Bayern 2 - Kulturjournal

Kunstschau mit politischem Anspruch

documenta 14 Kunstschau mit politischem Anspruch

Stand: 09.08.2017

In der documenta Halle beherrscht ein großes Objekt den Raum, Großskulptur, Mahnmal, Klangkörper: ein auseinandergebrochenes Flüchtlingsboot, dem der mexikanische Künstler Guillermo Galindo zu einem Töne entlockt. Eines der Beispiele für den politischen Anspruch der documenta: Flucht, Migration und Enteignung sind die großen Themen der internationalen Kunstschau.

"Fluchtzieleuropahavarieschallkörper"

Vor gut zwei Jahren ist Guillermo Galindo nach Lesbos gefahren und hat die Flüchtlingscamps aufgesucht. Im Norden der griechischen Insel fand er viele Wracks von Booten, auf denen Menschen die Flucht nach Europa gewagt haben. Er verwandelte die Bootsstücke mit Trommeln und Saiten zu Musikinstrumenten, mit Hilfe der documenta schaffte er sein Kunstwerk "Fluchtzieleuropahavarieschallkörper" nach Kassel, wo es in den ersten Tagen der Ausstellung wohl zu den meistfotografierten Stücken zählte.

Ist das richtig gute politische Kunst, wie die documenta sie zeigen will - oder vielleicht doch auf vertrackte Weise zu schön? Ein schmerzlicher Zeitkommentar - oder vielleicht doch eher ein Kunstornament auf den Relikten der rauen Wirklichkeit, das durchaus in Kitschgefahr steht? An Galindos Bootsskulptur stellen sich einige der Fragen, die die Kritik am Kunstkonzept der documenta kontrovers debattieren. Eine weitere Arbeit, die das Thema Migration sehr direkt anspricht, ist der Beitrag von Hiwa K, einem in Berlin lebenden Iraker. Er hat auf dem großen Platz vor der documenta Halle etwas aufgebaut, das wie eine außer Kontrolle geratene Baustelle aussieht – lange Kanal-Rohre, in denen Flüchtlinge, wie er selbst vor 15 Jahren einer war, notdürftig schlafen könnten. Ein brisantes Symbol.

Ausstellung an zwei Orten

Arbeitstitel dieser documenta ist: "Von Athen lernen" - anstatt die Athener dazu aufzufordern, ihre Hausaufgaben zu machen. Das Konzept von documenta-Leiter Adam Szymczyk will aber vor allem zum "Verlernen" auffordern, dazu, alle etablierten Begriffe und Vorstellungen von Ökonomie, Ökologie, Gender - selbst von der Institution des Museums - hinter sich zu lassen. Daher findet die documenta dieses Jahr an zwei Orten statt.

"Die documenta muss auch über sich als Institution nachdenken. Auch wenn sie von deutschen staatlichen Institutionen finanziert wird, ist es wichtig, sich nicht als die bloße Verlängerung der kulturellen und politischen Interessen Deutschlands zu sehen. Kulturelle Produktion sollte das Eigentum von jedermann sein. Die documenta gehört vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen - das war auch die ursprüngliche Überlegung, die die Ausstellung von Kassel nach Athen und wieder zurück führte."

Adam Szymczyk, Leiter der documenta 14, im Interview mit der dpa.

documenta 14 hochpolitisch

Griechenland als Symbol der europäischen Krise, Deutschland als Sehnsuchtsort der Migranten: Die documenta versteht sich als Knotenpunkt der Fluchtwege und geht die drängendsten Fragen der Gegenwart an. Mit scharfen Attacken gegen die europäische Flüchtlingspolitik und vielen aktuellen Bezügen startete die Eröffnungs-Pressekonferenz in Kassel. Viele der 163 geladenen Künstler reagieren auf die gesellschaftliche Verunsicherung mit Appellen zum Widerstand: gegen "eine Grammatik des Rassismus, gegen die ganze formelhafte Sprache der Bürokratie, gegen die Vereinfachung der Verhältnisse, die viele Politiker an der Macht betreiben", wie es Bonaventure Ndikung, einer der Kuratoren aus dem internationalen Team, formulierte.

Kassel und Athen zusammendenken

Mit der Verbindung von Athen und Kassel geht es auch darum, den Blick von der prekären Peripherie produktiv zu nutzen - auch für die Frage, was denn eigentlich für wen die Peripherie und was das Zentrum sei. Adam Szymczyk, der aus dem polnischen Łódź stammt und gerade die Schule beendet hatte, als der Eiserne Vorhang fiel, kennt diese Perspektive aus persönlicher Erfahrung. Für ihn bedeutete sie damals Aufbruch, im Griechenland der Gegenwart kann genau davon keine Rede sein.

