Bayern 2 - Kulturjournal


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Angekommen! Die österreichische Literatur im Wiener Literaturmuseum

Thomas Mann hatte einen klaren Begriff von ihr, aber viele - selbst Österreicher wie Hugo von Hofmannsthal - zählen die österreichische einfach zur deutschen Literatur. Jetzt hat ihr die österreichische Nationalbibliothek einen eigenen Ort verschafft. Genau dort, wo einst Franz Grillparzer arbeitete.

Stand: 11.12.2015

1995 war Österreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Spätestens seit dem ist das Selbstbewusstsein der österreichischen Gegenwarts-Autoren und des österreichischen Literaturbetriebs so gestärkt, dass die bis dahin fast übliche Eingemeindung österreichischer Autoren vorbei war. Letztere hatte sich nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates, der mit ganz großen Schriftstellern wie Karl Kraus, Robert Musil, Hermann Broch und Arthur Schnitzler glänzte, nicht nur in den deutschen Feuilletons eingeschlichen. Symptomatisch dafür war das von S. Fischer 1971 herausgegebene Taschenbuch: "Deutschland erzählt. Von Rainer Maria Rilke bis Peter Handke", das unter diesem Titel 1994 (!) zum letzten Mal erschien. Mit ihrem Auftritt bei der Buchmesse wollten sich die österreichischen Autorinnen und Autoren und Verleger nun vom Schatten des deutschen Literaturbetriebs befreien - und zusätzlich auch vom Anstrich alpenländischer Folklore, einer "Stammesdichtung", der seit dem Zerfall der KUK-Monarchie auf ihr lastete, wie Gerhard Fritsch schon früh konstatiert hat.

"Man hat ebenso versucht, eine österreichische Nationalliteratur zu konstruieren, wie andererseits jegliche Eigenart österreichischer Autoren zu leugnen, bestenfalls als Symptome einer bestimmten Stammesdichtung anzuerkennen." Gerhard Fritsch

Radikale Heimatschelte

Josef Winkler

Die Autorinnen und Autoren, die 1995 dann die Literatur- und Kulturnation in Frankfurt hochhalten sollten, haben - sozusagen als Nachfolger von Thomas Bernhard, der bis zu seinem Tod 1989 voller Hassliebe auf seine Landsleute eingedroschen hat - ein mehr als ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat: Gert Jonke und Josef Winkler hinterfragen die Welt, aus der sie stammen, mit einer Härte und Radikalität, wie sie hierzulande nicht üblich war. Ernst Jandl machte sich in seinen Lautgedichten herrlich lustig über die Österreicher, Elfriede Jelinek eröffnete sprachgewaltig die Untaten der Österreicher während der Nazizeit und Peter Handke nannte Österreich "Das Fette, an dem ich würge."

Österreichische Vielvölkerliteratur der Gegenwart

Viele Autorinnen und Autoren aus den östlichen Ländern, die früher zum Vielvölkerstaat gehörten, schreiben wieder deutsch und wohnen und arbeiten jetzt in Österreich: zum Beispiel etwa Dimitré Dinev oder Drago Jančar. Sie orientieren bei ihren literarischen Verwurzelungsversuchen immer wieder an dem "Kakanien" das 1914 endgültig untergegangen ist.

"Die österreichische Literatur, hat Helmut Eisendle einmal gesagt, beweist vor allem, 'dass sie besteht.' Davon kann man sich jetzt endlich auch abseits der Lektüre ihrer Werke ein facettenreiches Bild machen. Vorbei an Handkes Spazierstock, Grillparzers Regenschirm, Jandls Regiestuhl, Alma Mahler-Werfels Postkarten, Werner Schwabs Arbeitsbuch, Florian Lipuš` Bleistiftbox, Hilde Spiels Taschenkalender, Doderers 'Bauplan' für einen Roman, an einer Unzahl von Schriften und Dokumenten, Fotos und Plakaten, alles untergebracht in den alten Archivregalen, aus denen noch die Akten aus dem 19. Jahrhundert hervorstehen, spaziert man in der Wiener Johannesgasse 6 durch ein Museum, das anregend und herausfordernd begreifbar macht, was Peter Handke einmal sagte: 'Es ist Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern mit Hartnäckigkeit und sanfter Gewalt widerspricht.'"

Bernd Noack in seinem Kulturjournal-Beitrag auf Bayern 2.

Literaturmuseum

Johann Nestroy, Arthur Schnitzler, Franz Kafka, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Friederike Mayröcker - das sind nur ein paar Namen der an großen AutorInnen reichen österreichischen Literatur. Das Literaturmuseum der österreichischen Nationalbibliothek präsentiert seit dem Sommer österreichische Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart im Grillparzerhaus, Johannesgasse 6, Wien.

"Das Fette, an dem ich würge": Sie hören den Beitrag von Bernd Noack Sonntag, 13. Dezember 18.05 Uhr im Kulturjournal auf Bayern 2.
Weitere Infos:


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