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Mehr Ideen wagen Rechenschritt für Rechenschritt?

Keine App, kein Navi, kein Smart Home gibt es heute ohne Algorithmen. Sie gelten als Wundermittel der Problembewältigung, längst nicht nur in technischen Bereichen. Aber wie verändern Algorithmen Menschenbild und Gesellschaft?

Stand: 07.03.2016

Ein Algorithmus ist eine Handlungsanweisung, die aus mehreren konkreten Schritten besteht, zu einem eindeutigen Ergebnis führt und der Problemlösung dient. Das macht einen Algorithmus erst einmal zu einem wunderbaren Hilfsmittel und Werkzeug. Die Gefahr besteht darin, dass Algorithmen auch als Herrschaftsinstrument gute Dienste tun, egal ob in den Händen von Konzernen oder von Regierungen.

"Aus meiner Sicht werden die phantastischen Möglichkeiten von Big Data zurzeit insgesamt überschätzt, die Risiken aber unterschätzt."

Dirk Helbing, ETH Zürich

Errechnetes oder reales Risiko?

Gut vorstellbar ist zum Beispiel, dass eine Krankenkasse manche ihrer Versicherten aufgrund von Big-Data-Auswertungen falsch einschätzt und klassifiziert. Die müssen dann, in diesem Beispiel, für ein errechnetes Risiko zahlen, das sie in Wirklichkeit aber gar nicht haben. Und das geschieht dann eben nicht aufgrund von Tatsachen, sondern aufgrund von falschen Schlüssen, die aus einer bestimmten Menge von Daten gezogen werden.

"Unsere Aufgabe ist es, ein Bewusstsein für das zu schaffen, was da gerade passiert, dass eben Algorithmen im Alltag ganz tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen. Gleichzeitig sollten wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir diese Daten auch selbstbestimmt für Zwecke nützen können, die den Bürgerinnen und Bürgern nach deren Vorstellungen nützen. Dann eröffnen sich tatsächlich positive neue Möglichkeiten für die Demokratie."

Daniel Kunzelmann, LMU München

Algorithmen kennen keine Zufälle

Algorithmen sind sehr hilfreich, um komplexe Probleme zu lösen. Aber die Wirklichkeit ist oft noch ein gutes Stück komplexer als der beste Algorithmus. Nicht zu vergessen: Die Wirklichkeit wird auch von Zufällen mitbestimmt. Die aber lassen sich einem Algorithmus nicht einschreiben.

"Algorithmen arbeiten nicht immer zuverlässig, das ist einfach das Problem der Statistik. Es gibt Fehlalarme und gleichzeitig gibt es Situationen, wo der Alarm nicht losgeht. Zum Beispiel beim Thema Terrorismus: Wir wollen das unsere Gesellschaft sicher ist, deshalb werden Listen von Personen angelegt, die als terrorverdächtig gelten. Aber für jeden Terroristen stehen dort tausend andere, die verdächtig sind, aber niemals im Leben eine Gewalttat begehen. Also werden hier in großem Umfang Fehler gemacht, weil die Algorithmen nicht exakt sein können."

Dirk Helbing, ETH Zürich

Es diskutieren: Dirk Helbing und Daniel Kunzelmann

Dirk Helbing, geboren 1965, ist Professor für Computational Social Science an der ETH, der Eidgenössischen Technische Hochschule in Zürich. Dirk Helbing hat Physik studiert und sich an der Universität Stuttgart in Physik promoviert und habilitiert. Von 2000 bis 2007 war er in Dresden Professor für Verkehrsökonometrie und –modellierung. Die Computational Social Science bringt zwei Wissenschaftsbereiche zusammen, einerseits die empirische Forschungsweise der Soziologie und auf der anderen Seite die Idee komplexe Fragen mithilfe von Simulationen am Rechner zu erforschen. Daniel Kunzelmann, geboren 1982, gehört zu den Experten für Fragen der Digitalisierung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er arbeitet im Bereich der Europäischen Ethnologie und beschäftigt sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit vielen Fragen zum digitalen Wandel.

Literatur über Algorithmen und ihre Auswirkungen

  • Bunz, Mercedes: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern ohne dabei viel Lärm zu machen. Berlin: Suhrkamp, 2012.
  • Burckhardt, Martin & Höfer, Dirk: Alles und Nichts. Ein Pandämonium der digitalen Weltvernichtung. Berlin: Matthes & Seitz, 2015.
  • Floridi, Luciano: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Aus dem Englischen von Alex Walter. Berlin: Suhrkamp, 2015.
  • Helbing, Dirk u.a.: Digitale Demokratie statt Datendiktatur. Spektrum der Wissenschaft. Dezember 2015.

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