Jahre nach Katrina noch kein Zuhause gefunden."

Oliver Thomas

Station 3: Der Stadtplaner

Stadtplaner Pres Kabacoff

Pres Kabacoff ist Stadtplaner. Seine Firma "Historic Restoration Incorporated" agiert als verlängerter Arm der Regierung: Stadt und Staat stellen die Mittel zur Verfügung, Kabacoff macht ihnen Vorschläge und betreibt Lobby-Arbeit. Sein Lieblings-Projekt ist die Revitalisierung der Inner City, also all der historischen Nachbarschaften rund um das French Quarter. Sie galten bis Katrina als soziale Brennpunkte. Touristen wurde davon abgeraten, sie zu besuchen – Raubüberfälle und Schießereien zwischen Drogendealern gehörten hier zur Tagesordnung.

"Werden die Armen diskriminiert? Natürlich! Das ist eine weltweite Realität. Wir hatten die Sklaverei - mit schwerster Diskriminierung. Beeinflusst das unser Denken? Ich würde sagen ja! In diesem Punkt wäre die Regierung gefragt. In unserer Stadt sind die Armen zum Großteil Afroamerikaner. Wenn jetzt einige meinen, dass unsere Stadt ohne so viele Arme besser da stünde, haben sie wahrscheinlich recht. Arme brauchen einfach eine Menge sozialer Dienstleistungen (…)
Die Kriminalität stellt ein großes Problem für unsere Stadt und den Tourismus dar: Arme gegen Arme, Drogendealer gegen Drogendealer, wir haben eine extrem hohe Mordrate. Manche wollen das mit mehr Polizei lösen. Ich bevorzuge eine andere Lösung: Mich stört es, dass wir in New Orleans und im Staat Louisiana mehr unserer Einwohner inhaftieren als jeder andere Ort der Welt."

Pres Kabacoff

Station 4: Die Aktivisten

Ayana Molina ist Rapperin, geborene New Orleanian, Mutter von fünf Kindern, und Aktivistin. Zusammen mit Brother Shack kümmert sie sich im Projekt "True Love Movement“ um Post-Katrina traumatisierte Kinder und ihre Familien. Ayana rappt in "Young People" über Mut und Selbstvertrauen, bestätigt den jungen Leuten, dass sie Ärzte oder Anwälte werden können: "Ihr könnt den Traum eines besseren New Orleans leben, ihr habt euer Schicksal selbst in der Hand".

"Unsere Arbeit besteht darin, die Menschen ihren Wert verstehen zu lassen. Sie verstehen zu lassen, dass sie die Kraft haben, sich selbst aus ihrer Armut zu befreien. Dazu liefern wir ihnen die wunderbare majestätische Geschichte ihres Volkes. Wir erzählen ihnen dass sie nicht nur Sklaven waren, und vermitteln ihnen gleichzeitig ein paar konkrete Lebenshilfen. Wissen Sie: Egal wie viele Katrinas noch über uns hinwegfegen, dieses Gefühl kann niemand auslöschen: Diese Erinnerung daran, wer wir eigentlich sind."

Ayana Molina

Station 5: Der Häuptling

Big Chief Kentrell Watson (rechts) neben Feature-Autor Jonathan Fischer

Kentrell Watson ist ein Häuptling, ein "Big Chief" und nennt seinen Stamm "Wild Mohicans". Die Mardi Gras Indians sind Bestandteil einer geheimnisvollen Karnevals-Tradition der afro-amerikanischen Communities in New Orleans, die an die Flucht aus der Tyrannei der Sklaverei erinnert. Im Brotberuf arbeitet Watson als Gefängniswärter.

"Katrina hat gezeigt, dass die Mardi Gras Indians wenn es sein muss zusammenhalten. Wir waren damals die einzige kulturelle Strömung in der Stadt mit funktionierender Struktur. Das verrückte ist das wir außerhalb von New Orleans begeistert gefeiert, während man uns hier vernachlässigt. Deshalb ziehe ich als Big Chief mit meinem Stamm rauf nach Georgia (...)
In dieser Stadt kannst du den meisten Offiziellen nicht trauen. Wenn dir etwas passiert fragst du dich: Soll ich die Polizei rufen oder das nicht lieber alleine lösen? Macht es Sinn, die Stadt um eine Lizenz zu bitten? Das sind die Dinge die den Melting Pot zerbrechen. Da gibt es ein großes Leck im Melting Pot. Ein riesiges Leck"

Kentrell Watson

Station 6: Der Musiker

Benny Pete ist Bandleader der "Hot 8 Brassband". An manchen Tagen spielt die Band täglich bis zu drei Gigs: Auf Paraden, in Clubs, bei Hip Hop-Release-Partys, Schulfeiern - und immer häufiger bei Beerdigungen. Die Band erlangte auch traurige Berühmtheit durch den gewaltsamen Tod von Bandmitgliedern – erschossen unter ungeklärten Umständen. Einer von ihnen durch Polizei-Beamte.

"Ich denke die ganze Zeit daran, aufzuhören. Aber dann gibt es ein paar Dinge, die jeder der hier aufwächst an New Orleans liebt: Jeder in deiner Nachbarschaft wird dir etwas zu essen anbieten, oder ein Bett in seinem Haus. Es ist die Art wie wir mit unserem Alltagskampf umgehen. Schau dir nur mal die Beerdigungen an: Überall in der Welt wird da geweint und geschrien, verlieren Menschen gar ihren Verstand. Bei uns zollen wir dem Verstorbenen Respekt. Aber wir feiern auch die guten Zeiten, die wir gemeinsam verbracht haben. Das ist ein Lebensstil. Wir akzeptieren schon im Vorneherein, dass ein Leben auch enden wird"

Benny Pete Grew

Regie und Redaktion: Ulrike Ebenbeck
BR 2015

Der Autor

Jonathan Fischer arbeitet seit 30 Jahren als Musikjournalist u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Bayerischen Rundfunk. Zuletzt hat er Hörfunk-Features über die Migrationsbewegung aus dem Senegal (BR) und die Musikszene in Mali (WDR) produziert.


Hier können Sie das Manuskript herunterladen

Feuer unterm Melting Pot. New Orleans - zehn Jahre nach Katrina Format: PDF Größe: 506,74 KB


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