Bayern 2 - Kulturjournal


72

Stephan Lessenich Wer zahlt den Preis für unseren Wohlstand?

Wir leben in einer "Externalisierungsgesellschaft", so lautet die These des Soziologen Stephan Lessenich: Wir lagern die Kosten unserer Arbeits- und Lebensweise räumlich und sozial aus. Mit System - und genau dieses System muss sich ändern.

Stand: 30.11.2016

Stephan Lessenich | Bild: © Götz Schleser

Manchmal lassen sich große Zusammenhänge an scheinbar kleinen Dingen zeigen: An Kaffeekapseln zum Beispiel. Noch vor einigen Jahren gab es sie nicht, inzwischen werden davon in Deutschland im Jahr ca. zwei Milliarden verwendet, mit steigender Tendenz. Der Vorteil für den Kunden soll sein, dass sich der Espresso damit leicht zubereiten lässt. Und die großen Nachteile, den die handlichen Kapseln auch haben, fallen nicht bei diesem Kunden an, sondern anderswo.

Die Bauxit-Mine, die Kaffeekapsel und ein vergifteter Fluss

Etwa in Brasilien, wo sich Bauxit-Minen befinden, die den Rohstoff für das Aluminium der Kapseln liefern. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen: Im November 2015 brach im Bundesstaat Minas Gerais der Damm eines Rückhaltebeckens in einer Eisenerzmine. Ein giftiger Strom mit Rückständen von Eisen, Blei, Quecksilber, Arsen und anderen Stoffen wurde vom Rio Doce aufgenommen, 250.000 Menschen waren von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten, viele Fischer verloren ihre Existenzgrundlage. Zuvor hatte der Minenbetreiber die Förderung drastisch hochgefahren und damit auch eine erhebliche Belastung der Dämme in Kauf genommen, um auf dem Weltmarkt mitzuhalten.

Der Fall vom Rio Doce und vom Bauxit ist nur einer von denen, die in Stephan Lessenichs Buch "Neben uns die Sintflut" vorkommen. Andere betreffen die Sojaproduktion, Palmöl, Garnelen oder das knappe Gut Sand. Gemeinsam ist ihnen allen die Struktur der "Externalisierung" von Kosten des Wohlstands des globalen Nordens in den fernen globalen Süden. Ausgelagert werden Arbeit, Flächenbedarf oder Umweltschäden - mit dem Effekt, dass diejenigen, die einen besonders großen ökologischen Fußabdruck haben, selbst in der intakteren Umwelt leben.

"Es geht um die andere Seite der westlichen Moderne, um ihr 'dunkles Gesicht', um ihre Verankerung in den Strukturen und Mechanismen kolonialer Herrschaft über den Rest der Welt. Es geht um Reichtumsproduktion auf Kosten und um Wohlstandsgenuss zu Lasten anderer, um die Auslagerung der Kosten und Lasten des 'Fortschritts'."

Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut

Sichtbarkeit herstellen

Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, wie es in Nachhaltigkeitsdebatten oft gesagt wird, sondern über die Verhältnisse anderer, so Stephan Lessenich. Mit seinem Konzept von der "Externalisierungsgesellschaft" will der an der LMU München lehrende Soziologe zunächst einmal Sichtbarkeit für das Phänomen herstellen, das die reichen Gesellschaften mit erstaunlicher Konsequenz auszublenden verstehen.

Wie umzusteuern wäre, ist damit zwar noch nicht gesagt, doch Lessenich stellt klar, in welche Richtung man denken müsse. Persönliche Einschränkung bei Fernreisen oder überflüssigen Kaffeekapseln zum Beispiel, "ethischer Konsum" oder Konsumverzicht also, so sinnvoll er ist, wird das Problem nicht lösen. Es muss politisch adressiert werden - und politisch stellt Lessenich nicht weniger als die Systemfrage an die bestehende globalisierte Ökonomie. Denn Armut und Reichtum stehen sich auf der Welt nicht nur faktisch gegenüber, der Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum lässt sich gar nicht wegdenken, er ist funktional: "Es geht den einen 'gut' bzw. besser, weil es den anderen 'schlecht' oder jedenfalls weniger gut geht", schreibt Lessenich.

"It’s capitalism, stupid. Dass die einen externalisieren können und die anderen den Preis dafür zu zahlen haben, dass die einen das schaffen, was den anderen zu schaffen macht, ist eine veritable Systemfrage. Externalisierung hat System, und das System heißt modernes Weltsystem bzw. globaler Kapitalismus."

Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut

Das entscheidende Machtgefälle

Seine Analyse sei eine Machtanalyse, sagt Stephan Lessenich, das System der Externalisierung funktioniere nur, weil es mächtigere und weniger mächtige Akteure gebe. Der Rekurs auf einen globalisierten "gleichen Tausch" ist für ihn Ideologie. Denn die Spezialisierung armer Länder auf wenige Güter oder Produkte für den Weltmarkt geschieht nicht freiwillig, auch das Aussteigen ist für sie keine Option. Dennoch könnte ein Wandel gerade von ihnen ausgehen - von jenen sozialen Bewegungen, die sich dort überall formieren und die nach Lessenich zu Vorreitern einer "globalen Demokratie" werden könnten.

Und vielleicht ist die Gelegenheit günstig, denn auch die Externalisierer können immer weniger die Augen davor verschließen, dass das System, von dem sie profitieren, anderswo schwerwiegende Folgen hat. In gewisser Weise gibt es in einer Welt fortgeschrittener Globalisierung gar kein stabiles, kalkulierbares "Außen" mehr, in das hinein externalisiert werden könnte. Und zudem kommen Globalisierungseffekte immer mehr auch bei uns an. Klimawandel und Fluchtwanderung zum Beispiel bedeuten für Stephan Lessenich eine "neue Qualität, genauer gesagt eine neue Materialität der Berührung dieser Gesellschaft mit ihrem 'Außen'". Und diese lässt sich wohl nicht mehr so einfach ausblenden wie mögliche Nachrichtenbilder von toxischem Schlamm in einem brasilianischen Fluss.

Kulturjournal

Martina Boette-Sonner hat beim Literaturfest München mit Stephan Lessenich über seine Analyse der Externalisierungsgesellschaft gesprochen. Auszüge aus dem Gespräch sind im Kulturjournal am Sonntag, den 4. Dezember 2016 ab 18:05 Uhr auf Bayern 2 zu hören.

Stephan Lessenich: "Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis", 224 Seiten, Hanser Berlin 20,00 Euro


72