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500 Jahre Reformation Neue Bücher zu Martin Luther

Die Reformation begann mit Luthers 95 Thesen in Wittenberg, aber sie war bald ein europäisches Ereignis, das Religion und Politik, Menschenbild und Öffentlichkeit veränderte. Neue Bücher zum Jubiläum porträtieren Luther und seine Zeit.

Stand: 19.01.2017

Martin Luther, Gemälde von Lucas Cranach | Bild: picture-alliance/dpa / akg-images

Natürlich ist Martin Luther auch in diesem Jahr eine "Marke", um den Titel eines der vielen Bücher aufzugreifen, die zum Reformationsjubiläum erschienen sind: den Titel einer durchaus spannenden Studie des englischen Historikers Andrew Pettegree über das Wechselspiel von Reformation und Buchdruck, über Luther und seine diversen Drucker, die Kommunikatoren seiner neuen Theologie.

Die Reformation, ein europäisches Ereignis

Die zahlreichen Neuerscheinungen zum Reformationsjubiläum kreisen in der Mehrzahl um diese "Marke": Luthers Leben wird in Biografien erzählt, seine wichtigen Texte sind in neuen Ausgaben ediert worden, Pastorensöhne wie der Journalist Georg Diez lassen uns – ob wir nun wollen oder nicht – an ihrer Familiengeschichte, ebenso an ihren Glaubenszweifeln teilhaben. Und immer wieder auf den Buchdeckeln das Konterfei des Wittenberger Reformators, das alles erinnert unweigerlich an die protestantische Memorialkultur der vergangenen Jahrhunderte. Den Blick über den Wittenberger Tellerrand hinaus wagen allerdings die wenigsten Autoren. Dabei ist die Reformation, auch die von Martin Luther angestoßene, ein europäisches Ereignis. 

"Im Grunde setzt die Rezeption der Wittenberger Thesen nicht nur Luthers, sondern auch anderer Wittenberger Akteure bereits 1518, 19 an. Wir haben eine ganze Reihe von Sammeldrucken in Leiden, in Paris, in Basel, die dann den europäische Markt phasenweise – ja, man kann sagen – überfluten. Zunächst wird Luther auf Latein nachgedruckt und primär auf Latein gelesen. Aber es setzen dann auch sehr rasch niederländische, dänische, tschechische Übersetzungen ein, so dass eine frühe volkssprachliche Rezeption des Reformators noch in den 1520er Jahren nachweisbar ist."

Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte in Göttingen, hat eines der wichtigsten Bücher zum Reformationsgedenkjahr geschrieben: eine Geschichte der Reformation in Europa – (wobei das Cover wiederum ein deutsches Flugblatt aus dem 16. Jahrhundert zeigt, des Herrn Doctoris Martini Lutheri gottseligen Triumph, den Sturz des Papstes – so viel nur zur "Marke"). Martin Luthers zentrale Rolle in der Geschichte der Neubesinnung auf den christlichen Glauben wird in dieser weiten Perspektive in einen viel größeren historischen Kontext eingebettet – und der erschließt sich nicht darin, wie nun Luthers Schriften etwa an den Fürsten- und Königshöfen gelesen worden sind. Auch wenn die Darstellung der Reformationsgeschichte in den einzelnen europäischen Reichen eher knapp gerät, so zeigt sich doch, wie sehr eine ursprünglich theologische Frage – die nach der Gnade und Gerechtigkeit Gottes – zu einem folgenreichen Politikum werden konnte, und das eben europaweit, in Dänemark und in England, ebenso auch in Polen oder Ungarn.

"Das Christentum war die Grundlage der Gesellschaft. Und die Wahrheit des christlichen Glaubens gehörte zu den unstrittigen Voraussetzungen jeder ethischen Lebensform überhaupt. Ein anderer Punkt ist, dass die weltlichen Obrigkeiten relativ frühzeitig erkannten, dass ihnen durch Luther und seine Mitstreiter Handlungsoptionen offeriert wurden, die ihre eigene Rolle durchaus erweitern konnten bzw. ihnen Handlungsmöglichkeiten eröffneten, die ihnen bisher durch das bestehende Kirchenrecht eingeschränkt oder verhindert worden. Wir haben bereits im späten Mittelalter eine ganze Reihe von Beispielen eines versuchten städtischen und eines weithin erfolgreichen landesherrlichen Kirchenregiments – also eines Versuch, der weltlichen Herrschaftsträger, das Kirchenregiment in ihrem Herrschaftsbereich maßgeblich zu gestalten. Und diese Handlungsmöglichkeiten wurden durch die Reformation intensiviert und für die Interessen des jeweiligen Territorialstaates eingepasst."

