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"Dada Universal" Ausstellung im Landesmuseum Zürich

Im Februar 1916 entstand in Zürich die weltumspannende Antikunstbewegung Dada. Zum 100-jährigen Geburtstag zeigt das Landesmuseum ausgewählte Exponate. Kritik von Christian Gampert

Von: Christian Gampert

Stand: 05.02.2016

So tönt es, wenn man die "Dada Universal"-Ausstellung im Züricher Landesmuseum besucht. Schamanistisch vorgetragene Nonsense-Lyrik (Hugo Ball trug priesterliche Kostüme), die die Silben durcheinanderschüttelt wie die Cabaret-Tänzerinnen ihre Beine – oder, etwas trauriger, wie die Weltkriegs-Granaten die Gliedmaßen der Soldaten. Der Krieg war sehr präsent 1916 in Zürich, und Dada war eine Bewegung von Migranten, Ausländern, Außenseitern, von verdächtigen Subjekten, die Kunst und Politik neu erfinden wollten. Unter heutigen Schweizer Bedingungen wären die meisten von ihnen wohl nicht in Zürich, sagt Kurator Stefan Zweifel.

"Da muß man sehen, dass alle diese Dadaisten, Hugo Ball wegen Kokainhandels, sofort ausgewiesen worden wären. Emmy Hennings wäre wegen Prostitution, unerlaubter, ausgewiesen worden. Tristan Tzara wäre wegen revolutionärer Umtriebe ausgewiesen worden, und Hans Arp wegen Dienstverweigerung und Schwachsinn."

Stefan Zweifel

Hopi-Indianer als Vorbild

Die Ausstellung will uns die Dada-Bewegung quasi im Rausch der Assoziationen nahebringen. Die Kuratoren Jurij Steiner und Stefan Zweifel haben einen Themenpark eingerichtet, der kulturhistorische Objekte mit Dada-Kunst kurzschließt: Gewänder von Hopi-Indianern waren Vorbilder für die Hemden der Dadaisten, die darin tanzten und neue Menschen werden wollten. Altgriechische Vasen und afrikanische Kunst inspirierten die Dada-Skulpturen. Dadaistische Lautgedichte werden in Zusammenhang mit Gnosis und religiöser Extase gestellt.

Aber den Kuratoren geht es nicht nur um Dada selber, um die Initialzündung im Cabaret Voltaire, das als "Kaaba der Avantgarde" inszeniert wird; es geht vor allem darum zu zeigen, wie die Dada-Bewegung sich fortsetzte und Einfluß ausübte.  

Verneinung von allem Dagewesenen

"Also entweder ist Dada das total Flüchtige, das es nur einmal gegeben hat, oder man kann sagen, diese Form der Negation von allem Dagewesenen gab es nicht nur bei den Dadaisten, sondern sie inspirierte Surrealisten, Situationisten zu einer ähnlichen Form von Negation – und auch die Punks…"

Stefan Zweifel

Die dadaistischen Performances leben in der Ausstellung im "Hexentanz" der Mary Wigman fort, die dadaistische Lyrik in den Verweigerungen von Louis Aragon oder Antonin Artaud, die Dada-Plastik bei Man Ray oder in Duchamps Ready-Mades. Für die Kuratoren sind die Pariser Situationisten mit ihren makabren Umzügen in den 1960iger Jahren Erben von Dada, ebenso Fluxus, die 68iger oder die Punk-Bewegung, die man in wilden Szenen am Bildschirm beobachten kann.

Das alles ist natürlich anfechtbar, aber es hat auch eine bezwingende Logik. Vor allem: es macht Spaß, es setzt das Publikum in Bewegung.  Ganz anders in einer zweiten Dada-Ausstellung im Kunsthaus, wo man sich Mühe geben und in die Objekte einarbeiten muss –aber ebenfalls reich belohnt wird. Kuratorin Adrian Sudhalter hat nach langen Recherchen die Werke gefunden, die für Tristan Tzaras nie realisiertes "Dadaglobe"-Buch vorgesehen waren, eine Art Dada-Bibel, die alle wesentlichen Dada-Künstler in Selbstdarstellungen präsentieren wollte.

Politisch und subversiv

"Beeindruckend war: als wir die Werke alle versammelt hatten, sah man, dass sie miteinander interagierten. Die Künstler schickten ihre Werke mit der Idee, mit Tzara und den anderen Beiträgern des Buches wirklich zu kommunizieren. Das sind keine Einzelwerke, die im Vakuum entstanden. Das sind dialogische Werke…"

Adrian Suthalter

Dada war international: André Breton schrieb sein "surrealistisches Manifest" von Tzaras "Dadaglobe" offenbar weitgehend ab. Dada war politisch und subversiv, nicht nur 1916 in Zürich. Damals verwendete Marcel Janco afrikanische Masken und Gasmasken aus Verdun als Vorbild für seine Dada-Gesichter. Im Landesmuseum ist das zu sehen. Dort hängt auch ein Flugblatt-Spruch aus der Züricher Jugendbewegung von 1980, der als dadaistisch inspiriert gelten darf: "Machet us äm Staat/Gurkesalat."


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