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Salzburger Festspiele Lady Macbeth von Mzensk

Wilder Sex im Großen Festspielhaus: In Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" wird wüst kopuliert - eine Frau erkämpft sich gewaltsam ihre Freiheit, gegen bürgerliche Moral. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 03.08.2017

Da hatte der junge, begeisterte Kommunist Schostakowitsch eine wirklich revolutionäre Idee: Starke Frauen wollte er auf der Bühne zeigen - unabhängige, rebellische Kämpferinnen, die sich nicht abfinden mit den Verhältnissen, die sich mutig und unerschrocken, notfalls auch gewaltsam durchsetzen. Das passte zum Zeitgeist der frühen sowjetischen Jahre. Gleich mit einer Trilogie wollte Schostakowitsch das neue, proletarische Publikum begeistern. Das ist ihm anfangs auch gelungen, 1934, mit seiner spektakulären und bis heute überwältigenden "Lady Macbeth von Mzensk", aber die geplanten weiteren Opern über Power-Frauen wurden nie geschrieben: Stalin fand die drastische und grelle Musik chaotisch. Der so idealistische, so fulminante Schostakowitsch fürchtete um sein Leben und beschränkte sich fortan auf Kammermusik und Symphonien.

Dreifache Mörderin wird zur Heldin

Wer die "Lady Macbeth von Mzensk" auf den Spielplan setzt, muss also im besten Sinne radikal denken und handeln, muss Bilder finden für den wilden Furor, der hier am Werk war, ohne dabei in schale Gefühlsduselei abzugleiten. Mehr Farce als Melodram! Eine Frau, die drei Menschen umbringt, zur Heldin und Sympathieträgerin zu machen, dazu gehört schon jede Menge antibürgerliche Chuzpe. Das Stück ausgerechnet bei den Salzburger Festspielen herauszubringen, wo das Publikum bekanntlich alles andere als proletarisch ist, das ist eine fast absurde Herausforderung.

Wüste Gesellen lassen Muskeln spielen

Andreas Kriegenburg versuchte es gestern Abend bei den Salzburger Festspielen mit düsterem Realismus. Ausstatter Harald B. Thor hatte einen enorm aufwändigen Alptraum in Beton-Optik entworfen: Eine heruntergekommene, mutmaßlich sowjetische Mietskaserne mit schäbigen Treppen, schiefen Balkonbrüstungen und ein paar funzeligen Wandleuchten. Klar, dass die Werktätigen allesamt in grau-braunen Arbeits-Klamotten herumlaufen, üble, wüste Gesellen, die gern ihre Muskeln spielen lassen.

Verfolgt von Albträumen

Mitten in dieser Proleten-Gegend haust die titelgebende Lady Macbeth von Mzensk, die wohlhabende Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa, langweilt sich in ihrem Luxus-Schlafzimmer zu Tode, ist angeödet von ihrem drögen, faden Ehemann mit dem Charme eines Aktenschranks, lässt sich deshalb mit dem kernigen Arbeiter Sergej ein und endet nach einem Doppelmord im sibirischen Straflager, wo sie aus Eifersucht und Verzweiflung einen weiteren Mord begeht und sich schließlich selbst richtet, verfolgt von ihren Alpträumen und Höllen-Visionen, die ja auch die klassische Lady Macbeth von Shakespeare so unheimlich faszinierend machen.

Ovationen für Nina Stemme

Die schwedische Star-Sopranistin Nina Stemme durfte sich zwar über stehende Ovationen freuen, doch stimmlich wie darstellerisch blieben bei ihr Wünsche offen. Nach eigener Aussage wollte Regisseur Andreas Kriegenburg die Lady als, Zitat, "rebellische Wildkatze" zeigen, tatsächlich war aber eine verschüchterte Kleinbürgerin in dezentem blauen Kleid zu sehen, die recht introvertiert und unbeholfen wirkte, jedenfalls nicht an eine sexuell ausgehungerte, lebensgierige Frau denken ließ. Dabei komponierte Schostakowitsch für sie, es lässt sich nicht vornehmer ausdrücken, eine wüste Rammelei, die in Salzburg recht umständlich und bieder vor sich ging. Auch andere Szenen gerieten vergleichsweise angestrengt und naturalistisch, statt frech, karikaturenhaft und anarchisch. Viel äußerer Aufwand, der völlig kalt ließ.

Wiener Philharmoniker perfekt, aber nicht seelenvoll

Leider waren die Wiener Philharmoniker daran nicht ganz schuldlos - dabei dirigierte Mariss Jansons, einer der besten und leidenschaftlichsten Schostakowitsch-Interpreten unserer Zeit. Mit seiner "Lady Macbeth von Mzensk" vor elf Jahren in Amsterdam setzte er Maßstäbe, die bis heute gültig sind. An diesem phänomenalen Schostakowitsch-Kenner lag es gewiss nicht, dass die Wiener Philharmoniker streckenweise unbeteiligt klangen: Alles Technische stimmte natürlich perfekt bei diesem Spitzen-Orchester - Tempo, Einsätze, Lautstärke, Balance. Was mitunter fehlte, war russische Seele, war authentische Erschütterung, auch die unbändige Lust am Tabubruch, am schrägen Sound.

Gediegen, nicht revolutionär

Eher unauffällig waren auch die übrigen Solisten: Der amerikanische Tenor Brandon Jovanovich als Sergej turtelte sich etwas zu harmlos durch die Partie und ließ das Animalische vermissen, Dmitry Ulyanov war in diesem Regiekonzept als böser Schwiegervater nicht der brutale, aasige Kerl, den Schostakowitsch zeichnete, sondern eher eifersüchtiger Geschäftsmann mit gelegentlicher Neigung zu Gewaltausbrüchen. Maxim Paster als überforderter Ehemann übertrieb es mit der Lethargie. Nein, diese "Lady Macbeth von Mzensk" war weder revolutionär, noch anarchisch, eher gediegen. Sehr lauer Beifall zur Pause, eher pflichtschuldige Begeisterung am Schluss


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