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Gottlos in Texas Innenansicht des amerikanischen Atheismus

Seit 17 Jahren wird vom konservativen texanischen Austin die Diskussionssendung "The Atheist Experience" in die ganze Welt ausgestrahlt. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Ralf Büchelers Dokumentarfilm zum Thema wurde mit dem Förderpreis des Film-Fernsehfonds Bayern ausgezeichnet.

Von: Ralf Bücheler

Stand: 29.12.2015

asd | Bild: BR/Ralf Bücheler

Ausgezeichnet

Ralf Bücheler wurde am 16. Mai 2015 im Rahmen des Münchner Dokumentarfilmfestivals für seinen Film "Mission Control Texas" mit dem Förderpreis des Film-Fernsehfonds Bayern ausgezeichnet.

Das Prinzip von "The Atheist Experience": Zwei Moderatoren diskutieren mit Anrufern über Gott und die Welt. Auch nach 17 Jahren ist die Show noch immer die einzige ihrer Art in den USA. Weil in Amerika alles irgendwie mit Religion zu tun hat, wird in der Sendung kein großes Thema ausgespart: Es geht um Evolution, Bildung, Wissenschaft, Moral, Politik, Klimawandel, Abtreibung - und natürlich immer wieder um die Existenz Gottes.

Manche Christen lassen sich vom Atheismus überzeugen

Viele Anrufer sind Christen, die ihren Glauben verteidigen. Sie scheitern fast ausnahmslos und werden ungnädig abserviert. Moderator Matt Dillahunty und seine Mitstreiter haben schon so ziemlich jedes Argument gehört.

"Mein Ziel ist, die Menschen zu informieren. Ich habe ja auch von meinen Vordenkern profitiert - von Voltaire und Hume und all den anderen. Sie haben mir geholfen, mich von der Religion zu befreien. Klar: Die Show verändert die Wenigsten sofort. Aber manchmal bekomme ich e-Mails von Menschen, die vor fünf Jahren mal angerufen haben. Die schreiben: Damals hielt ich Dich für einen Idioten - aber jetzt bin ich Atheist. Die Gespräche am Telefon hören sich also bloß so an, als würden sie zu nichts führen. In Wirklichkeit ist das vergleichbar mit Evolution: Das Bewusstsein verändert sich langsam. Außerdem wissen wir, dass es funktioniert: Ich bin Atheist, obwohl ich früher gläubig war. Wer behauptet, dass man Menschen nicht zum Umdenken bewegen kann, hat unrecht Menschen ändern ihre Meinung."

Matt Dillahunty

Zahl der atheistischen Anrufer steigt stetig

Im Vergleich zu den Anfängen rufen auch immer mehr Atheisten bei Matt Dillahunty an. Viele fragen wie sie sich gegenüber ihren christlichen Verwandten verhalten sollen. Vor allem für die ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten gilt noch immer: Menschen, die sich als Ungläubige outen, bekommen Probleme - schließlich weiß jeder, dass sie einst in der Hölle schmoren werden. Also setzen Eltern, Freunde und Kirchen alles daran, die Abtrünnigen vor diesem Schicksal zu bewahren.

Wer aber nicht mehr zum Glauben zurückfindet, verliert oft sein soziales Netzwerk. Wenn Ratsuchende bei "The Atheist Experience" anrufen, werden aus den streitbaren Atheisten mitfühlende Zuhörer; viele von ihnen haben das selbst erlebt.

Wahlen und Religionszugehörigkeit in den USA

Seit Januar laufen in den USA die Vorwahlen, die sogenannten Primaries, für die Präsidentschaftswahlen 2016. In Amerika kann es bei Wahlen von entscheidender Bedeutung sein, ob und welcher Religion man angehört. Die meisten Amerikaner würden zum Beispiel eher einen Muslim zum Präsidenten wählen als einen Atheisten.
Auch John F. Kennedy hatte es 1960 nicht ganz leicht. In den Augen seiner Partei hatte er einen Makel: Er war katholisch. Noch nie zuvor hatte es in den USA einen katholischen Präsidenten gegeben. Es war unsicher, ob die überwiegend protestantischen Wähler ihm ihre Stimme geben würden. Bei den Vorwahlen in West Virginia, dessen Bevölkerung zu 95 Prozent protestantisch war, setzte sich Kennedy klar mit 61 zu 39 Prozent gegen seinen Mitbewerber durch. Damit waren alle Zweifel ausgeräumt.

