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Landestheater Coburg Buddha statt Neonröhren: "Parsifal" steigt aus - ohne Gral

So andächtig verfolgten Zuschauer früher Richard Wagners "Parsifal", dass sie nicht mal klatschten. Ein Missverständnis, denn das Musikdrama ist kein Gottesdienst, sondern Psychoanalyse, wie in Coburg zu erleben war.

Von: Peter Jungblut

Stand: 10.04.2017

Da haben die Gralsritter wohl die Beleuchtung mit der Erleuchtung verwechselt: Vier Neonröhren setzen sie schon in Verzückung - "Wie hell grüßt uns heute der Herr"! Eine merkwürdige Religion und anspruchslose Gläubige, zumal ihr Tempel aussieht wie eine Schlecker-Filiale beim Abriss: Die abgehängte Decke ist schon teilweise eingebrochen, die grauen Wände sind nackt und kahl, die Neonröhren flackern unzuverlässig, ein leerer Stuhl steht herum, der Müll landet in Plastiktüten, welkes Laub liegt herum.

Parsifal geht nach Indien

Mit Erlösung hat das alles nichts zu tun, eher schon mit einer Haushaltsauflösung, mit einer Abwicklung. Tatsächlich werden am Ende sogar der Heilige Gral und die Heilige Lanze so beiläufig entsorgt wie Omas Teegeschirr, reif für den Ramsch. Die Ritter machen sich allesamt davon, die einstmals sündigen Blumenmädchen fangen an zu meditieren und Parsifal selbst, der Heilsbringer, wandert mutmaßlich nach Indien aus, jedenfalls ist er Buddhist geworden und trägt auffallend bunte Sanyassin-Klamotten.

Männer - uniform innen und außen

Regisseur Jakob Peters-Messer zeigte Wagners Bühnenweihfestspiel am Landestheater Coburg als großen Erlösungs-Ausverkauf, und kein Geringerer als der Dalai Lama wurde im Programmheft mit dem Satz zitiert, er denke manchmal, dass es besser wäre, wenn es gar keine Religionen mehr gäbe. Diejenige der Gralsritter hat sich jedenfalls überlebt: Eine Männergemeinschaft wie die Belegschaft einer Security-Firma, uniformiert von innen und außen. Mit geringsten äußeren Mitteln ist Peters-Messer und seinen Ausstattern Guido Petzold und Sven Bindseil da ein ganz großer Regie-Wurf gelungen, eine konsequente, plausible und absolut zeitgemäße Sicht auf Wagners "Parsifal", der nie so christlich gemeint war, wie es manche Bayreuth-Pilger gerne hätten.

Orchester passt auf 76 Quadratmeter

Der stürmische Beifall am Ende war vollkommen berechtigt, auch wegen des fulminanten, kraftvollen und bestens ausbalancierten Dirigats von Roland Kluttig, dem Coburger Generalmusikdirektor, der seine Philharmoniker auf bescheidenen 76 Quadratmetern unterbringen musste. Das Haus ist eben sehr klein, eigentlich zu klein für Wagner-Opern, aber nicht, wenn so gut geprobt wurde wie in diesem Fall, was ganz besonders für den sehr engagierten Chor gilt. Die Sänger waren nicht nur überragend textsicher, sondern fast immer wortverständlich, was Wagner bekanntlich sehr wichtig war - er schätzte Deutlichkeit über alles.

Wagner goes Psychoanalyse

Eine überzeugende Gesamtleistung, und eine kluge Besetzung. Selten ist ein so junger und rollengerechter Parsifal zu erleben: Tenor Roman Payer wirkte in der lässigen Kapuzenjacke tatsächlich wie ein nassforscher Teenager, wie ein gar nicht so "reiner Tor". Seine Gegenspielerin und Verführerin Kundry war hier eindeutig als Mutterfigur erkennbar, also wesentlich reifer und packend gespielt von der ungarischen Sopranistin Tünde Szaboki. Diese Kundry, es lässt sich nicht treffender ausdrücken, "kotzt alles an" im Ritter-Staat, das Leben, die Liebe, die Macht, der Glaube - sie will nur noch raus hier. Mit Puppenwagen und Stofftier versucht sie geschickt, Parsifals Mutterkomplexe anzusprechen, ihn auf die Stufe seiner Kindheit zurückzuführen. Wagner goes Psychoanalyse, ein bezwingendes Rollenporträt!

Erfrischend unverbrauchtes Regie-Konzept

Michael Lion als dauerpredigender Gurnemanz im Priestermantel verschätzte sich etwas mit seiner stimmlichen Kondition, während Michael Bachtadze in der Doppelrolle der Leidensfiguren Amfortas und Klingsor schauspielerisch ein wenig zu passiv blieb. Dennoch: Alle Beteiligten waren konzentriert bei der Sache, hingen dem jeweiligen Gegenüber an den Lippen, was im Operngeschäft leider nicht selbstverständlich ist. Ein erfrischend unverbrauchtes Regiekonzept, ganz ohne Bezüge zum radikalen Islam oder zum fundamentalistischen Christentum wie es gerade modisch ist, leider auch bei den Bayreuther Festspielen. Stattdessen eine optisch betont nüchterne Bestandsaufnahme unserer Zeit, die sich anders als das 19. Jahrhundert gar nicht mehr erlösen lassen möchte, sondern sich längst damit abgefunden hat, dass alles menschliche Streben unvollkommen und vergeblich ist. Für sein Glück ist jeder selbst zuständig, und der Coburger Parsifal schreitet entschlossen voran. Sein letzter Blick gilt dem sakralen Gerümpel der Vergangenheit. Dann haben die Neonröhren ihre Ruhe.


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