Bayern 2 - Kulturjournal


20

Kultur der Stadt Der neue Run auf die Städte

Junge Leute, Rentner, Flüchtlinge, alle zieht's in unsere Städte. Das Eigenheim in Suburbia ist passé, selbst Familien streben zurück in die Städte oder bleiben gleich dort - falls sie es sich leisten können. Warum dieser neue Run auf unsere Städte? Der Soziologe Walter Siebel hat dieser Frage eine umfassende Studie gewidmet.

Von: Iris Buchheim

Stand: 17.02.2016

"Stadtluft macht frei" - dieses Versprechen hat schon im Mittelalter die Leibeigenen in die Städte gelockt. Wenn ihre Grundherren sie binnen eines Jahres nicht zurückfordern konnten, waren sie nach einem Jahr frei, keine Leibeigenen mehr. Auch wenn hier längst auch auf dem Land keine feudalen Strukturen mehr herrschen, ist die europäische Stadtgeschichte nach wie vor eine Geschichte von Befreiungen: Befreiungen aus den Zwängen der Natur, den Zwängen dörflicher Gemeinschaft, von den Zwängen aus nackter Not und Hunger. Das ist die zentrale These des Soziologen Walter Siebel, der in einer umfassenden Studie die "Kultur der Stadt" untersucht.

Die moderne Stadtmaschine

Diesen entlastenden Zug der Städte, der sie vor allem auch für moderne Frauen attraktiv macht, die selbst Karriere machen wollen und Dienstleistungen aller Art brauchen, bezeichnet der inzwischen emeritierte Soziologe als "Stadtmaschine". Wie die mechanische Maschine im Industriezeitalter, so nimmt sie den Menschen die harte Schweißarbeit ab. Aber wie jede Befreiung ist auch diese ambivalent. Sie bürdet den Befreiten neue Verpflichtungen auf und bringt nur die in den Genuss der Freiheit, die sich ein solches von Dienstleistungen erfülltes Leben leisten - sprich kaufen können. Die moderne Stadtmaschine braucht Arbeit und Investitionen, um zu funktionieren.

"Die Stadt als Maschine zur Entlastung von Arbeit und Verpflichtungen ist die erste Antwort auf die Frage nach dem Besonderen der Stadt. Es ist eine Antwort, die auf die emanzipatorische Rolle der Stadt setzt. Die Stadt verspricht Erlösung vom Fluch der Arbeit. Aber sie löst dieses Versprechen auf widersprüchliche Weise ein. Die Stadt versorgt mit allem, was zu einem bequemen Leben notwendig ist, aber nicht jeder hat Zugang zu ihren Leistungen. Die Stadt hat den Menschen fast alle körperlichen Mühen und sozialen Verpflichtungen abgenommen, aber an deren Stelle sind andere Zwänge getreten. Im Zuge der Urbanisierung wird die Stadtmaschine immer leistungsfähiger mit dem Effekt, daß der Städter immer umfassender den Anforderungen beruflicher Arbeit unterworfen wird."

Walter Siebel in Die Kultur der Stadt

Die Gefahr der Segregation

Die Metapher der Stadt als Maschine will keinesfalls ein reibungsloses Funktionieren der Stadt suggerieren - im Gegenteil. Das Entlasten vom Notwendigen funktioniert nur, wenn sich auch die, die all diese entlastenden Dienste anbieten - von der Betreuung der Kinder über die Müllabfuhr bis hin zum Kutschieren der U-Bahn - das Leben in der Stadt leisten können. Sprich, nur dann wenn die soziale Segregation von Arm und Reich, prekär Beschäftigten und Großverdienern, nicht weiter fortschreitet.

Die "Bilbao-Strategie"

Wo der ökonomische Strukturwandel von der Industrieregion zur modernen Dienstleistungsstadt ins Stocken gerät, helfen spektakuläre Museumsbauten, neue Konzertsäle oder Theater - sogenannte "Kulturleuchttürme" der im Niedergang begriffenen Region ein neues Image zu geben. Wegweisend für diese Reanimierungsmaßnahme ist Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao, ein wahrhaft spektakulärer Bau direkt am Rande der heruntergekommenen Altstadt, die dadurch bald wieder enorm aufgewertet wurde. Auch bei der Elbphilharmonie, die inzwischen mit gut 800 Millionen Euro fünfmal mehr kostet als geplant, scheint diese "Bilbao-Strategie" - diesmal zur Wiederbelebung des Hafenviertels - prächtig aufzugehen: Investoren aus aller Welt suchen die Nähe dieses Kulturtempels und reißen sich um die Karten für das Eröffnungskonzert im Januar 2017.

Der Fremde - der Prototyp des Städters

Die kulturellen Leuchttürme wie Museen, Theater und Konzertsäle machen neben großen Bildungsinstitutionen und Informationsbörsen unsere Städte höchst attraktiv - und zwar für viele, für die vielfältigsten Menschen. Dadurch ist die moderne Stadt zu einem Ort geworden, wo Fremdes und Vertrautes direkt nebeneinanderliegen und erfahren wird: Hier wird tagtäglich - ob beim türkischen Gemüsemann gegenüber oder dem japanischen Sushi-Lokal an der Ecke - der Sinn für die kulturelle Differenz wachgehalten und geschärft, oder wie Siebel sagt: "Der Prototyp des Städters ist der Fremde, der typische Dorfbewohner dagegen ist Nachbar". Diese wohltuende Freiheit von der strengen sozialen Kontrolle, die auf dem Land herrscht, lässt Städter zuweilen distanziert oder gar gleichgültig erscheinen. Aber wie jede befreiende Ambivalenz ist auch der Austausch mit Fremden produktiv: Es gibt immer wieder Berührungspunkte zwischen den fremden Kulturen, so dass aus der Konfrontation eine produktive Auseinandersetzung erwächst.

"Das Neue entsteht an den Rändern, wo sich die Kulturen berühren und in Austausch treten."

Walter Siebel, Die Kultur der Stadt

Kulturjournal

Walter Siebel, Die Kultur der Stadt. Suhrkamp 2015, 475 Seiten.

Für das Kulturjournal hat Jochen Rack mit dem Oldenburger Soziologen Walter Siebel gesprochen.

Sonntag, 21. Februar 18.05 Uhr auf Bayern 2.


20