Bayern 2 - kulturWelt


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Dreiteilige Ausstellung Luther und die Avantgarde

An drei Orten parallel findet die Schau "Luther und die Avantgarde" statt: In Kassel, Wittenberg und Berlin. Überall dort setzen sich zeitgenössische Künstler mit dem Reformator auseinander. Von Simone Reber

Von: Moritz Holfelder

Stand: 19.05.2017

Maria trägt Rastalocken, der Engel bedrohlich dunkles Gefieder. So nähern sich die beiden seltsamen Wesen, um eine zentrale Szene des Christentums nachzustellen – die Verkündigung. In der Videoinstallation der finnischen Künstlerin Eija Liisa Ahtila übertragen zwei Frauen von heute die Posen der sakralen Kunst von der Malerei in den Film. Auf einmal können Besucher nachempfinden, was es vor fünfhundert Jahren bedeutet haben mag, die Bibel selbst zu lesen. Die disparate Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ im alten Gefängnis Wittenberg folgt drei Motiven – der Schrift, der Religion und der Freiheit. Allerdings wird die Kunst fast erdrückt von der Enge des Ortes. Bei einer ersten Vorbesichtigung waren die Wittenberger auch zunächst neugierig auf das alte Gebäude, erzählt die Kuratorin Xu Dan von der Bonner Stiftung Kunst und Kultur. 

Zeitgenössische Kunst im ehemaligen Wittenberger Gefängnis

"Die Wittenberger waren sehr überrascht, weil für viele das Gefängnis immer ein Geheimnis war, man konnte das Gebäude nur von Außen betrachten, aber es ist das erste Mal, dass sie überhaupt die Gelegenheit hatten, in das Gebäude rein zu kommen. Und dann auch noch mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert zu werden."

Xu Dan

Gedenken an die Schriftgestalterin Elisabeth Friedländer

Am stärksten ist die Ausstellung dann, wenn sie sich über die dicken Mauern, die eisernen Türen und vergitterten Fenster hinwegsetzen kann. Luise Schröder fand  heraus, daß von den rund hundert Gedenktafeln in Wittenberg nur vier Frauen gewidmet sind. Für „Fake News“ hat die Künstlerin eine neue Gedenktafel geschaffen. Die Buchstaben basieren auf einem Entwurf der jüdischen Schriftgestalterin Elisabeth Friedländer, die vor den Nazis nach England fliehen mußte.

"Wir haben diese Schrift „Elisabeth“ zum Ausgangspunkt genommen, um ihr diese Schrift zurück geben, und gleichzeitig damit auch ein Statement abzugeben, dass Schrift immer auch politisch ist und je nachdem in welchem Kontext sie benutzt wird, geht es auch darum die Geschichte von Elisabeth Friedländer in Umlauf zu halten."

Xu Dan

Gegenprogramm zum Antisemitismus in der evangelischen Kirche

Nur wenige Künstler gehen Martin Luther kritisch an, beschäftigen sich mit dem Antisemitismus in der evangelischen Kirche oder greifen Religion per se an. Jonathan Meese propagiert wie gewohnt die Diktatur der Kunst und nicht des Glaubens.

"Das was ich mache, ist das Gegenprogramm. Ich mache Thesen in der Keimzelle Kunst und das sind keine religiösen Thesen und keine politischen Thesen, das sind Thesen gegen Politik und gegen Religion und gegen die Vergangenheit. Diese Thesen hier sind gegen jegliche Form von Unterdrückung. Wir dürfen uns nicht mehr zu Mitläufern und Schafen machen, das ist einfach passé."

Jonathan Meese

Berlin: Gilbert und George zwischen säkulärer und religiöser Welt

Trotz aller Verve bleibt die Kunst gefangen im Willen zur politischen Korrektheit. Viel provozierender tritt dagegen das Künstlerduo Gilbert und George im Berliner Teil der Ausstellung auf. Die beiden Gentlemen haben in die St. Matthäus Kirche am Kulturforum ihre großformatigen Fotomontagen aus der Sündenbock-Serie gehängt, deren wieder kehrendes Motiv ist die Gaskartusche ist, aber sie enthält keinen Sprengstoff, sondern Lachgas. Die gewaltsamen Gegensätze zwischen säkularer und religiöser Welt nehmen Gilbert und George direkt vor der Haustür wahr.

"But it started out because if we open our doors ….An einem Ende der Straße befindet sich die anglikanische Kirche, am anderen Ende steht die Moschee, dazwischen sind wir als säkulare Menschen und wir kämpfen damit, was wir denken sollen. Ich glaube, der Westen weiß einfach nicht, was er davon halten soll. Da sind diese fundamentalen Religionen, die glauben, daß es einen Gott gibt, und wir glauben, es gibt keinen Gott. And we believe, there is no God."

Gilbert

Über jedem Bild wachen Gilbert und George. Mit Schalk im Nacken, ohne Furcht vor dem, was sie sehen.


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