Bayern 2 - Kulturjournal

Eröffnung in Kassel

documenta 14 Eröffnung in Kassel

Stand: 10.06.2017

Eine der großen Attraktionen in der documenta Halle ist heuer ein buntes, auseinandergebrochenes Flüchtlingsboot, das der mexikanische Künstler Guillermo Galindo zu einem Klangkörper umgebaut hat. Flucht, Migration und Enteignung sind die großen Themen dieser internationalen Kunstschau.

"Fluchtzieleuropahavarieschallkörper"

Vor gut zwei Jahren ist Guillermo Galindo nach Lesbos gefahren und hat die Flüchtlingscamps aufgesucht. Im Norden der griechischen Insel fand er viele Wracks von Booten, auf denen Menschen die Flucht nach Europa gewagt haben. Er verwandelte die Wracks mit Trommeln und Saiten zu Musikinstrumenten. Mit Hilfe der documenta schaffte er sein Kunstwerk "Fluchtzieleuropahavarieschallkörper" nach Kassel – schon jetzt wohl eines der meistfotografierten Werke der Kunstschau.

Leben in Kanalrohren

Eine der stärksten Arbeiten zum Thema Migration ist in diesem Jahr die von Hiwa K, einem in Berlin lebenden Iraker. Er hat auf dem großen Platz vor der documenta Halle etwas aufgebaut, das wie eine außer Kontrolle geratene Baustelle aussieht – lange Kanal-Rohre, in denen Flüchtlinge notdürftig schlafen können, wie auch er vor 15 Jahren einer war. Ein brisantes Symbol.

documenta 14 - Ein Tripp ins Unbekannte

Arbeitstitel dieser documenta ist: "Von Athen lernen" - anstatt die Athener dazu aufzufordern, ihre Hausaufgaben zu machen. Das Motto fordert aber vor allem auf zum Verlernen, dazu, alle etablierten Begriffe und Vorstellungen von Ökonomie, Ökologie, Gender - selbst von der Institution des Museums - hinter sich zu lassen. Daher findet die documenta dieses Jahr an zwei Orten statt.

"Die documenta muss auch über sich als Institution nachdenken. Auch wenn sie von deutschen staatlichen Institutionen finanziert wird, ist es wichtig, sich nicht als die bloße Verlängerung der kulturellen und politischen Interessen Deutschlands zu sehen. Kulturelle Produktion sollte das Eigentum von jedermann sein. Die documenta gehört vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen - das war auch die ursprüngliche Überlegung, die die Ausstellung von Kassel nach Athen und wieder zurück führte."

Adam Szymczyk, Leiter der documenta 14, im Interview mit der dpa.

documenta 14 hochpolitisch

Griechenland als Symbol der europäischen Krise, Deutschland als Sehnsuchtsort der Migranten. Die documenta versteht sich als Knotenpunkt der Fluchtwege und geht die drängendsten Fragen der Gegenwart an. Mit scharfen Attacken gegen gegen die europäische Flüchtlingspolitik und vielen aktuellen Bezügen startete schon die Pressekonferenz in Kassel.

Viele der 163 geladenen Künstler reagieren auf die gesellschaftliche Verunsicherung mit Appellen zum Widerstand: gegen "eine Grammatik des Rassismus, gegen die ganze formelhafte Sprache der Bürokratie, gegen die Vereinfachung der Verhältnisse, die viele Politiker an der Macht betreiben", wie es auf der Pressekonferenz zur Eröffnung in Kassel Bonaventure Ndikung, einer der Kuratoren aus dem internationalen Team, formulierte.

Kassel und Athen zusammendenken

Es geht den Kuratoren wohl gerade um den Blick von der prekären Peripherie und darum, ihn produktiv zu nutzen - auch für die Frage, was eigentlich für wen die Peripherie und was das Zentrum sei. Adam Szymczyk, der aus dem polnischen Łódź stammt und gerade die Schule beendet hatte, als der Eiserne Vorhang fiel, kennt diese Perspektive aus persönlicher Erfahrung. Für ihn bedeutete sie damals Aufbruch, im Griechenland der Gegenwart kann genau davon keine Rede sein.

