Bayern 2 - Nachtstudio


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Wer hat, dem wird gegeben Das Unbehagen an der Kulturarbeit

Projektverträge, schlechte Bezahlung, unzählige Überstunden - wer in einem Kulturbetrieb arbeitet, ist mit diesen Bedingungen vertraut. Michael Hirsch fragt: "Ist Prekarität der Normalzustand in der Kultur?"

Stand: 10.03.2016

Low Budget ist Programm

Eigentlich sollten soziale Rechte und kollektive Vereinbarungen vor Ausbeutung und Selbstausbeutung schützen. Aber gerade im Kulturbetrieb sind zweifelhafte Entlohnungspraktiken an der Tagesordnung.
Die Kassen sind leer, die kreativen Köpfe voll mit spannenden, neuen, diskursiven Projekten, die sich in Lebensläufen junger, aufstrebender Künstler gut machen. Da holt sich ein gut subventioniertes Stadttheater mit Kost und Logis entlohnte, hoch qualifizierte Spezialisten für die Verwirklichung eines Prestigeprojektes und erklärt die Ungleichheit zwischen den Akteuren zum Inhalt des Projektes.

Kulissenbau für das Projekt "Hotel Shabbyshabby"

Soziale Ungleichheit, Unsicherheit und Ausbeutung geschieht unter dem Deckmantel von Diskursen der Freiheit, Kreativität, Selbstverwirklichung und Gesellschaftskritik. Sicherheit wird gegen vermeintliche Freiheit eingetauscht.
Das Unbehagen darüber, wie Kultur organisiert ist, wächst stetig. Das Kulturleben, das auf prekärer und schlecht bezahlter Arbeit sowie auf einer Machtungleichheit beruht, hat ein Systemproblem.

Primär geht es aber nicht um gute oder schlechte Bezahlung, sondern vielmehr um Gleichheit, also um die Sicherung der Unabhängigkeit kultureller Arbeit. Wer in einem sozialen Ungleichheitsverhältnis lebt und arbeitet, bleibt oft allein. Die allgemeine Problematik wird verhandelt, die Thematisierung der Ungerechtigkeiten im eigenen Arbeitsbereich aber gerät ins Hintertreffen bzw. ist oft den Akteuren selbst nicht präsent.

Low Budget wird zum Programm erklärt. Sich damit abzufinden ist der falsche Ansatz. Ungleiche Arbeitsverhältnisse sind nicht nur für die Betroffenen ungerecht, sondern untergraben gesellschaftliche Solidarität und das soziale Klima insgesamt. Leben in Warteschleife auf eine bessere Beschäftigung führt nicht nur zu materieller Armut, sondern auch zu sozialer Unsicherheit und einem instabilen Selbstwertgefühl.

Universitäres System

"Forschungsförderung" ist der offizielle Begriff für das Prinzip, Abhängigkeit im universitären System herzustellen. 90% der an Universitäten Lehrenden sind befristet beschäftigt. Dadurch, dass Forschungsprojekte benannt und beziffert werden müssen, ist Arbeiten nach eigenen Maßstäben nicht möglich. Hochschulprofessuren ohne Projektapparat und Forschen mit Freiräumen gibt es nicht mehr. Dazu kommt, dass gleiche Arbeit nicht gleich bezahlt wird.

Während einer Demonstration für faire Bezahlung im Kulturbetrieb in Hamburg

Wenige Anzeichen von Widerstand gibt es: Schriftsteller legen bei einem englischen Literaturfestival Protest ein, weil sie ohne Honorar arbeiten sollten, Performer machen mit offenen Briefen auf ihre ausbeuterische Verdienstsituation aufmerksam. Die Utopie freier Arbeit und freien kulturellen Austauschs steht im Gegensatz zu scheinbar freiwilliger Selbstausbeutung und Entfesselung deregulierter Arbeitsverhältnisse, für die die Anerkennung fehlt. Immer weniger relativ Herrschende verfügen über immer mehr relativ Beherrschte. Eine winzige Elite entscheidet, welche Beiträge und Positionen im kulturellen Feld der Gesellschaft voll anerkannt werden und damit Teil der herrschenden Kultur werden und welche an den Rändern verbleiben.

Nur wenn bessere Arbeitsbedingungen für Kulturschaffende durchgesetzt werden, kann es wieder neue, selbstbewusste, stärker visionäre Werke geben. Denn nur dann können Ideen und individuelle Kräfte ohne Zwänge und vorgabenfrei fließen.


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