Bayern 2 - Kulturjournal


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"Viva Arte Viva!" Die Biennale in Venedig feiert die Kunst

"Es lebe die lebendige Kunst" ist das Credo von Centre Pompidou-Direktorin Christine Macel, die dieses Jahr die Kunst-Biennale von Venedig kuratiert. Performance Installationen, Schaminismus, Rituale und viel Partizipation von 120 Künstler_innen in den großen Ausstellungshallen - und daneben noch 81 Länderpavillons! Der deutsche, von Anne Imhof ist besonders eindrucksvoll.

Stand: 13.05.2017

Goldener Löwe 2017

Anne Imhof wird für ihre großartige Gestaltung des Deutschen Pavillons mit der Performance "Faust" ausgezeichnet. Glückwunsch!

Anders als Adam Szymczyk, der der documenta 14 die Politik auf die Fahne schreibt, will Christine Macel Kunst nicht befrachten. Sie setzt ganz auf die Freiheit von und baut auf die eigene Wirkung der Kunst - und das funktioniert. Ganz besonders bei dem Deutschen Pavillon, den die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof bespielt. Mit ihrer fast fünfstündigen Performance "Faust" kreiert sie Bilder und Eindrücke, die so schnell nicht mehr verblassen. Der Deutsche Pavillon wird zu einer Grenzregion die beängstigende Grenzerfahrungen bietet: Wer die Dobermänner und den übermannshohen Zaun passiert hat, betritt den monumentalen Bau auf einer eingezogenen Zwischendecke aus kalt spiegelndem Panzerglas. Gut ein Meter darunter liegen und bewegen sich Frauen und Männer aus Imhofs Performance-Team, andere mischen sich unter die Besucher, schlagen sich wie autistisch mit der Faust auf die Brust, legen Feuerspuren, raufen miteinander, stimmen einen melancholischen Gesang an. Ein paar von ihnen thronen drinnen und draußen in der Höhe das Nazibaus regungslos auf Absätzen und dicken Glasplatten. Mulmig wird's einem: Alles ist offen und durchsichtig und nichts verständlich. Eine Kontrollgesellschaft mit gravierendem Kontrollverlust - gewiss nicht nur eine deutsche Gegenwartserfahrung.

Fünf Stunden - der lange Atem der Kunst

Tag für Tag etwa fünf Stunden lang "Faust"-Performance im Deutschen Pavillon! Anna Imhof, deren letzte Performance "Angst" dreiteilig war und insgesamt 15 Stunden dauerte, weiß, dass kaum ein Besucher die ganze Zeit dabei bleibt, und sie weiß auch, dass das nichts macht. Mindestens ein Bild hakt sich in jedem fest und wirkt nach. Das ist der offene Freiraum der Kunst, der ganz anders beschaffen ist, als die Plattformen im Internet, wo die ersten 3 Sekunden eines Videos darüber entscheiden, ob das Ding läuft, d.h. viele Likes und Zuschauer findet oder aber durchfällt/ nichts ist. Anne Imhof und ihre Performer_innen haben Zeit.

Partizipation, Kommunikation und Schamanismus

Auch die großen, von Christin Macel kuratierten Ausstellungshallen im Arsenale und den Giardini bieten Raum für diverse Kunstformen und Experimente und für viel Kommunikation und Partizipation. Der dänische Künstler Olafur Eliasson baut mit Geflüchteten, die in Italien Asyl gefunden haben, Lampen. David Medallas lässt die Besucher einen Stich in seiner Installation - einer großen Stoffbahn - nähen, der brasilianische Künstler Ernesto Neto führt die Besucher_innen in bunte Zelte, in denen Indianer Musik machen.

Kulturjournal

Christine Hamel besucht für das Kulturjournal auf die 57. Biennale von Venedig. Sonntag, 14. Mai, 18:05 Uhr auf Bayern 2.


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