Bayern 2 - Kulturjournal


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The New Chamissos Geschichte und Ende eines einzigartigen Literaturpreises

Abbas Khider hat ihn, Terézia Mora, Feridun Zaimoglu und György Dalos und 30 weitere SchriftstellerInnen auch - und viele mehr erhielten den Förderpreis. Kommenden Donnerstag aber wird der renommierte Adelbert-von-Chamisso-Preis zum letzten Mal verliehen. Denn die Aufgabe des Preises, deutschsprachige Migrationsliteratur zu fördern, sei erfüllt.

Stand: 03.03.2017

Mit der rechten Bezeichnung für die Literatur, die der Chamisso-Preis auszeichnen und fördern will, fangen die Schwierigkeiten schon an. In den 80er-Jahren sprach man von "Gastarbeiterliteratur", was etwa für Franco Biondi, der sich hier zehn Jahre als Gastarbeiter verdingte aber nebenbei unter anderem mit Rafik Schami die "Südwind"-Reihe gründete, zutraf, aber auf den Syrer Rafik Schami schon nicht. Der promovierte Chemiker bekam 1985 den Förder- und 1993 den Chamisso-Hauptpreis. In der Folge wählte man die Bezeichnung "Migrationsliteratur", was schon etwas besser passte - schließlich sind seit 1985 insgesamt 78 AutorInnen aus mehr als 20 Herkunftsländern ausgezeichnet worden. Und natürlich erzählen viele dieser 78 AutorInnen von ihrer verlorenen Heimat, von Armut und Krieg, von Flucht und Ankommen, aber auch vom Fremdsein und ihrer Diskriminierung in Deutschland. Aber nicht alle: Mittlerweile haben auch in Deutschland geborene AutorInnen die nur einen sogenanntem "Migrationshintergrund" haben, den Chamisso-Preis bekommen, wie etwa Zsuzsa Bánk. Die ausgezeichnete Literatur heißt daher inzwischen nur noch Chamisso-Literatur. Das löst aber die Frage, was das Spezifische der Preiswürdigen ist, auch nicht. Hat sich der Preis überlebt?

Andere Sprache als die Muttersprache?

Schreiben in Deutsch, nicht in der eigenen"Muttersprache": Selbst dieses naheliegende Kriterium für Chamisso-AutorInnen oder "New Chamissos" greift für die neuesten Preisträger nicht. Senthuram Veratharja, der für seinen Facebook-Briefroman "Vor der Zunahme der Zeichen" den Chamisso-Förderpreis 2017 erhält, ist als Kleinkind mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflohen und hier bereits in den Kindergarten gegangen. Seine Vertrautheit mit dem Deutschen ist stärker als mit dem Tamil, seiner ersten Sprache, die im Übrigen stark mit englischen Worten durchsetzt sei, also auch keine genuine "Muttersprache" ist:

"Die Frage nach der Muttersprache ist kompliziert. Und ich glaube, dass das auch im Grunde genommen die Herausforderung ist an die Wirklichkeit, die als eine globalisierte, als eine Wirklichkeit in der Migration, zum Alltag gehört. Also was entscheidet eine Muttersprache? Es ist schon so, dass Tamil die erste Sprache ist, die ich gelernt habe, die erste Sprache, in der ich aufgewachsen bin, auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass mein Verhältnis zu dem Deutschen ein wesentlich intimeres ist als das zum Tamilischen. Aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass die tamilische Sprache durchsetzt ist von vielen Wörtern und Sätzen und dass das Englische, dadurch dass Sri Lanka lange Zeit englische Kolonie war, auch Teil im Grunde genommen dieses Kosmos ist, der Muttersprache bedeutet."

Senthuram Veratharja im Kulturjournal-Beitrag von Christine Hamel

Eine typisch deutsche Marotte?

Muttersprache oder nicht, wirklich lösen kann sich der Chamisso-Preis wohl nicht von dem ihm anhaftenden Geruch, "Gastarbeiter-" oder "Migrantenliteratur" zu sein. Damit forciert er eine Ausgrenzung, die typisch deutsch ist, schließlich hat sich Deutschland auch lange geweigert, sich als Einwanderungsland zu begreifen. Wohl kaum einer käme wohl in den USA auf die Idee, all die Bücher der italienischen, russischen, polnischen, indischen, mexikansichen oder afrikanischen Einwanderer als "Migrationsliteratur" aus dem Kanon auszugrenzen. Chamisso-Preisträger wie Feridun Zaimoglu wollen von der Ausgrenzung nichts wissen und verstehen sich längst als deutsche Autoren. Das penible Auseinanderdividieren von Eigenem und Fremden bezeichnete Feridun Zaimoglu einmal als "Mülltrennung".

Die andere Seite dieser Ausgrenzung, die Einhegung und integrative Macht, war schon für Franco Biondi ein Ärgernis. Maxim Biller hat sie in gewohnter Schärfe als "Chamisso-Besserungsanstalt" auf den Punkt gebracht. Weil der Chamisso-Preis auf Deutsch schreibende AutorInnen auch als gelungene Beispiele, ja als Vorbilder für Integration präsentierte, bezeichnete Biller den Chamisso-Preis 2014 als "eine große Gemeinheit".

In die Jahre gekommen?

"Mein Leben begann tatsächlich, als ich den Chamisso-Förderpreis bekommen habe", sagte Abbas Khider, der am Donnerstag in der Münchner Allerheiligenhofkirche mit dem mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis ausgezeichnet wird. 2010 hatte ein Chamisso-Förderpreis den aus Bagdad stammenden Schriftsteller aus seinem düsteren Berliner Erdloch befreit. Als Starthilfe hat Khider den Chamisso-Preis nicht mehr nötig, längst hat er sich mit seinen so aberwitzigen wie berührenden Geschichten von Gefängnissen, Gewaltherrschaft und Exil das deutschsprachige Publikum erobert. In Abbas Khider, dem letzten Chamisso-Preisträger, scheinen sich zugleich die großen Verdienste des Chamisso-Preises wie auch seine partielle Überlebtheit zu spiegeln.

"Längst ist die deutschsprachige Literatur ins Weltliterarische gewachsen, warum also Reservate bilden? Auch wenn sie der Preisverleihung dienen?... Es ist immer schade, wenn ein Literaturpreis verschwindet. Aber es ist ja doch so, dass wir endlich ankommen in aller weltoffenen Mehrstimmigkeit und kulturellen Dynamik, in aller Mondialité, wenn wir endlich aufhören, sie hervorzuheben und immer wieder darüber zu reden."

Christine Hamel im Kulturjournal

Kulturjournal

The New Chamissos: Geschichte und Ende eines einzigartigen Literaturpreises. Von Christine Hamel
Sonntag, 5. März 2017, 18:05 Uhr auf Bayern 2.


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