Bayern 2 - radioFeature


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Die Kunst des Geräuschemachens Donnerschacht und Frösche in Schnapsgläsern

Sturm und Wind, Donner und tosende See - alles selbstgemacht! Die Kunst des Geräuschemachens wird nur durch Überlieferung gelehrt und weiter gegeben, bis heute. Das radioFeature lüftet die Geheimnisse eines alten Handwerks.

Stand: 20.04.2017

Ein Löwengebrüll durch ein Papprohr, ein Spiegelei mit Hilfe von Cellophanpapier und Meeresrauschen erzeugt mit zwei Bürsten auf einem Kissen. Die Geschichte des Geräuschemachers reicht zurück bis in das Theater der Antike. Auch wenn die Meisten beim Begriff "foley artist" an die Anfänge des Tonfilms denken ist der Geräuschemacher extrem wichtig für die heutige Filmindustrie. Ob Game of Thrones, Rogue One: A Star Wars Story oder Inception - keine dieser riesigen Hollywood-Produktionen kommt ohne Geräuschemacher aus.

Handwerkszeug: Gläser, Kissen und Bürsten

Donnermaschinen aus der Antike bis zum Barock

Die Geschichte des Geräuschemachens reicht zurück bis in die Antike: Schon im Theater des antiken Griechenlands wurde der Auftritt eines Gottes mit einer Donnermaschine begleitet. Dazu wurden entweder Steine durch Lederschläuche in einen bronzenen Kessel geschüttet, oder man ließ Bleikugeln auf ein aufgespanntes Fell prasseln. Auch in den Mysterienspielen des Mittelalters donnerte es, damals mithilfe steingefüllter Fässer. In den opulent ausgestatteten Theatern des Barock gab es dann ganz unterschiedliche Arten, den Donner zu simulieren: Man wälzte eine schwere, eiserne Kugel auf dem Schnürboden hin und her, man schlug auf Donnerpauken, deren Fell mit Steinen belegt war.

3D-Audio-Fassung für Kopfhörerwiedergabe

3D-Audio: Die Technik dahinter

Diese Mischung wurde speziell für die Wiedergabe auf Kopfhörern optimiert. Damit erleben Sie dieses Feature in 3DAudio "binaural". Das heißt: Die Geräusche und Stimmen sind als Objekte in einem virtuellen akustischen Raum platziert und können darin auch bewegt werden. Sie, die Zuhörer, sitzen in der Mitte des Geschehens (und auch die Erzählerin ist bewusst in Ihrem Kopf positioniert), während Szenen in 360º um sie herum gestaltet sind. Diese Technik ist eine Virtualisierung der Kunstkopfstereofonie, die früher bereits im Radio eingesetzt wurde. Bei dieser Produktion haben wir im BR das experimentelle EDDIE-HOG-System des IRT verwendet, das derzeit im Rahmen des von der EU-geförderten Forschungsprojekts ORPHEUS derzeit weiterentwickelt wird.

Graphik zu 3D-Audio Fassung hier ansehen Format: JPG Größe: 288,91 KB

"Effect boys" - die Geräuschemacher des 20. Jahrhunderts

Um die Jahrhundertwende fanden auf Jahrmärkten oder in Varietés häufig Filmvorführungen statt. In Amerika standen neben Musikern und Kinoerklärern immer wieder sogenannte "effect boys" auf der Bühne, die mit kleinen, handgemachten Toneffekten die Filme untermalten. Sie benutzten Autohupen, wenn ein Auto durchs Bild fuhr, Kokosnüsse, um Pferdehufe zu vertonen und Schachteln, gefüllt mit Erbsen, für den Klang von Regen oder Meeresrauschen. Ein Pionier in der Szene war der Amerikaner Jack Donovan Foley, der 1929 angefangen hat, für den damaligen Filmton die Geräusche zu produzieren. Wer gerne länger im Kino sitzen bleibt, kennt vom Filmabspann auch den amerikanischen Begriff "foley artist".

Der Münchner Geräuschemacher Max Bauer

Eine Ausbildung zum Geräuschemacher gibt es bis heute nicht, es ist ein Handwerk, das überliefert wird. Ungefähr 40 Geräuschemacher arbeiten derzeit in Deutschland, einer von ihnen ist der Münchner Max Bauer. Seit über 20 Jahren wirkt er bei nationalen und internationalen Filmprojekten mit, zuerst 1994 bei "Die unendliche Geschichte III - Rettung aus Fantasien" und zuletzt 2017 bei "Mein Blind Date mit dem Leben". In seiner Münchner Klangwerkstatt kreiert er verblüffende Effekte mit einfachsten Mitteln.

"Schritte sind unser Hauptgeschäft. Wir Geräuschemacher müssen in den verschiedenen Filmen alle Arten von Schrittgeräuschen nachmachen: Frauenschritte, Kinderschritte, Männerschritte, Bergarbeiterschritte."

Max Bauer, Geräuschemacher

Anleitung für "Brandender Ozean" mithilfe von Metallbürsten, 1914

"Die Geräusche des brandenden Ozeans sind sehr vielschichtig. Das Grund-Geräusch erzeugt man, indem man zwei trockene Quecken-Bürsten oder zwei Metall-Bürsten über die Oberfläche des rostigen Bleches führt, das wir auf den Geräusche-Tisch genagelt haben. Manche Geräuschemacher schlagen vor, sich einer großen Trommel zu bedienen, auf deren Fell man trockene Erbsen langsam hin- und her rollen lässt. Das Brechen der Wellen fügt man mithilfe eines Rohres hinzu, lang genug um es kippen zu lassen. Das Rohr enthält trockene Erbsen. Die kullern eine im Zickzack gelegte Zinkleitung entlang. Der Apparat ist an beiden Enden von zwei nicht gespannten Trommelfellen verschlossen, die den Ton eher gedämpft klingen lassen." Zitat aus S. de Serk: "Les bruits de coulisses au cinéma“ Bibliothèque Générale de Cinématographie, 1914.

Die Autoren

Autorentrio im Studio: Andrea Kilian, Bernhard Jugel, Max Bauer (v.l.n.r.)

Der Münchner Max Bauer wirkte bei über 200 nationalen und internationalen Filmproduktionen als Geräuschemacher mit. Für Bernhard Jugel ist es das erste binaural produzierte Feature in seiner Radio-Laufbahn. Der Regisseur, der überwiegend Hörspiele produziert, ließ sich dennoch auf das Experiment ein. Regisseurin Andrea Kilian war bei der Produktion sowohl Autorin als auch Sprecherin. Als Schauspielerin steht sie zusammen mit Max Bauer auf der Bühne.

Produktion: BR 2017 in Zusammenarbeit mit dem EU-Forschungsprojekt ORPHEUS
Redaktion: Katja Huber
Regie: Max Bauer, Andrea Kilian, Bernhard Jugel

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Donnerschacht und Frösche in Schnapsgläsern Format: PDF Größe: 112,94 KB


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