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Mutter der Gruselbilder Ausstellung über Füsslis "Nachtmahr" im Frankfurter Goethehaus

Das Gemälde „Nachtmahr“ des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli inspirierte zahllose Künstler zu eigenen Werken. Die Ausstellung rund um Füsslis Meisterwerk zeigt diese nachhaltige Faszination des Schauerbildes.

Von: Rudolf Schmitz

Stand: 20.03.2017

Füsslis Bild hat bis heute nichts an Faszination verloren. Denn es ist zutiefst zweideutig. Sind das nun lediglich die Traumgespinste eines jungen Mädchens oder hat da tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefinden? Die erste Fassung dieses Bildes, das der in London lebende Füssli 1782 in der Royal Academy ausstellte, sorgte jedenfalls für Aufruhr. 

"Es war einmal diese sexuelle Komponente, durch die Liegende, die natürlich ganz offen auch für den Beschauer war, und es war diese Bildhaftigkeit des Traums. Es war verblüffend, es war sehr ungewöhnlich und es war ein Skandal. Das Bild musste erst mal weggehängt werden, weil die Besucher die Ausstellungsräume sprengten."

Petra Maisak

Blaupause für Alpträume

Dabei hatte die erste Fassung des Bildes, wie Kuratorin Petra Maisak betont, noch vorwiegend groteske Züge. Das Frankfurter Bild, entstanden 1790, ist wesentlich subtiler, seine Stimmung ist noch unheimlicher: Es ist die Blaupause für die Alpträume kommender Jahrzehnte und Jahrhunderte, für die Macht des Unterbewussten.

"Es löst Irritation aus, man wird aufmerksam, man findet kein letztendliches Resultat, und das ist ja ein Kern von guter und interessanter Kunst, dass man es nicht auf den Punkt bringt, sondern dass immer noch etwas offenbleibt."

Petra Maisak

Unzählige Nachahmer

Mit mehr als 150 Exponaten – Gemälden, Grafiken, Büchern, Filmen – zeigt diese Ausstellung, woher Füssli seine Anregungen bezog, wie er in seinen Bildern die pathetischen Gesten und Körperhaltungen entwickelte, welches lebhafte Echo dieses Bild bis hin zur heutigen Populärkultur immer wieder fand.

"Ich kenne kein zweites Bild der Kunstgeschichte, dem das auf diese Weise widerfahren ist. Das hat natürlich auch mit Füsslis eigener Geschäftstüchtigkeit zu tun, der schon während der Entstehungszeit des Gemäldes dafür gesorgt hat, dass Grafikreproduktionen auf den Markt kamen. Und durch diese ganz schnelle Verbreitung, flächendeckend, auch auf dem Kontinent, konnte jeder das aufgreifen. Es hat die Karikatur ganz schnell zugegriffen, ein Jahr schon nach der Ausstellung des Bildes."

Petra Maisak

Wechselwirkung von Kunst, Literatur und Film

Vor allem die Karikatur demonstriert, wie schlagkräftig und vielseitig deutbar Füsslis Bildformel in der politischen Debatte England und Frankreichs war. Dieses Kapitel, das sich bis zu den bissigen Blättern von Honoré Daumier oder den Capriccios von Goya zieht, zeigt den verblüffendsten Echoraum von Füsslis „Nachtmahr“. Und immer wieder geht es in dieser großartig akribischen Ausstellung um die Wechselwirkungen von bildender Kunst, Litertatur und Film.

"Die Dichter befassen sich damit: Kleist bei der Marquise von O. Und die Verfilmung von Rohmer ist ein sehr schönes Beispiel, wo Edith Klever in der Hauptrolle genauso dargeboten und hingelegt wird, als der Offizier sich anschickt, sie zu vergewaltigen, wie die Dame im Nachtmahr."

Petra Maisak

Die "Lust am Schrecken" - dafür hatte Füssli das prägende, Zeitgenossen und Nachwelt beunruhigende Bild gefunden. Die Ausstellung bietet nicht nur Ausschnitte aus Murnaus "Nosferatu", aus Ken Russels "Gothic" oder dem Film "Nachtmahr" von Akiz aus dem Jahr 2015, um das Nachleben der Schauerromantik zu beweisen. Die Kuratorin hat auch eine Karikatur aus dem Guardian von 2011 unter die Exponate geschmuggelt. Da sieht man Angela Merkel, hingestreckt im weißen Nachtgewand. Auf ihr sitzen der grinsende Berlusconi-Gnom und der starr glotzende Papandreou. Die europäische Staatschuldenkrise  als seinerzeit aktuellste Version des Nachtmahrs. Inzwischen allerdings müsste das Horror-Personal schon wieder ausgewechselt werden. Gute Chancen hätten da zwei Kandidaten aus Istanbul und Washington...


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