Bayern 2 - Kulturjournal


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Die Zeichnerin Barbara Yelin Comics über Zeit und Zeitgeschichte

Die neue Bildergeschichte von Barbara Yelin porträtiert die Schauspielerin Hanna Maron, die in Berlin geboren wurde, ins israelische Exil ging und zur Friedenaktivistin wurde. Bilder für eine Figur zu finden, sei immer ein Kennenlernen, sagt Yelin über ihre Arbeit.

Stand: 29.06.2016

Hanna Meierzak, geboren 1923 in Berlin, liebte schon als Kind die Schauspielerei. Sie spielte kleinere Rolle in Stummfilmen, zum Beispiel in Fritz Langs "M", und stand als "Pünktchen" in einer Kästner-Bearbeitung auf der Bühne des Deutschen Theaters. Doch eine Zukunft in Deutschland war für sie und ihre jüdische Familie mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorbei. Über Frankreich gingen die Meierzaks ins Exil nach Palästina. Hanna war während des Krieges Soldatin der jüdischen Brigade der britischen Armee und trat in einer Theatergruppe des Unterhaltungskorps auf, später wurde sie als Hanna Maron in ihrer neuen Heimat eine gefeierte Theater-Schauspielerin.

Gezeichnete Zeitgeschichte

Hanna Maron ist die Heldin der neuen Bildergeschichte von Barbara Yelin, die im September unter dem Titel "Vor allem eins: Dir selbst sei treu" erscheinen wird. Und sich selbst treu ist Hanna Maron immer geblieben. Sie, die in ihrer Jugend Ausgrenzung und Gewalt erlebt hatte, engagierte sich konsequent für eine Aussöhnung Israels mit den Palästinensern und für einen unabhängigen palästinensischen Staat. Und das, obwohl oder gerade weil sie von dem politischen Konflikt erneut ganz persönlich betroffen war: 1970 wurde Maron bei einem palästinensischen Terroranschlag auf dem Münchner Flughafen schwer verletzt und verlor ein Bein. Die erste Rolle, für die sie mit einer Prothese auf die Bühne ging, war die Medea - doch Maron spielte sie nicht als Plädoyer für die Rache, sondern als Mahnung, dass Rache eben gerade nicht der Weg sein könne. Hanna Maron starb 2014 in Tel Aviv.

Barbara Yelin

Mit der gezeichneten Biografie Marons, die nach einem Auftrag des Goethe-Instituts Israel entstanden ist, bearbeitet Barbara Yelin erneut ein Thema der Zeitgeschichte: Bereits in ihrer Graphic Novel "Irmina", erschienen 2014, erzählt sie von einer jungen Frau in den 30er-Jahren zwischen Mitläufertum, Zweifel und Täterschaft. Yelin, auf dem diesjährigen Erlanger Comic-Salon mit dem Max und Moritz-Preis 2016 als "beste deutschsprachige Comic-Künstlerin" ausgezeichnet, interessiert sich dafür, wie das Leben des Einzelnen mit den Zeitläuften verknüpft ist, und ihre atmosphärischen, im direkten Sinne des Wortes vielschichtigen Bilder und dramaturgisch überzeugenden Geschichten schaffen genau das: dem Leser ein fremdes Schicksal und vielleicht auch eine fremde Zeit ganz nahezukommen zu lassen. Und auch für die Künstlerin ist die Gestaltung einer Figur eine Art allmähliche Annäherung.

"Zeichnen ist für mich immer ein Herantasten. Ich bin ja das Gegenteil von der 'Ligne claire': Ich mache viele Striche, ich radiere, dann kommt etwas drüber, dann kommt noch mal Farbe, dann kommt sie wieder weg, dann fange ich neu an, teilweise collagiere ich auch. Das ist eine Schichtarbeit, ein Modellieren, könnte man fast sagen."

Barbara Yelin im Kulturjournal-Gespräch mit Niels Beintker über ihre Arbeit

Starke Frauenfiguren und eine feministische Perspektive

Doch ist es nicht nur die Geschichte, die Barbara Yelin beschäftigt: Eine aktuelle Arbeit hat die Künstlerin ins heutige Indien geführt, ein zwischen Tradition und Moderne zerrissenes Land. Für das Comic-Magazin "Spring" traf sie, zusammen mit anderen deutschen Zeichnerinnen, in Bangalore mit indischen Kolleginnen zusammen, und gemeinsam erarbeiteten sie ein Heft, das gesellschaftliche Realität, Geschlechterrollen und das Frauenleben in ganz unterschiedlichen Kontexten zum Thema hat. Eine Frauenfigur steht auch im Mittelpunkt des Web-Comics "Der Sommer ihres Lebens", den Yelin zusammen mit dem Autor Thomas von Steinaecker entwickelt hat und der von einer ganz "normalen" Frau und ihrer Suche danach erzählt, was das eigentlich heißt: ein geglücktes Leben. Und Yelins nächstes Buch soll ebenfalls in der Jetztzeit spielen.

Kulturjournal

Für das Kulturjournal hat Niels Beintker Barbara Yelin zum Gespräch getroffen. Zu hören ist es in der Sendung am Sonntag, den 3. Juli 2016 ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.


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