Bayern 2 - Nachtstudio


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Du sollst dir kein Bildnis machen! Antisemitismus als Karikatur

Wie eine Karikatur gelesen wird, liegt im Auge des Betrachters. Macht sie sich einfach nur lustig über Figuren und Geschehnisse oder ist sie als konkreter Angriff zu verstehen? Ole Frahm führt durch das Archiv gezeichneter Wahnvorstellungen und stellt die Bandbreite antisemitischer Karikatur vor, die bis heute leider am meisten Bildausstoß hat. Dabei stellt sich immer wieder die Frage: Was macht eine Karikatur zu einer herabsetzenden Karikatur, ob nun gegen Juden oder gegen Muslime?

Stand: 07.01.2016

Karikatur des Juden von Wilhelm Busch in "Plisch und Plum"  | Bild: Wilhelm Busch

Die Karikatur eines weinenden Mohamed mit einem Schild mit der Aufschrift "Je suis Charlie" zeigte das Titelblatt der ersten Ausgabe der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo nach dem Terroranschlag durch radikale Islamisten im Januar vor einem Jahr. Es sollte ein Titelbild sein, das die überlebenden Redakteure und Karikaturisten der Zeitschrift zum Lachen bringt und ein Zeichen setzen sollte, dass nicht Islamophobie, sondern die Lust, sich über alles lustig machen zu können - einschließlich aller Religionen - Triebfeder der Karikaturisten ist.

Karikaturen leben von Übertreibung. Sie sind eine bildliche Form der Satire, die mit bewusster Zuspitzung arbeitet. Antisemitische Karikaturen gab es schon seit Jahrhunderten, lange vor dem großen antisemitischen Boom Ende des 19. Jahrhunderts.

Eduard Fuchs' umfangreiches Werk "Die Juden in der Karikatur" erschien 1921. Es begegnet den Nationalsozialisten und ihren antisemitischen Bildern durch die Veröffentlichung von noch mehr Karikaturen von Juden und entwertet damit die antisemitischen Klischees, indem diese als schlechte Karikaturen denunziert werden. Außerdem sind die Karikaturen in Fuchs' Sammlung zu fröhlich, haben die falschen Nasen, Füße, den falschen Körper, um den Nazis zu gefallen. Grotesker Humor ist nicht Nazi-Humor, denn deren Gelächter war immer verachtend.

Wilhelm Busch: Gelächter und das Groteske

"Die Blätter von Busch überragen durch ihr Genie alles, was die früheren Jahrhunderte an satirischem Witz gegen die Juden vorzubringen vermochten."

Eduard Fuchs

Schmulchen Schievelbeiner in Wilhelm Buschs "Plisch und Plum"

Wilhelm Buschs Karikatur des "Schmulchen Schievelbeiner" in "Plisch und Plum" reproduziert nicht vorrangig das antisemitische Körperklischee, sondern provoziert ein Gelächter übers Groteske. Die Karikatur von Busch soll kein Gefühl der Verachtung gegenüber der dargestellten Person zurücklassen, sondern nur ein Lachen, das für sich steht. Im Gegensatz dazu sind antisemitische Karikaturen direkte Kampfansagen, Vorboten der Vernichtung, die Verachtung schüren.

Eine gute Karikatur zeichnet sich durch selbstreferentielle Momente aus, ist tendenzfrei und eine Reduktion auf das Wesentliche, eine reine Oberfläche. Es geht um eine Ästhetik der Karikatur, nicht um irgendein Wesen der Dinge (wie bei der Kunst). Die Karikatur zeigt den Schein als Tatsache.

Angst vor der Überlegenheit

Ausschnitt aus Tim und Struppi: "Der geheimnisvolle Stern"

Menschen werden als Tiere dargestellt, als Spinnen, die die Welt mit ihren Beinen umfassen, oder als Ratten, die in Massen über das Gute herfallen. Judenbilder mit großen Nasen, Füßen und dicken Lippen - bestimmte körperliche Merkmale werden hervorgehoben und symbolisieren gleichzeitig Allmacht und Unvollkommenheit. Die Auslegung von Karikaturen ist so ambivalent wie das Gegensatzpaar Allmacht und Unterlegenheit in einer Figur.

Der Literaturwissenschaftler Geoffrey Hartman bezeichnet Karikaturen in Zusammenhang mit dem Holocaust als "Büchse der Pandora", also eine Dose, die alles Übel über die Welt bringt. Gleichzeitig zeigen sie die Ressentiments als auch deren Lächerlichkeit.

Zwischen Klischee und Analyse des Klischees

Der jüdische Bankier Blumenstein in "Der geheimnisvolle Stern", 1954 durch Hergé in Bohlwinkel umbenannt.

In Hergés Album "Der geheimnisvolle Stern" aus der Comic-Reihe "Tim und Struppi" werden Juden karikiert. Der Comic erschien zunächst 1941/42 als schwarz/weiß-Strip in einer belgischen Tageszeitung, während Belgien von Deutschen besetzt war und damit die Zeitungen unter deutscher Zensur standen. Die Figur des bösen Bankiers, mit runder Brille, wulstigen Lippen, Zigarre und großer Nase wirkt wie die abgeschwächte Version des antisemitischen Klischeebildes des jüdischen Bankiers. Für eine Veröffentlichung musste Hergé also mit den Deutschen kollaborieren, verteidigen ihn immer wieder seine Fans. Frahm widerspricht: Diese Figur mache den Wahn des Antisemitismus zum Thema.

Die Darstellung von Juden als menschliche Gestalten mit Mäuseköpfen in Art Spiegelmans Comic "MAUS" kann - antisemitisch gelesen - als Anspielung auf die Gleichsetzung der Juden mit Ratten in Goebbels Propagandastreifen „Der ewige Jude“ gesehen werden. Aber Spiegelman reflektiert die Funktion des Antisemitismus. Die Mäuseköpfe sind stark formalisiert, die Zeichnungen zeigen keine Juden, sondern wie Juden als Tiere markiert werden. Spiegelman stellt also die Projektion auf die Juden dar. Dabei bedient er sich einer niedlichen Identifikationsfigur, der Maus und eben nicht einer Ratte.

So wie auch Horst Rosenthal, Werbegraphiker, der in seinem Comic Micky Maus in das Lager Gurs einliefern lässt. Micky galt den Nationalsozialisten als jüdische Figur, doch sie war international beliebt und als ehemals populäres Stereotyp allen zugänglich, weltweit reproduzierbar, herkunftslos, universal.

So universal, dass sie kürzlich im palästinensischen Fernsehen als Terrorbotschafter für die Kinder der Hamas diente. Dennoch gibt es die Hoffnung: Mickey wird seine Bedeutung als Stereotyp verlieren, so wie alle antisemitischen Klischees ihre Bedeutung verlieren und gegenstandslos werden können. Die Wirkung von Karikaturen muss historisiert werden, fordert Frahm.

Manche werden heute nicht mehr verstanden, was sie wirkungslos macht, andere wiederum legen den Mechanismus antisemitischer Projektion offen und behalten ihre Wirkung und sind dadurch geeignet, den Antisemitismus zu kritisieren. Die Karikatur ist das Medium, das das Karikatureske des Antisemitismus ausstellt und unübersehbar macht.


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