Bayern 2 - Nachtstudio


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Es gibt Alternativen! Ein Plädoyer für eine gerechtere Politik

Was steht uns also bevor? Populisten an der Regierung? Zustände wie in Polen oder Ungarn, wo Gewaltenteilung als Behinderung der Macht verstanden wird? Oder gibt es noch eine Vision einer Gesellschaft, in der nicht das Recht des Stärkeren herrscht? Der Münchner Philosoph Michael Hirsch und Nachtstudio Redakteur Martin Zeyn wagen einen Versuch, ein anderes Land zu denken.

Stand: 26.04.2017

"War die starke Fokussierung auf Fragen kultureller Lebensstile ein strategischer Fehler linker Ideenpolitik? War das Ausblenden des bürgerlichen, weißen und männlichen Mainstreams, das Ausblenden der Arbeiterklasse nicht lange Zeit tatsächlich verbunden mit einer markanten Blindheit? Ich würde sagen: Ja. Und zwar nicht, weil es sich bei den Kämpfen um Frauen- und Minderheitenrechte um unwichtige Fragen handelte. Ganz im Gegenteil. Sondern weil es mit einem Desinteresse an der sozialen Frage verbunden war, also Bereichen, wo die Menschen ungeachtet ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung betroffen sind von ökonomischer Macht, ökonomischer Ausbeutung und ökonomischer Unsicherheit. Es konnte irgendwann der Anschein entstehen, als ob nur die spezielle Benachteiligung und Ausbeutung zum Beispiel von Frauen in einer demokratischen Republik ein gesellschaftspolitischer Skandal wäre, nicht aber diejenigen von Männern."

Michael Hirsch

Die soziale Frage rückt wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber nicht etwa, weil die Forderung nach Gerechtigkeit oder zumindest nach einem starken Sozialstaat eine Renaissance erleben, sondern weil die Erfolge der AfD und die Wahl Trumps deutlich gemacht haben: Die Protestwähler sind keine zu vernachlässigende Minderheit mehr. Trotzdem gibt es bisher nur Ansätze einer Diskussion, wie gerecht eine Gesellschaft zu sein habe. Im öffentlichen Focus stehen vor allem die Missstände: soziale Spaltung, Unsicherheit, Ungleichheit.

So wichtig dies ist, übersieht es doch grundlegende Strukturen. Die Reichen werden reicher, die Armen aber verharren in ihrer Armut, der Mittelstand schrumpft. Trotzdem gibt es abseits des Skandals, des Aufdeckens, des Beschreibens, keinen lebendigen Diskurs darüber, ob unsere Demokratie nicht nur als soziales Projekt funktionieren kann. Stattdessen beklagen viele, vergessen worden zu sein, nicht gehört zu werden mit ihren Anliegen. Oder klagen schon nicht mehr, sondern wählen Populisten. Haben die großen Volksparteien nicht wirklich den Kontakt zum kleinen Mann verloren, weil er nur ein "Modernisierungsverlierer" war? Unsere Gesellschaft ist völlig gespalten in unterschiedliche soziokulturelle Milieus. Das ist die Dystopie des Multikulturalismus. Unsere Unterschiede trennen uns von einander, statt unsere Gesellschaft zu beleben. Der real existierende Pluralismus verschiebt alle Kämpfe auf die Individualität - jeder versucht sich zu behaupten. Und zu viele fürchten zu unterliegen.
 
Hohe Zeit, eine Alternative, d.h. eine gerechtere Gesellschaft zumindest zu denken.

Es gibt Alternativen!

Ein Plädoyer für eine gerechtere Politik
Von Michael Hirsch und Martin Zeyn

Mit Bijan Zamani, Thomas Loibl, Louisa Stroux
Regie: Martin Zeyn
BR 2017, 49'29


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