Bayern 2 - Kulturjournal


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Horst Bienek-Preis für Lyrik Aleš Šteger, der Botschafter für Poesie

In seinem "Buch der Dinge" proben die Dinge einen Aufstand - sie werden selbst zu Trägern von Geschichten und Bedeutungen. Der slowenische Dichter Aleš Šteger, Jahrgang 1973, wurde Mittwoch mit dem Horst Bienek-Preis für Lyrik ausgezeichnet.

Von: Iris Buchheim mit Christine Hamel

Stand: 05.12.2016

Jedes Ding, jedes Zeug ist nur das, was es ist, solange es so funktioniert und dem Menschen zur Hand geht, wie es soll. So bringt es wenigstens der Philosoph Martin Heidegger in seinem vielbeachteten Werk "Sein und Zeit" auf den Punkt. Dichter wie Rainer Maria Rilke hingegen kannten immer schon das Eigenleben der Dinge. Der slowenische Dichter, Schriftsteller und Verleger Aleš Šteger geht noch einen Schritt weiter: Er macht die Dinge zu denkenden Subjekten, die uns Menschen beobachten und in Frage stellen und stellt das Verhältnis Mensch Ding komplett auf den Kopf: Zahnstocher, Scheibenwischer, Schubkarre, Korken, Büroklammer und Fußmatte pochen in seinem 2006 erschienenen Lyrikband "Das Buch der Dinge" auf ihr Recht und enthüllen ihre eigene Zeitlichkeit und Verletzlichkeit. Das Brot zum Beispiel: "Ja, ja, es liebt dich, deshalb nimmt es jetzt dein Messer in sich auf. Es weiß, dass sich all seine Wunden in deiner Hand verkrümeln."

Der Mensch spielt die Nebenrolle

"Das 'Buch der Dinge' fragt sich eher nach einer umgekehrten Logik, nicht, was machen wir mit den Dingen, nicht dass wir Menschen Herrscher über die Dinge sind, sondern andersherum, ich versuche eigentlich die Logik der Dinge zu hinterfragen. Zu hören, wie die Dinge uns sehen und was sie über uns denken, es ist eigentlich eine Welt ohne Menschen, eine Welt, in der der Mensch eigentlich eine Nebenrolle hat und eben die Dinge selber Geschichts- und Bedeutungsträger."

Aleš Šteger in dem Kulturjournalbeitrag von Christine Hamel.

Von Körpern und Worten

Diese Umkehr ist allerdings nicht so ein statisches und mechanisches Geschäft, wie es das Zitat suggeriert, sondern ein ständiges Hin-und Herdriften und Sichwandeln - eine stete Bewegung, angetrieben von den Wörtern. Die sind, wie Aleš Šteger 2009 in "Preußenpark" schrieb, so eine Art "Minidynamos für Träume, Schlüssel, die das Vergessene aufspüren". Aber indem sie anderes aufspüren, verwandeln die Worte auch sich selbst, sie werden zu etwas anderem und sagen etwas anderes - auch sie sind in Bewegung - da gibt's kaum ein Halten. Aleš Šteger dichtet in seinem 2012 erschienen Gedichtband "Buch der Körper"

"Der Körper braucht das Wort, / Um zu anderen / Körpern / Zu sprechen. / Das Wort / Braucht / Den Körper, / Um das Wort / Zu retten, / Das anderen / Wörtern / Sagt, / Dass es / Keine Rettung gibt." Buch der Körper

Mitten ins Jetzt

Abstrakte Überlegungen, Wortspiele, poetische und poetologische Reflexionen verschmelzen in seinen Gedichten, aber - auch über das Wort ABER macht Šteger übrigens ein Gedicht - mit Eskapismus hat das nichts zu tun. Aleš Šteger zielt mitten ins Jetzt, die Zeitgenossenschaft und scheut dafür auch keine Wege: Sein neuestes Experiment ist das "Logbuch" der Gegenwart. Darin versammelte er Texte, die er einmal im Jahr in exakt 12 Stunden an einem Tag an einem öffentlichen Ort heruntergeschrieben hat - unvoreingenommen und ohne vorher viel zu recherchieren und hinterher zu korrigieren. Es handelt sich um Orte, an denen die Krisen und Katastrophen der Gegenwart kulminieren: etwa Minamisōma nahe dem Atomkraftwerk von Fukushima; Mexico City, wo eine Demonstration gegen den Umgang der Regierung mit dem Mord an 43 Studenten läuft, eine Busstation in Belgrad, wo syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn umsteigen ... .