Atheismus in Deutschland

In Deutschland müssen sich Menschen, die nicht (mehr) an Gott glauben, kaum rechtfertigen. Viele atheistische und humanistische Organisationen gehen auf die Zeit der 1848er-Revolution zurück. Heute reichen ihre Themen von der Kritik an Kirchensteuern und an Kruzifixen in öffentlichen Gebäuden, über die Forderung, statt Religionunterricht das Fach Lebenskunde in den Schulen einzuführen, bis hin zur ärztlich legalisierten Beihilfe zum Suizid.

Politischer Atheismus in Deutschland

Der Humanistische Verband Deutschlands

Der Humanistische Verband, kurz HVD, beruft sich in Bayern auf eine freichristliche Vereinigung aus der Zeit der Revolution von 1848. Der Berliner Landesverband dagegen sieht seine Anfänge beim Verein für Feuerbestattung. Sozialdemokraten gründen ihn Anfang des 20. Jahrhunderts. In den 20er Jahren erleben die Freidenker ihre Hochzeit – bis die Nationalsozialisten sie verbieten. Erst nach der Wiedervereinigung gründen verschiedenste freidenkerische Verbände den Bundesverbands, der eigenen Angaben zufolge etwa 20.000 Mitglieder hat. In Bayern sind es 2.000. Längst hat sich der Zusammenschluss zu einem Rundumversorger ohne Gott entwickelt: Kitas, Schuldnerberatung, Hospize - der HVD bietet eigenen Aussagen zufolge alles von der Wiege bis zur Bahre. In Bayern erhält der Verband als freier Träger von derzeit 17 Kindertagesstätten derzeit jährlich rund acht Millionen Euro vom Freistaat.

Der Bund für Geistesfreiheit

Auch seine Wurzeln reichen bis zur Revolution von 1848. Er geht auf eine freireligiöse Bewegung zurück. Atheisten und Religionslose zu unterstützen ist auch heute noch erklärtes Ziel der Körperschaft des öffentlichen Rechts. In Bayern hat der Bund für Geistesfreiheit eigenen Angaben zufolge rund 5.000 Mitglieder. Vom Freistaat bekommt der Verband derzeit 19.500 Euro für die Mitgliederbetreuung, ab 2015 sind es 30.000 Euro.

Die Giordano-Bruno-Stiftung

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete sie einmal als Fluch und Segen zugleich für die alteingesessenen Humanisten. So macht die erst 2004 von einem ehemaligen Möbelunternehmer gegründete Stiftung doch sehr öffentlichkeitswirksam auf Anliegen der Atheisten aufmerksam. Andererseits droht allein durch die Fülle der abgedeckten Themen die Gefahr, selbst ins Hintertreffen zu geraten. Die Themen reichen von der Unterstützung für ehemalige Heimkinder bis hin zu Sterbehilfe und Tierrechten. Dafür startet die Stiftung nicht selten öffentlichkeitswirksame Kampagnene. So sollten 2009 Busse mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott“ durch deutsche Städte fahren. 17 Nahverkehrsbetriebe lehnten die Werbeaktion der Atheisten jedoch ab. Die Stiftung selbst bezeichnet sich als Denkfabrik, die das entsprechende Fachwissen liefern könne wie etwa in der Beschneidungsdebatte, die hauptsächlich von einem Beiratsmitglied der Stiftung ins Rollen gebracht worden war.

Wissenschaftliche Literatur rund um Atheismus und Säkularisierung:

  • Pickel Gerd, Pollack Detlef, Müller Olaf. 2012. „Differentiated Secularization in Europe: Comparative Results.“ In The Social Significance of Religion in the Enlarged Europe: Secularization, Individualization and Pluralization, herausgegeben von Pollack Detlef, Müller Olaf, Pickel Gerd, 229-255. Farnham/Burlington: Ashgate.
  • Pollack Detlef. 2011. „Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität in Europa.“ In Glaubensfragen in Europa: Religion und Politik im Konflikt., herausgegeben von Ariens Elke, König Helmut, Sicking Manfred, 15-49. Bielefeld: transcript.
  • Gabriel K, Gärtner C, Pollack D, Hrsg. 2012. Umstrittene Säkularisierung: Soziologische und historische Analysen zur Differenzierung von Religion und Politik. Berlin: Berlin University Press.
  • Pollack Detlef. 2012. „Säkularisierung auf dem Vormarsch: Das Schrumpfen der Kirchen geht mit dem Rückgang persönlicher Religiosität einher.“ Zeitzeichen 2012/9, Nr. 13: 14-16.

Der Autor

Ralf Bücheler, Jahrgang 1975, wuchs im Allgäu auf und studierte Ethnologie und Literatur in München und Swansea (MA). Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Er lebt und arbeitet in München als freier Filmemacher.

Technik: Michael Krogmann
Regie: Ralf Bücheler
Redaktion: Ulrike Ebenbeck
BR 2015

Hier können Sie das Manuskript der Sendung herunterladen.


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