Bayern 2 - radioFeature


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Der mittelamerikanische Exodus Wenn Kinder nur noch weg wollen

Sie sind Kinder und Jugendliche und durchqueren alleine Mexiko. Eine mörderische Route im Schatten von Drogenkartellen, Entführern und Menschenhändlern. Oft verschwinden die Kinder für immer.

Stand: 07.11.2016

Medienpreis der Kindernothilfe 2016

Erika Harzer wurde am 4. November mit dem Medienpreis "Kinderrechte in der Einen Welt" des Hilfswerks Kindernothilfe ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: "Die Autorin hat beeindruckende Protagonisten gefunden, deren Geschichten das Thema eindringlich darstellen. Dabei spannt Erika Harzer einen globalen Bogen und betont, dass das Problem nicht lokal ist. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern eine weltweite Problematik. So zeigt der Beitrag die globalen Zusammenhänge und die Tatsache, dass einzelne Länder nicht mehr separat betrachtet werden können."

Peter Scholl-Latour Preis 2016

Radiofeature-Autorin Erika Harzer (r.) mit Eva Scholl-Latour und Ulrich Wickert.

"Der mittelamerikanische Exodus" wurde am 29. September 2016 mit dem Peter Scholl-Latour Preis für die Berichterstattung über das Leid von Menschen in Krisen- und Konfliktgebieten ausgezeichnet. Ulrich Wickert überreichte Erika Harzer den mit 6.000 Euro dotierten Preis. Jurymitglied Paul-Josef Raue fasst die Bewertung wie folgt zusammen: "Wer sich dieses Feature anhört, dem kommen die Bilder der Kinder ganz nah. Kinder, die auf Züge springen, die mit Schleusern ringen, die sterben. Diese Bilder werden so lebendig. Es ist faszinierend erzählt, fast ein Hörspiel. Man wird gebannt, richtig reingezogen in diesen Hör-Film. Er ist preiswürdig ohne Ende."

Für eine bessere Zukunft

Die Zunahme von unbegleiteten Kindern und Eltern mit Kindern, die über die Grenzen am Rio Grande von Mexiko in die USA kommen, hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Die Vereinigten Staaten reagieren mit der Verstärkung ihrer Grenzschutztruppen und dem Bau immer höherer Zäune und Mauern - das eigentliche Problem bleibt aber ungelöst.

"Mit 35 Lempiras in der Tasche bin ich los. Und meinem Handy. Das war alles. Ja und die Klamotten, die ich anhatte und die Zahnbürste. Ich war 15 als ich losging, und als ich über die Grenze ging, war ich 16. Für eine bessere Zukunft, sagte ich mir. Ich wollte eine bessere Zukunft für meine Eltern. Es ging schief … was können wir schon machen?"

Ricardo Elvir, Honduras

Junge Migraten auf dem Weg von Mexiko in die USA.

Die Minderjährigen kommen aus Guatemala, El Salvador und Honduras, den Ländern des sogenannten mittelamerikanischen Dreiecks. Ihre Heimatländer gelten nicht als Kriegsregionen und sind doch Länder, aus denen Kinder aus Angst um ihr Leben fliehen. Es sind Länder, in denen sich Rechtsstaatlichkeit zugunsten von Korruption in der Auflösung befindet und die Sicherheitskräfte, die eigentlich den Schutz der Menschen gewähren sollten, Bestandteile der Gewaltstruktur sind. Zum Beispiel Honduras.

Die Gewaltsituation im Land ist alarmierend. Neben der weltweit höchsten Mordrate gibt es in Honduras eine beträchtliche Anzahl Verschwundener. Auch die Anzahl sexualisierter Gewaltverbrechen ist beängstigend hoch. Dazu kommen gewalttätig ausgetragene Landkonflikte - um nur einige der Verbrechen aufzuzählen.

Über Mexiko versuchen die Kinder und Jugendlichen in die USA zu kommen. An Profit interessierte Schleuser, korrupte Polizisten und Banden, die ihren Wegzoll fordern, machen den jungen Flüchtlingen das Leben schwer - oft verschwinden die Kinder auch einfach und tauchen nicht mehr auf.

"Ein Jugendlicher mit 14 oder 15 erhält von den Banden die Aufforderung: Du kommst zu uns. In drei Tagen soll er sich entscheiden. Bei Nein, wird er umgebracht." Padre Flor Maria Rigoni, Migrantenherberge Tapachula

Es gibt viele Menschen, die eine Enthauptung miterleben müssen, oftmals als Warnung. Heute ist es nicht mehr die Armut, sagt Padre Flor Maria Rigoni der Migratenherberge Tapachula, es ist die Gewalt, die junge Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen. Die Armut ist nicht mehr so sichtbar, man ist daran gewöhnt. "Aber wenn der Armut die Würde genommen wird, wirst du zum Tier, das überleben will - mit kriegerischer Mentalität. Du akzeptierst Dinge, die du in Friedenszeiten nie akzeptieren würdest."

Produktion: BR / Deutschlandfunk / WDR 2015
Redaktion: Katja Huber
Regie: Ron Schickler

Die Autorin

Erika Harzer, geboren 1953 in Süddeutschland, lebt in Berlin und ist Autorin zahlreicher Radiofeature und Dokumentarfilme. Nach längeren Auslandsaufenthalte in Nicaragua und in Honduras zieht es sie immer wieder auf diesen Kontinent. Dort sucht sie ihre Themen. Die Sendung hat den Peter Scholl-Latour Preis sowie den Medienpreis der Kindernothilfe 2016 gewonnen.

Weiterführende Literatur und Filme

Buch: Dirk Reinhardt, Train Kids, Gerstenberg Verlag 2015
Spielfilm: Cary Fukunaga, Sin nombre, USA 2009
Dokumentarfilm: Heidi Specogna/ Erika Harzer, Das kurze Leben des Jose Antonio Gutierrez, 2005
Dokumentarfilm: Uli Stelzner, Asalto al Sueño, 2006

Hier können Sie das Manuskript herunterladen


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