Bayern 2 - Nachtstudio


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Rauschkultur Music is the basic drug

Musik, Drogen, durchtanzte Nächte - regelmäßig werden Wochenenden zu einem einzigen Rausch. Warum begeben sich Menschen, die unter der Woche geregelter Arbeit nachgehen, immer wieder in diesen Ausnahmezustand?

Stand: 10.05.2016

Ohne Dröhnung keine Party

In den 90ern wurde Techno zum Mainstream. Egal ob bei der Love-Parade oder im Techno-Tempel: tagelang wurde gefeiert, mit und ohne Drogen. Drogen gibt es gute und schlechte, akzeptierte und böse. Leistungssteigernde Mittelchen werden toleriert, zudröhnende verboten.
Die Lust auf Substanzenkonsum kommt aus dem Alltag: Arbeit beutet aus, das muss man erstmal ertragen. Der Rausch hilft dabei. Er lässt einen durchhalten, länger tolerieren, besser, leistungsfähiger, kreativer sein, schneller abschalten, entspannen, die Zeit gefühlt effektiver nutzen. Müssten wir nicht selbstausbeutend und oft am Limit arbeiten, wie es die Mehrheit der westlichen Menschheit tut, bräuchten wir dann keinen Rausch?

Der Rausch ermöglicht nicht nur ein angenehmeres Alltagsleben, sondern auch neue Perspektiven. ​So ist das eigentlich schon seit Jahrhunderten. Das Leben im Club, im Rausch von Musik und Drogen, kann als eine Art Religionsersatz gesehen werden. Waren doch die Rituale der Kirche akzeptierte Veranstaltungen, in denen die Kirche den Berauschtheits-Zustand dazu nutzte, die Masse zu kontrollieren. Das gilt nicht nur für den christlichen Glauben. Die Tänze streng religiöser, amerikanischer Sekten (wie den Shakern beispielsweise) waren ekstatisch, hervorgerufen durch die Bewusstseinsveränderung, die Musik, Bewegung, Litanei und Gesang mit sich bringen.

Für einen ordentlichen Rausch braucht es nicht unbedingt Alkohol, Pillen oder andere Substanzen, tanzen oder meditieren können gleiche Effekte haben.

"Musik ist Rausch. Man muss sich nur die ganzen afrikanischen Stammestänze angucken, wo Leute stundenlang vor sich hintrommeln, immer wieder monotone Rhythmen und was bei denen dann so abgeht nach einer gewissen Zeit im Kopf. Also als rationales Handeln würde ich das nicht mehr bezeichnen. Das sind körpereigene Drogen, die da wirken."

Dr. Thorsten Jeck vom Drogen-Präventions-Verein 'eve&rave Münster e.V.'

Man muss allerdings genießen können. Und Lust haben, die Ekstase zusammen mit anderen zu erleben. Dr. Thorsten Jeck stellt fest, dass die Partykultur egoistischer ist als in den 90ern. Früher sei das Feiern wesentlich ekstatischer gewesen. ​Freiheit im Club zu finden, ist sowieso mehr Illusion denn Wahrheit, denn auch der Club ist Teil eines kontrollierten Systems, mit Warteschlange am Eingang, hohen Getränkepreisen; und wer nicht gut drauf ist, soll besser wieder nach Hause gehen. Der Ausstieg aus dem Alltag auf Zeit entspricht einem kapitalistischen Prinzip: kurz ausflippen und dann wieder anpassen.

Cyberdrogen

Timothy Leary, LSD-Pionier und der berühmteste Verfechter der Psychedelik, ist überzeugt, dass Computer das LSD der 90iger seien. Bei Rollenspielen erlebt der Nutzer fremde, ungewohnte Welten, neue Realitäten. Learys Bewegung der Cyberdelics entwickelte sich zum Transhumanismus, der an die Verschmelzung von Mensch und Technologie glaubt. Selbstoptimierung und Unsterblichkeit sind die Ziele, dabei steht dem Transhumanisten aber immer ein Konzern im Nacken, der über die Kontrolle über die Technik verfügt.

Audiodrogen, Beats, die die Gehirnwellen beeinflussen und an ihren Rhythmus anpassen, sollen die gleiche berauschende Wirkung wie Kokain oder Haschisch hervorrufen. Vielleicht sind wir auf dem besten Weg weg von Pillen und Pulvern, die das Bewusstsein beeinflussen, hin zu digitalen Drogen, die genau das gleiche können. Sicher ist: Der Rausch ist immer die Reaktion auf irgendwas in der Außenwelt. Er ist ein Teil des Menschen und gehört genauso zum erfüllten Leben wie Essen, Sex, Liebe und Schlaf. Sein schlechtes Image bekommt er von unserem christlichen ​Wertesystem und den gesellschaftlichen Normen verpasst. Dennoch ist er eine Bewältigungsstrategie für den allgegenwärtigen Stress oder einfach die Möglichkeit, das Beste aus sich selbst herauszuholen.


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