Bayern 2 - Nachtstudio


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Meinungsbildung Lob des Vorurteils

Hier endlich die Sendung für alle, die sich nicht mehr in den traditionellen Medien wiederfinden: Mehr Vorurteile und vorgefertigte Denkmuster als Facebook oder Blogs liefert Ulrich Bassenges Essay. Vertraute Denkgewohnheiten retten über Zeiten, in denen nationales Selbstwertgefühl knapp ist oder der Fanatismus um uns herum aufbrodelt!

Stand: 04.02.2016

Frauen protestieren beim so genannten «Slutwalk»in der Hamburger Innenstadt. In Hamburg und mehreren deutschen und internationalen Großstädten nahmen mehrere hundert Menschen an Demonstrationen gegen die Verharmlosung sexueller Gewalt teil und wollen darauf aufmerksam machen, dass sexualisierte Gewalt nichts mit dem Aussehen oder der Kleidung einer Frau zu tun hat.  | Bild: picture-alliance/dpa

"Ich mag keine Prinzipien. Ich bevorzuge Vorurteile."

Oscar Wilde

Die Welt ist komplex. Sich darin zurecht zu finden, ist alles andere als einfach. Wie praktisch, wenn Orientierungshilfen einen Weg durch den Welt-Dschungel weisen! Vorurteile sind nichts anderes als praktische Standpunkte, derer man sich leicht bedienen kann. Vorurteile erleichtern, vereinfachen und lassen schnell urteilen ohne lang nachdenken zu müssen. Vorurteile statt Selberdenken!

1978 fasste der Soziologe Heinz E. Wolf in seinem Aufsatz "Zur Problemsituation der Vorurteilsforschung" zusammen: "Ein Vorurteil ist eine verbindliche Stellungnahme, ohne dass dem Stellungnehmenden die empirische Sachstruktur ausreichend objektiv bekannt ist oder von ihm berücksichtigt wird."

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Aber es ist ja auch verdammt einfach. Der Weg zum Selberdenken ist mit Gerümpel verstellt, dafür liegt uns ein leicht zu handhabender Vorurteils-Baukasten vor den Füßen. Wir müssen ihn nur benutzen. Berge an Fakten simulieren Orientierung. Und sofort fühlt sich der Leser, der Zuseher, der Hörer, der Internetnutzer objektiv informiert. Das Vorurteil greift auf breiter Basis: in soziologischer, kulturgeschichtlicher und psychologischer Hinsicht.

Die Stadt Düsseldorf wird oft aus klischeehaften Perspektiven gesehen. Eine Aktion soll diesem Vorurteil Paroli bieten.

Im Vorurteilsmissbrauch lauert Gefahr: schnell kann ein Flächenbrand entstehen, und da der Einsatz des gesunden Menschenverstandes oft arg mühsam ist, ist die schnelle Ausbreitung der Katastrophe nur schwer wieder aufzuhalten. Und dann sind da noch die Denkgewohnheiten. Schließlich war es doch schon immer so und so, und warum sollte es jetzt anders sein? Frauen sind biologisch gesehen emotionaler, weil sie für die Brutpflege zuständig sind und deswegen für Argumente nicht zugänglich, Schwarze sind tolle Musiker und super Sportler, aber die Sklaverei hat sie zu abhängigen Subjekten gemacht. Ist doch logisch, das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand.

150 Millisekunden

Es ist ja auch nicht leicht, sich dagegen zu wehren, einem Vorurteil aufzusitzen. Die Zeitspanne, die ein Mensch benötigt, um einen ersten Eindruck aufzunehmen und einzuordnen beträgt gerade einmal 150 Millisekunden. Sich dagegen zu wehren ist zwecklos. Und im Nachhinein verändert sich dieser Eindruck in der Regel nicht bedeutend. Dabei würden wir doch so gerne objektiv urteilen, wollen instinktiv, nicht vorurteilsbelastet einschätzen. Umgekehrt wünschen wir uns ja auch nicht, vorschnell be- und verurteilt zu werden. Aus evolutionärer Sicht ist es klar von Vorteil, den Gegner, Konkurrenten, Gefährten und Begehrten schnell und ohne viel Umschweife einzuordnen. Ist er ein fairer Gegner oder verschlagener Wicht? Loyal oder wankelmütig? Vertrauen erweckend oder mir überlegen?

"Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen."

Max Horkheimer

Geschichte des Vorurteils

Etwas, das schon so lange Gegenstand der Wissenschaft ist, ist ja auch schwer aus der Welt zu schaffen. 1646 listete der britische Arzt und Essayist Sir Thomas Browne in seiner "pseudodoxia epidemica" populäre Vorurteile und startete den Versuch, sie zu widerlegen. Darunter zum Beispiel die Behauptung, dass Maulwürfe blind seien, dass Kinder von Natur aus Hebräisch sprächen, dass der Mann eine Rippe weniger als die Frau habe. Damit traute er sich sogar, Inhalten der Bibel zu widersprechen - durch einfaches Nachzählen beim Mann, ob ihm da was fehle am Brustkorb!

Horkheimer, deutscher Philosoph, der es als Jude in Deutschland mit dem ein oder anderen Vorurteil zu tun bekam, fasste zusammen:

"Vorurteil nennt ursprünglich einen harmlosen Tatbestand. In alten Zeiten war es das auf frühere Erfahrung und Entscheidung begründete Urteil, praejudicium. Später hat die Metaphysik, Descartes, Leibniz zumal, eingeborene Wahrheiten, Vorurteile im strengen Sinne, zur höchsten philosophischen Wahrheit erklärt. Sätze 'a priori', der Erfahrung logisch vorgeordnet, bilden nach Kant die reine Wissenschaft."

Max Horkheimer

Aber es muss ja nicht immer alles negativ sein. Balten, Kroaten und Japaner verbinden mit den Deutschen positive Vorurteile, ebenso wie Deutschland in vielen arabischen Ländern gefeiert wird. Der Jude als gemeinsamer Feind, die angeblichen Errungenschaften der Nazizeit und die großen deutschen Namen verbinden mit Begeisterung: Hitler und Rummenigge.

So lange es Vorurteile gibt, sind Meinungen überflüssig. Und so unbeliebt das Vorurteil auch ist, benutzt wird es trotzdem ständig.


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