Bayern 2 - kulturWelt


48

"Der große Polt" Das etwas andere Konversationslexikon

Von A wie "Abfent" bis Z wie "Zwetschgenmanderl": Gerhard Polt hat seinen sprachlichen Kosmos zwischen zwei Buchdeckel gebracht. Sein Lexikon ist die vergnügliche Lektüre einer typisch Poltschen subversiven Bewirtschaftung der Sprache.

Stand: 13.04.2017

Gerhard Polt | Bild: picture-alliance/dpa / Tobias Hase

Keiner sagt "Leasingvertrag" oder "Osterhasi", "Billigstfliese" oder "Longline" so schön wie Gerhard Polt. Der große Bayer kann auf den Worten herumkauen oder sie wütend anspitzen, kann so viel hochfahrendes Scheitern, attackierte Selbstbehauptung oder bemühte Bescheidwisserei in sie hineinlegen, dass es eine wahre Freude ist. Polt schaut dem Volk aufs Maul - und je nachdem, was dieses Volk so zu sagen hat, kann das durchaus grobschlächtig wirken. Was Polt aber daraus macht, ist immer feinste Spracharbeit.

Der Sprachkosmos Polt

Polt ist ein Meister der Tonfälle - und der Wortwahl. Für ihn könnten Worte doch mehr zu sagen haben als tausend Bilder, wie aus seinem neuen Buch zu lernen ist: Polt hat ein "Konversationslexikon" zusammengestellt, das in der strengen Auflistung von A wie "Abfent" bis Z wie "Zwischenwirt" an die weltordnende Methode dieser Büchergattung anschließt.

Schon immer ein begnadeter Sprachspieler: "Wir haben alles getan, was Menschen möglich ist!" Gerhard Polt im Sketch "Frau Brezner" (1980)

Die Sachlichkeit eines nüchternen Archivs von Weltwissen allerdings findet sich in diesem Lexikon nicht. Der höchst subjektive Sprachkosmos, den es öffnet, ist voller subversiver Energie. Es geht um Dialekt-Anarchie, um den prinzipiell und munter voreingenommenen Wortgebrauch, um lauter tendenziöse Begriffe, um Neuschöpfungen und Sprachfantasien. Und zugleich um die Entlarvung ebensolchen Wortgebrauchs. Wer will, kann, wie nicht selten bei Polt, in all dem eine fast schon philosophische These entdecken. Sie würde lauten: Der Mensch baut sich seine Welt nach Wille und Wertung zusammen, und ein Jenseits dieser Wertungen zu erreichen, ist ihm nur schwer möglich. Aber natürlich kann man auch einfach blättern und genießen - von A bis Z. Und Polt-Fans werden so einiges wiedererkennen ...

Stichworte aus "Der große Polt"

A

Almosier [’almoːzɪeː]
Mitleidserreger oder Mitleidsprovokateur ; Erbärmlichkeitsdarstellung eines Miserabilisten; international anerkannter Beruf, mit dessen Hilfe Menschen anderen Menschen helfen, ihr schlechtes Gewissen zu ventilieren; ideale Hilfsmittel: Hut, Hund, Quetschn und wahlweise ein Schild mit der Aufschrift "Deutscher in Not – ein Landsmann bittet um Brot"

D

Democracy [diː’mɔkrɛsiː]
nicht zu verwechseln mit democrazy! Begriffserklärung für Staatsform: Democracy has a very old tradition in Bavaria. The roots go back, far, far back to a man called Plato. Plato was an old Greek from Greece. The next one was an old Roman from Rome: Cicero. The third one and most important of all was our political genius from Bavaria: Dr. Mueller, or as we call him »Ochsensepp«. Vgl. → Ochsensepp- Principles

F

Fleischdelirium [flaɪʃdeː’liːrɪʊm]
1. Nirwana, Garten Eden, Siebter Himmel des Anthropophagen (→ Man-Eater)
2. Rauschzustand der Fleischf liege in einer Metzgerei

H

Heimat [’haɪ ̯maːt]
1. Die Heimat ist vorrangig ein Zuordnungsgefühl. Wer Heimat »gefunden hat«, gibt sie nur unter Druck und äußeren oder inneren Zwängen wieder auf, vgl. → Heimatverschiebung. 2. Wo Heimat aufgehört hat, Heimat zu sein, entsteht das Heimatmuseum oder Reservat. 3. Die Heimat der → Salmonelle ist nicht ausschließlich der Kartoffelsalat.

Z

Zwetschgenmanderl [’t͡svɛtʃgɛn’mandɐl]
kleiner, mickriger Kerl, ausgestattet mit einem Schädel, der wo nichts aushält; sollte den Besuch eines Oktoberfest-Bierzelts vermeiden, da nach dem Kontakt mit einem Maßkrug die akute Gefahr eines Schädelbasisbruchs besteht!

Die mündliche Rede

Der "Große Polt" versammelt zwischen zwei Buchdeckeln, was eigentlich in die mündliche Rede gehört. Nach Ansicht von Gerhard Polt wird heutzutage viel zu wenig direkt kommuniziert, einem wie ihm ist das Sprechen aber deutlich lieber als die Kommunikation über Apparate und Medien. Vielleicht deshalb, weil selbst das grob monologisierende, das kreiselnde oder das verläppernde Gespräch eben mehr ist als ein Versenden von Nachrichten. Wer redet, ist präsent, und für einen Erforscher des Menschlichen wie Gerhard Polt ist das immer das Entscheidende. Es geht ums Praktische, um den Vollzug sozusagen - oder, um es mit dem allerletzten Satz des "Großen Polts" auszudrücken: "Das vorliegende Buch will eher als Mach- denn als Werk verstanden sein".

Das Buch


Gerhard Polt, Claudia Pichler
"Der große Polt. Ein Konversationslexikon"
170 Seiten
Verlag Kein & Aber
12,00 Euro

"Der große Polt"

Joana Ortmann im Gespräch mit Gerhard Polt über Worterfindungen, Kommunikation, das Reden und sein Konversationslexikon.
kulturWelt, Donnerstag, 13. April, ab 8:30 Uhr, Bayern 2

Bayerns größter Sprachphilosoph –  Gerhard Polt wird 75
Von Norbert Haberger
Capriccio, Donnerstag, 13. April, ab 22:00 Uhr, BR Fernsehen


48