Thomas Kaufmann

Erinnerung und Modernisierung

Man ist nach der Lektüre von Thomas Kaufmanns Buch "Erlöste und Verdammte" gut beraten, von den Reformationen – im Plural – zu sprechen, und zum 500. Jubiläum der Veröffentlichung von Martin Luthers "Disputation von der Kraft der Ablässe", den 95 Thesen, erscheint ein solcher weiter Blick willkommener denn je.

Kaufmanns Buch über die europäische Christenheit im dramatischen 16. Jahrhundert schließt an seine große "Geschichte der Reformation in Deutschland" an, in der ebenfalls die verschiedenen reformatorischen Bewegungen in ihrer Vielseitigkeit und ihren Differenzen beschrieben werden. Zudem thematisiert Kaufmann auch die Erinnerungsgeschichte. Er skizziert die großen Reformationsjubiläen, beginnend im Jahr 1617 (in dem auch erstmal Luthers historisch umstrittener Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 mit Pauken und Trompeten, wenn auch ohne Luther-Bonbons, zelebriert wurde), und schildert die Luther-Renaissance unter dem Kirchenhistoriker Karl Holl im frühen 20. Jahrhundert. Die Reformation – als vielschichtiger Prozess – wird schließlich als Teil einer Geschichte der Modernisierung in Europa verstanden, durch sie erst, so Thomas Kaufmann, konnte eine spezifisch moderne Kultur entstehen.

"Modernisierung ist ein polyvalentes, ein vielschichtiges Phänomen. Gleichwohl würde ich darauf insistieren, dass die Reformation ihren Beitrag dazu geleistet hat und sicher auch im Hinblick auf die Integration oder vielleicht auch Domestikation der Religion innerhalb eines staatlichen Gemeinwesens oder staatlichen Interesses. Durch die Verfügbarmachung der Religion im Zuge des Religionsreglements im Nachgang der Reformation wurden auch Verrechtlichungs- und auch Zivilisierungsmöglichkeiten der Religion eröffnet, von denen unser ziviles Gemeinwesen bis heute geprägt ist."

Thomas Kaufmann

Luther als "konservativer Revolutionär"

Die Lebenswelt des 16. Jahrhunderts – ob nun als Spätmittelalter oder Frühe Neuzeit begriffen – erscheint uns Heutigen, am anderen Ende dieser langen Modernisierungsgeschichte stehend, fremd. Hier wiederum könnten die neuen Biografien Martin Luthers sensibilisieren, etwa die von Willi Winkler, Publizist und Journalist bei der Süddeutschen Zeitung. Zuvor hat er unter anderem über die Beatles, über Bob Dylan und über den Terror der 70er-Jahre geschrieben. Nun also folgt Luther, für Winkler einer der größten Umstürzler, den die Welt je gesehen habe, ebenso ein "weltuntergangssüchtiger Katastrophiker" und – auch das – ein "konservativer Revolutionär".

Willi Winkler liest die Selbstzeugnisse Luthers, darunter die endlosen Tischgespräche und auch die berühmt-berüchtigte derbe Schrift "Wider Hans Worst", kritisch, das aber darf man im Abstand von 500 Jahren von jedem ernsthaften Biografen erwarten. Luthers Leben sollte auch keineswegs nur ein Thema für die Kirchenhistoriker sein, nur kündet Winklers Erzählung von einer profunden Abscheu gegenüber seiner Gedankenwelt. Die Thesen zum Ablass werden nach gut 100 Seiten erstmals eingehender beschrieben, der theologische Clou – die Besinnung auf Christus, nicht die Kritik an der Ablasspraxis der Kirche – spielt gar keine Rolle. Ähnlich ergeht es der Rechtfertigungslehre, immerhin ein zentraler Kern der theologischen Neubestimmung Luthers. Oder der großen Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", entstanden 1520, in einer Zeit, in der Luther gegen den drohenden päpstlichen Bann anschrieb, in der er argumentierte, um sein Leben zu retten, wie der Theologe Thomas Kaufmann bemerkt. Bei Willi Winkler wird das dort entwickelte komplexe Programm nur angerissen, er erklärt schließlich, es sei ihm nicht um scholastische Glasperlenspiele gegangen.

"‘Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr vber alle ding / vnd nymandt vntthertan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding / vnd yderman yntterthan.‘ Der ganze mittelalterliche Staat mit seiner gott-gewollten ordo, die mit jeder Belehnung, jeder Investitur, mit jedem Kreuzzug und jeder Exkommunikation bestätigt wurde, brach mit diesem Manifest der christlichen Unabhängigkeit zusammen. Gott allein die Ehre, forderte Luther, Gott allein und dem je einzelnen Christen."

