Bayern 2 - Kulturjournal

Zum 100. Todestag von Franz Marc

Der Künstler und der Krieg Zum 100. Todestag von Franz Marc

Stand: 10.03.2016

Am 4. März 1916 fiel Franz Marc als Soldat des Ersten Weltkriegs bei Verdun. Wie viele seiner Zeitgenossen hatte er den Krieg begrüßt - jedoch nicht aus deutschem Patriotismus, sondern im Glauben an seine "reinigende" Kraft.

Gelbe Kühe, blaue Pferde, ein zart in den Bildraum eingesponnenes Reh: Die Kunst des Franz Marc wirft einen neuen Blick auf die Welt. Seine Bilder sind heute so sehr in den Kanon eingegangen, so oft gesehen und reproduziert worden, dass man sich ihren revolutionären Gestus bisweilen wieder vergegenwärtigen muss. Marc wollte in seiner Malerei die Natur nicht mehr abbilden, ihr glühendes Leben nicht nachahmen, sondern mit künstlerischen Mitteln nachempfinden.

Der Aufbruch der Künstler

Die Darstellung von Tieren kam diesem Anliegen entgegen: Der Künstler bindet sie mit seinen Kompositionen in ihre Umwelt ein, die nicht-realistische Farbgebung verleiht ihnen eine eigene Bildexistenz. Marc, in seiner Person und seinen kunsttheoretischen Bemühungen sehr viel grüblerischer, als es seine oft so heiteren Bilder vermuten lassen, war auf der Suche nach einem Wesenszusammenhang der Wirklichkeit, der das individuelle Leben in eine größere Ordnung stellt. Eine Ordnung allerdings, die nicht aus der Konvention entspringt, sondern aus der Natur selbst.

Selbstverständlich bedeutete das auch einen Abschied von den Traditionen der akademischen Kunst. Zusammen mit seinen Mitstreitern im "Blauen Reiter", Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und August Macke etwa, wagte Marc auch programmatisch einen Aufbruch. Den Weg in die Abstraktion beschritten die Künstler auf unterschiedliche Weise, Marc weniger vehement als Kandinsky und stärker als dieser von der Gesamtkomposition eines Gemäldes als vom Zusammenklang einzelner Bildchiffren aus gedacht. Doch die Umwälzung, die die neue Kunstauffassung bedeutete, war auch bei ihm groß gedacht - und keineswegs auf die Kunst beschränkt: Sie sollte sich der bestehenden bürgerlichen Welt des wilhelminischen Deutschland und Europas insgesamt mit ihren überkommenen Werten entgegenstellen.

Die Katharsis des Krieges

In dieser herbeigesehnten "Reinigung" war der Krieg für Franz Marc, der Anfang August 1914 in die Kaserne eingerückt war, ein wichtiger Akteur. Im Oktober 1914 schrieb Marc aus der Nähe von Metz an Kandinsky, er sehe im Krieg "den heilsamen, wenn auch grausamen Durchgang zu unseren Zielen" - und bekam aus dem Exil des künstlerischen Weggefährten die kühle Antwort: "Ich dachte, dass für den Bau der Zukunft der Platz auf eine andere Art gesäubert wird." Doch Marc bemühte sich weiter, den Freund von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen.

"Mein Herz ist dem Krieg nicht böse, sondern aus tiefem Herzen dankbar, es gab keinen anderen Durchgang zur Zeit des Geistes, der Stall des Augias, das alte Europa konnte nur so gereinigt werden."

Marc an Kandinsky, 16. November 1914

Die Kriegsemphase Marcs war nicht in nationalem Chauvinismus begründet, sondern in einer prinzipiellen Zivilisationskritik, seine Naturdarstellungen sind auch ein Gegenentwurf zu einer entfremdeten und entfremdenden Kultur und Gesellschaft. Und er hoffte tatsächlich darauf, dass, nachdem das "kranke Blut vergossen" wäre, das "gereinigte" Europa bereit sei für einen kulturellen und auch spirituellen Neuanfang, darauf, dass die Materialschlachten den Materialismus seiner Zeit überwinden helfen würden. In dieser Sichtweise erscheint der Krieg selbst als eine Art Befreiungsakt der Avantgarde. Und er wird fast zu einem Naturereignis, das das Kalkül der alten Mächte hinwegfegt - obwohl er doch in Wahrheit genau diesem Kalkül folgte.

