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Opern-Premiere "Lady Macbeth von Mzensk"

In der 1934 in Leningrad uraufgeführten Oper "Lady Macbeth von Mzensk" kämpft eine Frau um Selbstverwirklichung. Gewaltsam befreit sie sich von Bevormundung und Enge - und zahlt dafür einen hohen Preis.

Von: Peter Jungblut

Stand: 29.11.2016

Gar nicht so leicht, einen Menschen zu finden. Das wusste schon der griechische Philosoph Diogenes. Der ging der Überlieferung nach am helllichten Tag mit einer Laterne spazieren und sah trotzdem überall nur Karikaturen, jämmerliche Gestalten, absurde Figuren - die Passanten der Weltgeschichte eben.

Revolutionäre Taten

Aus denen wollte die russische Revolution bekanntlich neue Menschen machen, und der damals junge Komponist Dmitri Schostakowitsch stellte auch gleich einen auf die Bühne, eben die titelgebende "Lady Macbeth von Mzensk". Eine Frau, die sich die Freiheit nimmt, die bürgerliche Gesellschaft im Alleingang abzuschaffen und bei ihrem Schwiegervater damit anfängt. Danach bringt sie auch noch ihren Mann um die Ecke, muss allerdings feststellen, dass ihr dafür niemand dankbar ist, nicht mal ihr Liebhaber. Es bleibt nur der Sprung ins Wasser, auch eine revolutionäre Tat, und eine nihilistische dazu, was Stalin natürlich gar nicht gut fand.

Musik war Stalin zu "chaotisch"

Der sah sich Anfang 1936 die "Lady Macbeth von Mzensk" in einer schusssicheren Loge direkt über dem Orchester an und amüsierte sich Augenzeugenberichten zufolge über die drastischen Sexszenen. Die Musik dagegen war ihm zu "chaotisch", wozu die Metallplatten in seiner Loge mutmaßlich ganz entscheidend beitrugen. Hätte damals schon Kirill Petrenko dirigiert, wäre womöglich das halbe Politbüro dahin gerafft worden, so tückisch, wie eine Stahlkabine nun mal ist.

Fulminantes Dirigat

Das Münchener Publikum hatte es gestern Abend besser und konnte Petrenkos fulminantes Dirigat in jeder Hinsicht genießen. Einmal mehr brachte er nichts weniger als die russische Seele zum Klingen, diesen weiten, weiten Raum, in dem der Schmerz der ganzen Welt Platz hat, und viele Flaschen Wodka. So ergreifend, so mitreißend, so aufwühlend, auch so ätzend satirisch ist Schostakowitsch wohl nur bei Petrenko zu hören. Eine grandiose Leistung des Bayerischen Staatsorchester, dessen Blechbläser bis hoch in die Proszeniumsloge aufgebaut waren und streckenweise losdonnerten, als ob sie das Weltgericht eröffnen wollten.

Generalabrechnung mit der Welt

Und tatsächlich geht es Schostakowitsch, diesem jungen, rebellischen Idealisten ja um eine Generalabrechnung mit der Welt - ihren Lügen, ihrem Egoismus, ihrer Gewalt. Bei soviel Furor aus dem Orchestergraben hatte es der inzwischen 81-jährige Regie-Altmeister Harry Kupfer naturgemäß schwer, die passenden Bilder zu finden. Er beließ es beim Neorealismus, mit dem er vor dreißig, vierzig Jahren bekannt wurde. Dagegen wäre nichts zu sagen, zumal Harry Kupfer sein Handwerk wirklich versteht, doch in diesem Fall wirkte die Szene gegenüber der tosenden Musik viel zu bieder, altbacken, brav. Ausstatter Hans Schavernoch hatte eine alte, verrostete Werkshalle mit Hebebühne entworfen, in der Proletarier aus der Zeit der russischen Revolution hausen, also mit Ballonmützen und schäbigen Pluderhosen. Die Bourgeoisie schmückt sich mit ausladenden Hüten und feinen Anzügen. Das rückte die Handlung optisch unnötig weit weg von der Gegenwart. Hier wäre wesentlich mehr Mut zur Karikatur, zur Verfremdung, zu absurden Bildern nötig gewesen.

Wo ist er nur, der Mensch?

Anja Kampe in der Titelrolle wurde am Ende völlig zu Recht gefeiert, und ebenso angemessen war der sehr zurückhaltende Beifall für Misha Didyk als skrupelloser Liebhaber Sergej. Er war deutlich zu passiv und farblos für diese Rolle eines animalischen, gefährlichen, rücksichtslosen Draufgängers. Anatoli Kotscherga konnte als lüsterner Greis Boris stimmlich ebensowenig überzeugen wie Sergey Skorokhodov als gehörnter Ehemann Sinowi. Umso mehr beeindruckte der Chor mit seiner Beweglichkeit, seiner Kraft und seiner Ausstrahlung, vor allem im schwermütig-düsteren vierten Akt. Insgesamt ein im besten Sinne revolutionärer Schostakowitsch-Abend, der das Publikum mit der Frage aller Fragen zurück ließ: Wo ist er nur, der Mensch?


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