Bayern 2 - Nachtstudio


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Am Anfang ein Totenschädel Ausgang aus der langen Nacht

Wie kann es sein, dass schwarz zum Synonym für Ungebildetheit und Rückständigkeit wurde? Und wieso bot die Vernunft keinen Schutz vor dieser Behauptung? Um diese Fragen kreist das Denken von Achille Mbembe, der 1957 in Kamerun geboren wurde.

Stand: 15.03.2017

Achille Mbembe | Bild: picture-alliance/dpa

Achille Mbembe erzählt in seinem jüngsten Buch „Ausgang aus der langen Nacht“ in Rekurs auf seine Biographie. Er reflektiert über den Tod, die Entkolonialisierung, den Kampf seiner Heimat um Unabhängigkeit, die immer noch notwendige Autoentkolonialisierung Europas und die Chance auf die Neuerfindung einer tatsächlich freien und gerechten Gesellschaft in Südafrika.

Markt am Dorfrand von Douala

Es beginnt mit Toten, Totenschädeln und Geistern. Achille Mbembe tastet sich zurück in seine Kindheit in der Nähe des Dorfes Douala, wo die Begegnung mit Bestattungsritualen und Gräbern ihn verängstigt und zugleich fasziniert. Er erinnert sich an die Nächte voller Angst, angefüllt mit den Fragen, wie der Tod ins Leben wirkt und wie die Vergangenheit in die Gegenwart.

"An manchen Tagen, wenn es Abend wurde und die sternenklare Nacht langsam hereinbrach, rief ich mir diese Gräber, die ich mittags während des Fußballspiels der Schulkinder gesehen hatte, in die Vorstellung zurück. Und im Stillen fragte ich mich, ob ich jemals in der Lage sein würde, über diese Grabstätten zusammenhängend zu reden, die in der sengenden Sonne so trocken und so eindeutig ockerfarben aussahen und doch zugleich vollständig in einen Schatten gehüllt waren, der mich wehmütig werden ließ und mich mit Traurigkeit und Mitleid erfüllte, als ob bereits in diesem Alter die Vergangenheit verloren gegangen wäre, die Unendlichkeit des Himmels versperrt und das Ende der Welt kurz bevorstünde."

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht

Achille Mbembe beschreibt das damalige Nebeneinander von fremden christlichen Motiven und der Geisterwelt seiner Ahnen und wagt es, sie zueinander in Bezug zu setzen. Er rekapituliert die Prozesse der Entkolonialisierung in Kamerun und wie die Erlangung nationaler Unabhängigkeit sich verknüpft mit der Ausschaltung der ursprünglichen Unabhängigkeitskämpfer, die von despotischen Potentaten aus der öffentlichen Diskussion verbannt werden. Die Entkolonialisierung als ein Simulacrum, das zwar Unabhängigkeit generiert, aber Freiheit immer nur aufschiebt.

"Indem es sein Leben unter den Nationen mit der Verweigerung einer Grabstätte für einen toten Verwandten begann, hat mein Heimatland nicht nur seinen Willen bekundet, seine politische Ordnung auf die radikale Verweigerung von Menschlichkeit gegenüber dem politischen Gegner zu gründen. Es hat auch zum Ausdruck gebracht, dass es eine Politik der Grausamkeit einer Politik der Brüderlichkeit und der Gemeinschaft vorzieht. Es hat die Idee von Freiheit, für die wir gekämpft haben, einer Idee von Unabhängigkeit geopfert, die seinem ehemaligen Sklaven großmütig zu gewähren dem Herrn gefallen hat."

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht

In Paris trifft Mbembe auf ein Europa, das bei aller Fassade aus Vernunft und Höflichkeit durch seine Vergangenheit als Kolonialkultur auch eine dunkle Seite hat. Die schonungslose Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit wäre als Autoentkolonialisierung noch zu leisten. New York wird für den Autor dagegen Inbegriff von Gastfreundschaft, Offenheit und Multikulturalität. New York als Hauptstadt eines Optimismus, der die auch in dieser Stadt nicht fehlenden dunklen Seiten beinahe vergessen lässt:

"Als Idee, Zeichen und Utopie hat New York mich im wahrsten Sinne des Wortes verführt, wie ich gestehen muss. Es hat meine intellektuelle Arbeit un­heimlich angeregt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in der Lage, das Weltengeschrei, das rauschende Echo des Aufeinandertreffens der Nationen deutlich zu hören. Auch ich wollte Teil dieser Epiphanie sein. Muss ich klarstellen, dass ich gleichwohl nicht vergesse, dass in ebendieser Metropole ein Schwarzer leicht von mehr als drei Dutzend Polizeikugeln durchsiebt werden kann, wenn er sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet?"

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht

Jugendliche in Johannesburg

Im südafrikanischen Johannesburg entwickelt der Autor bei allen Krisen und Kriegen, die den südafrikanischen Kontinent regelmäßig heimsuchen, die Hoffnung, dass hier eine neue Form der kulturellen Verschmelzung entstehen kann. Eine afropolitanen Gesellschaft, die sich durch einen anderen Umgang mit Differenzen und mit der Zirkulation von Menschen und Kulturen auszeichnet.

"Die südafrikanische Erfahrung zeigt, dass die Aufforderung, „aufzustehen und zu gehen“ – die Entkolonialisierung –, an alle gerichtet ist, Feinde und Unterdrückte von gestern. Wenn man glaubt, dass es genügt, den Kolonisten zu töten und seinen Platz einzunehmen, um wieder ein wechselseitiges Verhältnis herzustellen, ist das eine Pseudobefreiung. Dank Südafrika können wir über das nachdenken, was gemäß der Politik der Rache den Kain-Komplex lediglich wiederholt."

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht

Achille Mbembe, geb. 1957, ist ein kamerunischer Historiker und politischer Philosoph. Er zählt zu den Vordenkern des Postkolonialismus. Mbembe lehrt nach Stationen an der Columbia University, der University of California in Berkeley, der Yale University und der Duke University heute an der University of the Witwatersrand in Johannesburg. Für sein Buch Kritik der schwarzen Vernunft wurde Mbembe 2015 mit dem 36. Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Ausgang aus der langen Nacht

Von Achille Mbembe
Aus dem Französischen von Christine Pries

Mit Stefan Merki
Regie: Martin Zeyn
BR 2017, 56‘07

Der Text ist dem Buch „Ausgang aus der langen Nacht“ entnommen, das bei Suhrkamp erschienen ist.
Die Produktion steht nach Sendung 7 Tage zum Nachhören und Download bereit.


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