Ausstellungstipp:


"Franz Marc - Zwischen Utopie und Apokalypse"

Das Franz Marc Museum Kochel, Kulturpartner von Bayern 2, erinnert im 100. Todesjahr des Künstlers mit einer Ausstellungstrilogie an Franz Marc. Im Mittelpunkt steht jeweils ein bedeutendes Werk:

6. März - 5. Juni 2016: "Das arme Land Tirol"
12. Juni - 11. September 2016: "Weidende Pferde IV"
18. September 2016 - 15. Januar 2017: "Kämpfende Formen"

Zerstörung, Verlust, Tod

Dem "Blauen Reiter" setzte der Krieg ein brutales Ende: Die Russen Kandinsky, Jawlensky, und Marianne von Werefkin mussten Deutschland als "feindliche Ausländer" verlassen, August Macke fiel bereits im September 1914. Sein Tod war für Marc ein schmerzlicher Verlust, in einem anrührenden Nachruf schrieb er: "Wir Maler wissen gut, dass mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die Farbe in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und einen stumpferen, trockeneren Ton bekommen wird. Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war."

Nicht nur durch Mackes Tod, sondern auch durch den eigenen Fronteinsatz wurde Marc mit der Grausamkeit des Krieges konfrontiert. Dennoch hielt er wohl noch an seiner Auffassung fest, der Freund habe, wie die anderen Gefallenen auch, sein Blutopfer für die Erneuerung Europas gebracht. Auch seine eigene Rolle als Soldat sah er in dieser Weise als Übernahme einer überpersönlichen "Sühne". Marc, der bald vom Gefreiten zum Unteroffizier befördert worden war, diente als Kundschafter und Meldereiter. In diesem Dienst fiel er Anfang März 2016 selbst auf einem Erkundungsritt in der Nähe von Verdun, 36 Jahre alt. Marc wurde zwei Mal beigesetzt: Am Tag nach seinem Tod von seinen Kameraden in Frankreich, am 3. April 1917 auf dem Friedhof in Kochel am See. Seine Witwe Maria, die stets bemüht gewesen war, dem Überschwang ihres Mannes die nüchterne Realität politischer und ökonomischer Interessen deutlich zu machen, für die der Krieg geführt wurde, hatte die sterblichen Überreste Marcs dorthin überführen lassen.

Die Kriegsbegeisterung des Franz Marc ist von heute aus nur noch schwer nachvollziehbar. Den Menschen Marc in seiner Zeit verständlich zu machen, darum haben sich in jüngster Zeit einige Publikationen verdient gemacht. Zuletzt erschien die Biografie von Wilfried F. Schoeller, außerdem ein von Brigitte Roßbeck herausgegebener Band mit den Erinnerungen von Maria Marc. Darin erzählt die Gefährtin des Künstlers von der Melancholie und den Selbstzweifeln ihres Mannes ebenso wie von den Konflikten zwischen den Eheleuten in ihrer Haltung zum Krieg. Für das allgemeinere Thema der Künstler im Ersten Weltkrieg ist noch immer der Band "1914. Die Avantgarden im Kampf" von 2013 zu einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn einschlägig.

Bücher zum Thema

Schoeller


Wilfried F. Schoeller
"Franz Marc. Eine Biographie"


400 Seiten
Carl Hanser Verlag 2016

Roßbeck


Maria Marc / Brigitte Roßbeck (Hrsg.)
"'Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen'
Mein Leben mit Franz Marc"

Siedler Verlag 2016
192 Seiten

Hoberg


Annegret Hoberg
"August Macke, Franz Marc.
Der Krieg. Ihre Schicksale. Ihre Frauen"

168 Seiten
Wienand Verlag 2015

"Avantgarden im Kampf"


"1914. Die Avantgarden im Kampf"
Herausgegeben von der Bundeskunsthalle Bonn

352 Seiten
Snoeck Verlag 2013

Neue Bücher zu Franz Marc

"Eine Leben für die Farbe". Zum 100. Todestag von Franz Marc von Tilman Urbach. Samstag, 12. März 14.05 Uhr im Diwan auf Bayern 2 (Wiederholung 21.05 Uhr)