Willi Winkler, Luther. Ein deutscher Rebell

Ein Teufelspakt?

Man wüsste gerne, wie ein einzelner Text, eine der großen und europaweit gelesenen reformatorischen Schriften, die mittelalterliche Welt zum Einsturz brachte – das aber wird nicht weiter thematisiert. Statt dessen immer wieder skurrile Thesen: Luthers eigentlicher Gegner sei nicht der Papst gewesen, sondern sein Bankier, Jakob Fugger, im Erfurter Kloster habe Luther – in Reaktion auf die treibenden Glaubenszweifel, die immer wieder beschriebenen "rechten knotten" – einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und anderes mehr. Dazu kommen leider auch inhaltliche Fehler, die "reformierte Lehre" etwa war nun gerade nicht Luthers Theologie, sondern die von Zwingli und Calvin.

Luthers Aufenthalt auf der Wartburg nach dem Wormser Reichstag vom Frühjahr 1521 wird als Schutzhaft beschrieben – ein Wort, das auch im englischsprachigen Raum – etwa in Andrew Pettegrees Geschichte des Buchdrucks in der Reformationszeit – Verwendung findet, aber mit Blick auf die historische Konnotation nicht wirklich glücklich erscheint. Im Nachwort regt Winkler an, Papst Franziskus möge Martin Luther in diesem Jahr heilig sprechen, und zwar als einen Mann, der in seiner teutonischen Widerborstigkeit die Macht der Kirche bis in unsere Gegenwart verstetigt und zum Beispiel die Aufklärung verhindert habe. Aber hat nicht die Aufklärung auch wichtige Impulse durch den Protestantismus und ebenso in der kritischen Auseinandersetzung mit diesem erfahren? Die Lebensgeschichte des deutschen Rebellen übergeht diese Frage lieber großzügig.

Der angloamerikanische Blick

"Luther hat allein die Reformation nie schaffen können. Er brauchte ein Team. Und er war sehr auf seine Freunde angewiesen. Ohne Spalatin zum Beispiel am Hof von Friedrich dem Weisen wäre er womöglich ums Leben gekommen. Er wusste genau, was er anderen zu verdanken hat. Und diese Beziehungen zu anderen waren sehr komplex. Und wenn er meinte, dass der andere seiner Theologie – dass er davon abgewichen war oder sie verändert hat, dann konnte er unerbittlich sein. Und diese Seite, das ist die Kehrseite von der Kreativität: Die Hartnäckigkeit, mit der er die eigene Position verteidigt."

Lyndal Roper

Lyndal Roper, Professorin für Geschichte in Oxford, hat sich jahrelang intensiv mit dem Leben und Denken Martin Luthers beschäftigt. Ihre Biografie – im Deutschen „Der Mensch Martin Luther“, im Original noch schöner: Renegade and Prophet – ist zum einen hervorragend geschrieben, sie steht in der großen erzählerischen Tradition der angloamerikanischen Geschichtsschreibung. Zum anderen hat Lyndal Roper intensiv recherchiert, nicht nur in diversen Archiven und Bibliotheken.

Sie kennt die Lebensorte Luthers aus eigener Anschauung und schreibt aus diesem Wissen heraus. Sie hat einen profunden Blick für Details und zieht immer wieder interessante Rückschlüsse, zum Beispiel zur Frage, ob es mögliche Zusammenhänge gibt zwischen der Bergbauweilt, die Luther als Kind im Mansfelder Land erlebte, und wichtigen theologischen Überzeugungen, etwa mit Blick auf die harsche Kritik am Zinswesen. Und Lyndal Roper versucht, Martin Luthers Leben mit den Überlegungen einer psychohistorischen Geschichtsschreibung zu erzählen. Ein Wagnis, das am Ende gelungen ist, weil die Historikerin zurückhaltend argumentiert. Sie schreibt oft im Konjunktiv und legt den Herrn Doktor Martinus nicht demonstrativ auf die Analyse-Couch. Die Theologie, nicht die Psychologie, bleibt bestimmend.

"Er war sicher jemand, der starke Konflikte mit Vaterfiguren hatte. Und das gab ihm viel Mut. Denn wenn man eine Kirche attackieren will, dann braucht man sehr viel Selbstständigkeit. Und man merkt auch, wie allergisch er darauf reagiert, wenn z.B. Leute wie Cajetan in Augsburg ihm väterlich gegenüber sein wollen. Das findet Luther gar nicht gut und er will diese Autorität brechen. Aber diese Fähigkeit, antihierarchisch und antiautoritär zu handeln, das hat doch einiges mit seiner komplexen Beziehung zu seinem Vater zu tun gehabt."

