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Tagung Deutscher Germanistentag 2016 in Bayreuth

Zum Leitthema "Erzählen" hielt der Filmemacher und Erzähler Alexander Kluge gestern den Eröffnungsvortrag auf dem 25. Deutschen Germanistentag an der Universität Bayreuth.

Von: Julia Regis

Stand: 26.09.2016

Ein Wort versteht man am besten, wenn man sich sein Gegenteil vorstellt. Wer nicht erzählt, der schweigt - ist verstummt. Aber für Alexander Kluge ist das nicht der einzige Gegensatz:

"Das Gegenteil von Erzählen ist auch die Sintflut an Informationen, die mich praktisch erdrückt und totmacht, die mir das Wort wegnimmt. Und insofern ist die Verknüpfung meiner Erfahrung, meiner Lebenserfahrung mit Geschichten, Erzählbarkeit, das ist ein Nahrungsmittel."

Alexander Kluge

Informations-Sintfluten

Mit der erdrückenden Sintflut an Informationen meint Kluge vor allem die unzähligen Bilder mit denen die Medien und die Werbung ihre Konsumenten überschwemmen. Die Erzählfähigkeit des Menschen gehe dadurch aber nicht verloren:

"Wenn Sie heute mit Kindern in der Schule sagen: Wir wollen nochmal nachspielen 'Flüchtlinge in Syrien', dann kriegen Sie lauter Vorgefertigtes. Wenn Sie sagen würden: Lass uns was ausdenken für unser Schultheater, dann kriegen Sie erstmal eine Welle, von etwas, was man schon gesehen hat, in Serien. Und wenn Sie durch die durch sind, dann kommt wieder das natürliche Erzählen. Untergehen, tut das überhaupt nicht."

Alexander Kluge

Verspieltheit und Willkür?

Natürliches Erzählen bedeutet für Kluge eben nicht das zu erzählen, was am wahrscheinlichsten oder erwartbar ist. In seinen Filmen, genauso wie in seinen Büchern gibt es für Unerwartetes kaum Grenzen. Mancher Kritiker sieht in seiner Arbeit deshalb eher Verspieltheit und Willkür als wirkliche Gedankengänge. Kluge selbst denkt dagegen an die menschliche Fantasie, die doch immer wieder zu Überraschungen und zum Unwahrscheinlichen neigt.

Es ist für Kluge aber wichtig, dass die Literatur nicht den Kontakt zu den Menschen verliert. Er spricht dabei von der Bodenhaftung. Literatur müsse immer wieder bei dem ankommen, was die Menschen berührt und beschäftigt.

"Ich bin stolz darauf, dass die Literatur immer wieder diese Bodenhaftung zu diesem Erzählen neugewinnt. Und da kann man Menschen sehr viel zumuten. Man denkt immer nur gebildete Menschen lesen Arno Schmidt, das stimmt überhaupt nicht."

Alexander Kluge

Adorno - sein Mentor

Auch in seinen Filmen traut Kluge den Zuschauern viel zu. In Frankfurt fand er Ende der 50-er Jahre einen Mentor in Adorno. Und genauso wie Adorno nicht mehr dicke Bücher schrieb, sondern Essays, machte Kluge fortan Filmessays. Ohne durchgehende Handlung und ohne allwissenden Erzähler, dafür mit freien Assoziationen, sehr fragmentarisch. Der Film soll im Kopf des Zuschauers entstehen. Das Publikum muss an den Bildern arbeiten. Sonst würden sie einfach nur so durchlaufen, meint Kluge.

In seinen Büchern geht er ähnlich vor. Besonders zum Beispiel in "Geschichte und Eigensinn", einer Art Weltgeschichte der Arbeit. Darin wird mühelos der Bogen vom Ackerbau im Mittelalter bis zur modernen Hirnforschung gespannt, gespickt mit Hunderten von Fotografien und Illustrationen. Kluge bevorzugt eine Erzählweise, die er mit dem Sonnensystem vergleicht:

"Stellen Sie sich vor, die Sonne - ohne, dass sie Schrauben, Gelenke und Scharniere haben, die sie mit den Planeten, Monden und den Asteroiden verknüpfen, regiert die unser System. Und dieses durch Gravitation zu agieren, ohne direkte Verbindung, ist was anderes, als wenn Sie mechanisch etwas verknüpfen. Das lineare Prinzip ist eben Mechanik und das konstellative Erzählen, das ist so ähnlich wie unser Sonnensystem, das ist gravitativ."

Alexander Kluge

Einem einzelnen roten Faden zu folgen, und dadurch andere Inhalte und Bedeutungen zu verdrängen, widerspricht seinem Verständnis von einer guten Erzählung. Die ist für ihn immer reich an Beziehungen und Zusammenhängen und lässt vieles anklingen.

Aleppo summt vor Erzählungen

Kluge spricht aber nicht nur von reichen Erzählungen sondern auch von Gegenden und Ländern, aus denen eine reiche Erzählmasse kommt. Zum Beispiel aus Syrien, aus Aleppo, einer der ältesten Handelsstadt des Orients. Dort summe es vor Erzählungen und dabei handelt es sich nicht nur um Märchen aus dem Morgenland.

"Wenn man sich das vorstellt, dass das eigentlich mitimportiert werden kann, diese Geschichten an den Sohlen der Flüchtlinge hängen. Dann würde das ein realistisches Verhalten sein."

Alexander Kluge

So betrachtet, gab es wohl nie so viele Chancen und auch nie so viel Notwendigkeit für Poetik und für das Erzählen, wie heute.


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