"Es handelt sich hier um ein Experiment in Wachheit, Wachsein in der Sprache. Dieses sehr flüchtige, brüchige, unvollkommene Jetzt und Hier auch auf eine, wie soll ich sagen, nicht intellektuelle, sondern eher emotional intelligente oder unintelligente Art und Weise zu artikulieren. Ja, ich glaube, es ist ein offenes Zugehen, es ist ein Versuch auch durch die Zeit und den Raum durchzuschreiten. Mich interessieren eher bastardische Formen des Schriftstellerischen. Also die Form, die nicht in jede Schublade passt."

Aleš Šteger in dem Kulturjournalbeitrag von Christine Hamel

Aleš Šteger, der Romanschriftsteller

In diesem Jahr erschien der erste Roman des slowenischen Dichters, der nebenbei auch noch Lektor und Übersetzer ist: "Das Archiv der toten Seelen". Schauplatz der Geschichte ist Maribor, die slowenische Europäische Kulturhauptstadt von 2012, die an der eigenen verdrängten Vergangenheit zugrunde geht, was ganz im Interesse der korrupten Verschwörerbande namens Ork ist. Zwei österreichische JournalistInnen machen nach und nach diese Bande unschädlich. Aleš Šteger stellt sich mit diesem mit viel schwarzer Magie gespickten Roman in die Tradition von Gogol und Bulgakow. Anders als seine Vorgänger aber driftet er wiederholt in allzu abstrakte Betrachtungen ab: "Wenn ich nicht sauber wäre, das heißt, wenn ich nicht von meiner Vergangenheit gereinigt wäre, dann könnte ich niemals die Aufgabe verstehen, die mir anvertraut wurde" ... nämlich die "Hüter der Vergangenheit", diese geheimnisvollen Orks, außer Gefecht zu setzen, damit in Maribor wieder Zukunft herrschen kann.

Aleš Šteger, der Europäer

Grenzenlos leben, jederzeit - wenigstens innerhalb der EU - in ein anderes Land fahren können, um dort jemanden zu treffen, etwas zu betrachten oder Arbeit zu suchen und sich gleich anzusiedeln: Diese Möglichkeit war Realität geworden für den 1973 in Ptuj/ Slowenien geborenen Aleš Šteger, der seit geraumer Zeit seinen Wohnsitz, seine Freunde und Arbeiten in Ljubljana hat. Seit Ungarn und Kroatien wegen der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 ihre Grenzen dicht gemacht haben und Grenzkontrollen im ganzen Schengenraum wieder an der Tagesordnung sind, trauert Aleš Šteger dem Verlust dieser Möglichkeit, seiner Freiheit nach. "Die EU starb, aber kein Hahn krähte." Das konstatiert der slowenische Dichter, Verleger und Essayist Aleš Šteger bereits Anfang 2016, Monate vor dem BREXIT-Votum. Er beschwört die verlorenen Freiheiten und sucht nach Ursachen des Endes und geht dabei auch immer sehr selbstkritisch ins Gericht.

"Das neoliberale, linksorientierte Europa ist eigentlich in seinen Privilegien aufgegangen, es hat sich selber zu Tode eingeschläfert und man kann sich nicht mehr vortäuschen, dass sich die Grundeinstellungen von den meisten Europäern geändert haben. Wir haben eigentlich Gleichgesinnte europaweit gesucht, sind uns in die Arme gefallen und haben Projekte zusammen gemacht und wollten eigentlich nicht wahrhaben, dass es da ein riesiges anderes Europa gibt, das ganz anders funktioniert und ganz anders fühlt, anders Realität denkt. Und wir müssen uns selber diesem Europa stellen. Das ist eine riesige Aufgabe. Vor allem bedarf sie sehr viel Mut und zugleich visionäre Kraft, um nicht die gleichen Mittel von Populismus in den Prozess zu bringen wie die andere Seite darbietet."

Aleš Šteger im Kulturjournalbeitrag von Christine Hamel

Kulturjournal

Aleš Šteger ist der meistübersetzte slowenische Dichter und Schriftsteller seiner Generation. Am 7. Dezember wurde er in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste mit dem Horst Bienek-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Christine Hamel hat mit dem Dichter gesprochen.

"Aleš Šteger, der Botschafter für Poesie". Ein Porträt von Christine Hamel
Sonntag, 11. Dezember 2016, 18:05 Uhr auf Bayern 2.


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