"Parthenon of Books" von Marta Minujín

Der Krisenmodus ist allgegenwärtig, auch und gerade im Kulturbereich: Das ambitionierte Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen etwa, seit dem Jahr 2000 in Planung, hat zwar seine neue Bleibe in einer umgebauten ehemaligen Brauerei inzwischen bezogen, kann aber seine ständige Sammlung wegen Geldmangels noch immer nicht zeigen. Nun wurde es von der documenta fast vollständig bespielt, in Kassel wiederum werden Werke aus eben dieser Sammlung im Fridericianum gezeigt, traditionell das Herzstück der Ausstellung. Auf dem Platz vor dem antikisierenden Bau ist eine große Arbeit zu sehen, die ebenfalls beide Städte verbindet - und die große wie die dunkle Vergangenheit Europas: Die argentinische Künstlerin Marta Minujín hat einen "Parthenon der Bücher" errichten lassen, eine Installation nach dem Vorbild des Tempels auf der Akropolis, der "ästhetisch und politisch das Ideal der ersten Demokratie" repräsentiere. In einem Drahtgerüst geben gespendete verbotene Bücher dem Werk einen Körper, und das just auf dem Friedrichsplatz, wo 1933 Bücherverbrennungen stattgefunden haben. Am Ende wird der Tempel der verbotenen Bücher dann zum Einsturz gebracht, die Bücher kommen wieder in Umlauf.

Kunst als Freiheitsübung und Partizipation

Das Programm in Athen setzte sich mit der Stadt als der Wiege der Demokratie und mit ihrer Geschichte in der Moderne auseinander. Im Parko Eleftherias installierte sich ein "Parlament der Körper" als offener Raum für Debatten und "Praktiken", wie es in der Ankündigung der documenta heißt.

Ankunft in Kassel: Die Reiter von "The Athens-Kassel Ride" von Ross Birrell vor dem "Parthenon of Books"

Ausgestattet wurde es nicht mit der üblichen Möblierung, der "Demokratiefiktion des amphitheatralen Halbkreises", sondern mit 68 Ruinenblöcken, die sich in unterschiedlichen Varianten zusammensetzen und nutzen ließen. Schon im September 2016 fanden dort 34 "Freiheitsübungen" mit Künstlern, Theoretikern und Aktivisten statt. Wichtiges Thema war hier die Diktatur in Griechenland in den 60er- und 70er-Jahren. Wie immer bei der documenta gibt es viel Abstraktes, Konzeptionelles und Theoretisches rund um die Schau, vor allem im Vorfeld. Allerdings haben die Kuratoren auch einen Sinn für starke Bilder: Zu ihnen gehörte zum Beispiel ein 100-Tage-Ritt von vier Reitern von der Akropolis bis nach Kassel, initiiert vom schottischen Künstler Ross Birrell. Der Ritt führte über historische Handelsrouten, die heute auch Migrationsrouten geworden sind.

Künstler und Kuratoren als Chor bei der Eröffnung der documenta 14 in Athen

Und zur "ersten" Eröffnung in Athen am 6. April wurden die documenta-Künstler und das Leitungsteam Teil einer Aufführung, bei der ein großer Chor auf der Bühne gluckste, zischte, raunte und stöhnte. Ein eindrücklicher Auftritt für zwei wichtige Statements der Kunstschau: Performance und Partizipation. Ein Feld für Kunst-Konsumenten soll die documenta nicht sein, sondern eine "Erfahrung ohne vorprogrammierte Erwartungen". Die Kritiker arbeiten sich seit der Eröffnung an der documenta und ihrem explizit politischen Anspruch an die Kunst ab, in Athen gab es ebenfalls einigen Unmut - es war sogar die Rede von deutschem "Kulturimperialismus". Dennoch kamen und kommen viele, um die Kunstschau zu sehen: Kassel steuert auf einen neuen Besucherrekord zu. Zu sehen ist die Ausstellung dort noch bis zum 17. September.

documenta 14 auf Bayern 2


documenta-Auftakt in Athen
Von Alkyone Karamanolis
kulturWelt, Freitag, 7. April, 8:30 Uhr

"
Schauplatz Athen. Die documenta 14 zu Gast in Griechenland"
Von Alkyone Karamanolis
Nahaufnahme, Freitag, 7. April, 15:30 Uhr

"Von Athen lernen"
Die documenta 14 und ihr riskantes Konzept
Von Rudolf T. Schmitz
Kulturjournal, Sonntag, 9. April, 18:05 Uhr

Kulturjournal von der documenta 14 in Kassel
Mit Martin Zeyn, Joana Ortmann und Marie Schoeß
Sonntag, 11. Juni, 18:05 Uhr