Lyndal Roper

Luthers Ambivalenz

Zum Leitmotiv dieser großen und kritischen Biografie wird die Janusköpfigkeit des Wittenberger Reformators. Einerseits entsteht das Bild eines kreativen Denkers und wegweisenden theologischen Schriftstellers, der – ohne dass er das wirklich beabsichtigt hatte – zum Gründer einer neuen Kirche wurde und der dabei enorm von den politischen Zeitumständen profitierte. Zum anderen aber wird einmal mehr deutlich, mit welchem Hass der Verkünder der Freiheit eines Christenmenschen die bedachte, die seine Überzeugungen nicht teilen wollten: den Papst in Rom, die Vertreter der alten Lehre, die Anhänger der reformatorischen Bewegung, die etwa mit Blick auf das Abendmahlsverständnis andere Positionen formulierten, angefangen bei seinem frühen Weggefährten Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt. Dazu kommen die Hassschriften gegen die Osmanen und schließlich und vor allem gegen die Juden. Das Thema ist nicht neu, dennoch gelingt es Lyndal Roper, diese große und immer wieder erschreckende Ambivalenz klar und deutlich zu fassen. Sie schreibt übrigens – anders als andere Luther-Biografen – konsequent vom Antisemitismus, nicht vom Antijudaismus Luthers.

"Irgendetwas ganz Tiefes ist an diesem Judenhass, was nicht mit den Maßstäben seiner Zeit zu erklären ist. Das ist eine andere Art von Judenhass. Und ich fand das sehr schwer zu begreifen und zu erklären. Ich habe keine Erklärung dafür finden können, außer dass vielleicht eine gewisse Identifizierung mit den Juden eine Rolle gespielt haben könnte. Und das hat dazu geführt, dass Luther sich abgrenzen wollte. Und es hängt womöglich damit zusammen – und mit der Auffassung, dass es die Evangelischen sind, die jetzt anstelle der Juden als das auserwählte Volk angetreten sind, nach Luthers Auffassung."

Lyndal Roper

Luther-Bücher zum Reformations-Jubiläum

Der evangelisch-lutherischen Weltkirche, die in diesem Jahr das Reformationsgedenkjahr feiert und dabei doch immer wieder gerne den großen  Martin Luther in das Zentrum der Erinnerungskultur stellt, ist ein derart ambivalenter Blick auf den Gründervater nur zu wünschen. Ebenso all denen, die allein aus Neugier oder Interesse die Geschichte der Reformation lesend erkunden wollen. Neben Lyndal Ropers Biografie – und der bereits vor einigen Jahren erschienenen Lebenserzählung des Berliner Historikers Heinz Schilling – gehören Thomas Kaufmanns Darstellungen dieser bewegten Epoche zu den Büchern, die über das protestantische Jubeljahr 2017 hinaus Bestand haben werden. Dazu kommt eine vierbändige deutsche Edition der wichtigsten Schriften Martin Luthers, von den 95 Thesen bis zur Disputation über den Menschen, umfangreich kommentiert und herausgegeben von Thomas Kaufmann und seinem Münsteraner Kollegen Albrecht Beutel – eine Art Biografie in zentralen theologischen Texten. All das ein gutes Rüstzeug, um dem Reformationsjubiläum als freier Mensch – als kritischer Beobachter – entgegenzublicken.

Neue Bücher zu Martin Luther

Kaufmann


Thomas Kaufmann, "Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation"
508 Seiten
C.H. Beck Verlag
26,95 Euro

Kaufmann


Thomas Kaufmann, "Geschichte der Reformation in Deutschland"
1038 Seiten
Suhrkamp
28,00 Euro

Kaufmann / Beutel


Thomas Kaufmann / Albrecht Beutel (Hg.), "Martin Luther. Schriften"
4 Bände
Verlag der Weltreligionen
98,00 Euro

Pettegree


Andrew Pettegree, "Die Marke Luther"
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
407 Seiten
Insel

Roper

Lyndal Roper, "Der Mensch Martin Luther. Die Biographie"
Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller
736 Seiten
S. Fischer
28,00 Euro

Winkler


Willi Winkler, "Luther. Ein deutscher Rebell"
640 Seiten
Rowohlt Berlin
29,95 Euro

Diez


Georg Diez, "Martin Luther, mein Vater und ich"
256 Seiten
C. Bertelsmann
17,99 Euro

Diwan

Im Bayern 2-Büchermagazin stellt Niels Beintker neue Bücher zu Martin Luther vor.
Samstag, 21. Januar 2017, 14:05 Uhr (Wiederholung 21:05 Uhr).


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