Parthenon of Books: Noch ist viel Platz für weitere Bücherspenden

Der Krisenmodus ist allgegenwärtig, auch und gerade im Kulturbereich: Das ambitionierte Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen etwa, seit dem Jahr 2000 in Planung, hat zwar seine neue Bleibe in einer umgebauten ehemaligen Brauerei inzwischen bezogen, kann aber seine ständige Sammlung wegen Geldmangels noch immer nicht zeigen. Nun wird es von der documenta fast vollständig bespielt, in Kassel wiederum werden zeitgleich Werke aus eben dieser Sammlung gezeigt. Eine große Arbeit für Kassel, die vor dem antikisierenden Friedericianum zu sehen sein wird, verbindet ebenfalls beide Städte - und die große wie die dunkle Vergangenheit Europas: Die argentinische Künstlerin Marta Minujín hat einen "Parthenon der Bücher" errichten lassen, eine Installation nach dem Vorbild des Tempels auf der Akropolis, der "ästhetisch und politisch das Ideal der ersten Demokratie" repräsentiere. In einem Drahtgerüst geben gespendete verbotene Bücher dem Werk einen Körper geben, und das just auf dem Friedrichsplatz, wo 1933 Bücherverbrennungen stattgefunden haben. Am Ende wird der Tempel der verbotenen Bücher dann zum Einsturz gebracht, die Bücher kommen wieder in Umlauf. Wie monumental das Werk werden soll, das haben bereits die Arbeiten am Gerüst gezeigt, der erste sichtbare Vorbote der Ausstellung in Kassel.

Kunst als Freiheitsübung und Partizipation

Auch in Athen hat die documenta lange ihre Schatten vorausgeworfen, in einem Vorprogramm, das sich besonders mit der Stadt als der Wiege der Demokratie und ihrer Geschichte in der Moderne auseinandersetzte.

Das "Parlament der Körper"

Im Parko Eleftherias installierte sich ein "Parlament der Körper" als offener Raum für Debatten und "Praktiken", wie es in der Ankündigung der documenta heißt. Ausgestattet wurde es nicht mit der üblichen Möblierung, der "Demokratiefiktion des amphitheatralen Halbkreises", sondern mit 68 Ruinenblöcken, die sich in unterschiedlichen Varianten zusammensetzen und nutzen lassen. Schon im September 2016 fanden dort 34 "Freiheitsübungen" mit Künstlern, Theoretikern und Aktivisten statt. Wichtiges Thema war hier die Diktatur in Griechenland in den 60er- und 70er-Jahren.

Reiter und Oliven

Wie immer bei der documenta gibt es viel Abstraktes, Konzeptionelles und Theoretisches rund um die Schau, vor allem im Vorfeld. Allerdings haben die Kuratoren auch einen Sinn für starke Bilder: Angekündigt ist zum Beispiel ein 100-Tage-Ritt von vier Reitern von der Akropolis bis nach Kassel auf historischen Handelsrouten - die heute auch Migrationsrouten geworden sind.

Künstler und Kuratoren als Chor bei der Eröffnung der documenta 14 in Athen

Und zur Eröffnung für das Fachpublikum in Athen am 6. April wurden die documenta-Künstler und das Leitungsteam Teil einer Aufführung, bei der ein großer Chor auf der Bühne gluckste, zischte, raunte und stöhnte. Ein eindrücklicher Auftritt für zwei wichtige Statements der Kunstschau: Performance und Partizipation. Ein Feld für Kunst-Konsumenten soll die documenta nicht sein, sondern eine "Erfahrung ohne vorprogrammierte Erwartungen". Dass die Kunst der Politik ihre Versäumnisse und Verfehlungen nicht nur mit einigem Pathos, sondern auch mit ironischer Brechung heimzahlen kann, macht ebenfalls die Argentinierin Marta Minujín deutlich: In Anlehnung an eine Performance von 1985, in der sie Andy Warhol die Auslandsschulden ihres Heimatlandes mit Mais abzahlte, gibt sie nun die Schulden Griechenlands an Angela Merkel zurück - in Oliven. Zu sehen am Tag der offiziellen Eröffnung der documenta in Athen. Die 100 Tage von Kassel beginnen dann am 10. Juni.

documenta 14 auf Bayern 2


documenta-Auftakt in Athen
Von Alkyone Karamanolis
kulturWelt, Freitag, 7. April, 8:30 Uhr

"
Schauplatz Athen. Die documenta 14 zu Gast in Griechenland"
Von Alkyone Karamanolis
Nahaufnahme, Freitag, 7. April, 15:30 Uhr

"Von Athen lernen"
Die documenta 14 und ihr riskantes Konzept
Von Rudolf T. Schmitz
Kulturjournal, Sonntag, 9. April, 18:05 Uhr

Kulturjournal von der documenta 14 in Kassel
Mit Martin Zeyn, Joana Ortmann und Marie Schoeß
Sonntag, 11. Juni, 18:05 Uhr