Bayern 2 - Diwan - Das Büchermagazin


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Diwan von der Leipziger Buchmesse Mit Shida Bazyar, Jakob Hein, Juli Zeh, Reinhard Jirgl

Ein Dorfroman, der einen Gesellschaftskonflikt inszeniert, zwei sehr verschiedene literarische Auseinandersetzungen mit der DDR und ein Debüt über das Migrantenschicksal: Der Diwan hat vier Autoren mit ihren neuen Büchern zu Gast.

Stand: 21.03.2016

Polaroidfotos von Shida Bazyar, Jakob Hein, Juli Zeh, Reinhard Jirgl | Bild: Joachim Gern, Susanne Schleyer, Thomas Müller, picture-alliance/dpa, Montage: BR

Die Leipziger Buchmesse will in diesem Jahr eine politische Messe sein, und tatsächlich prägen viele aktuelle Themen wie Flucht und Migration, Europas Identität, Menschenrechte und Teilhabe das Programm. Und sie ragen selbstverständlich auch in die Literatur hinein, unmittelbarer vielleicht als in anderen Zeiten. Die Gäste auf dem Diwan von der Messe bringen Werke mit, die das Individuelle und das Politische auf ganz eigene Weise verknüpfen.

Juli Zeh

Eine zweifellos politische Schriftstellerin ist Juli Zeh, eine, die auch in öffentlichen Debatten präsent ist. Die ausgebildete Juristin und Autorin Zeh hat zu Datenschutz und Datenfreiheit Stellung bezogen, ist bekennende Sozialdemokratin und wird auch schon mal als kommentierende Intellektuelle in eine Talkshow zur Wahlnachlese eingeladen.

Juli Zeh

Lange hat Zeh in Leipzig gelebt, sich vor etwas mehr als zehn Jahren jedoch in einen kleinen Flecken im Havelland zurückgezogen. Auch das Setting von Juli Zehs neuem Roman, dessen Schauplatz einige Ähnlichkeit mit ihrem abgelegenen Lebensort hat, klingt zunächst nach Rückzug: "Unterleuten" heißt das Buch und führt in ein gleichnamiges Dorf irgendwo in Brandenburg. Es gibt dort ein Vogelschutzgebiet mit Störchen und Kampfläufern, auf den ersten Blick sieht alles nach einem Idyll aus, aber Juli Zeh wäre nicht Juli Zeh, würde sie auch dieser überschaubaren Welt nicht ein Gesellschaftsporträt abgewinnen: Ein Investor aus dem Westen will einen Windpark in der ländlichen Abgeschiedenheit einrichten, der Plan spaltet die Dorfgemeinschaft. Verlierer und Gewinner der Wende stehen sich gegenüber, die aus Berlin hergezogenen Aussteiger den Einheimischen.

Reinhard Jirgl

Reinhard Jirgl gehört zu den dezidiert sprachbewussten Autoren in Deutschland. Er hat in seiner Prosa eine ganz eigene Diktion, Orthografie und Interpunktion geschaffen, die Bezüge der Bedeutung auch in Schreibweisen deutlich machen will. Seine Stoffe verortet Jirgl, geboren 1953 in Ost-Berlin, in der jüngeren deutschen Geschichte, immer wieder hat er sich literarisch mit der DDR auseinandergesetzt.

Reinhard Jirgl

Auch sein neuer Roman macht diesen Hintergrund auf: "Oben das Feuer, unten der Berg" erzählt von Theresa, die bei Pflegeeltern aufwuchs, weil ihre Eltern in Opposition zur DDR standen, und die im Oktober 2012 aus Berlin plötzlich verschwindet. Die Gegenwart hat die Vergangenheit nicht einfach abgelöst, sondern ist in sie verstrickt: Als Historikerin hatte Theresa in den 70er-Jahren Zugang zu Geheimarchiven des ostdeutschen Staates, wurde als zu gefährlich befunden und kaltgestellt, doch offensichtlich ist ihr Wissen auch so lange nach dem Mauerfall noch von einiger Brisanz. Und noch immer gibt es Netzwerke, die sich dagegen zu wappnen versuchen. Wie bereits in anderen Büchern begibt sich Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl in seiner dichten Sprache auf Spurensuche nach möglicher Wahrheit und Welt, umkreist Personen, Motive, Strukturen mit den Mitteln der Literatur.

"Was ich Damals hatte, als ich (das 3jährige Kind) zu den Adoptiveltern kam und bei=ihnen lebte, das war schon Alles was zu=mir gehören sollte, & Das hatte MAN mir verfügt an jenem frostigen Morgen vor 53 Jahren. Und war zugleich der 1. Tag All=meines lebenslangen Vergessens."

Reinhard Jirgl, Oben das Feuer, unten der Berg

Jakob Hein

Eine sehr viel leichtere Geschichte aus der DDR erzählt Jakob Hein in seinem neuen Roman "Kaltes Wasser". Sein Held Friedrich Bender wird "am Tag der Republik, dem 7. Oktober 1971, im grünlichen Neonlicht des Kreissaals 2 des Klinikums Kröllwitz der Stadt Halle an der Saale" geboren.

Jakob Hein

Die Themen von Heins Kindheits- und Jugendgeschichte sind durchaus typisch: eine große Schwester, strenge Eltern, Ost- und Westfernsehen, Zeltlager, die Partei, Lenin, VEB und die "Aktuelle Kamera". Aber der Autor führt all diese Motive in einen modernen Schelmenroman, in dem das Erdachte mindestens so wichtig wird wie das Reale: In einem Ferienlager lernt Friedrich die Tochter eines englischen Kommunisten kennen, die auch noch Punkerin ist - was ihn bei seinen Kameraden höchst interessant macht. Der Haken an der Sache: Es gibt es nicht, dieses Mädchen. Also muss er bei einem Briefmarkenhändler dafür sorgen, dass er Marken von der Insel bekommt, um glaubhaft Post aus dem westlichen Ausland zu simulieren. Auch nach der Wende sind Friedrichs Talente zu Imagination und Improvisation noch gefragt. Jakob Hein, der als Kinder- und Jugendpsychiater praktiziert und seine Bücher in den freien Stunden schreibt, porträtiert einen wendigen Menschen, der sich als Geldwechsler, Versicherungs-Angestellter und Kneipenbesitzer durchschlägt. Und der vor allem eines gelernt hat: fantasievolle Hochstapelei.

Shida Bazyar

Auch ein Romandebüt ist auf dem Diwan von der Leipziger Buchmesse vertreten: Die 28-jährige Shida Bazyar legt mit "Nachts ist es leise in Teheran" ihren Erstling vor. Und sie hat sich ein großes Thema vorgenommen, spannt ihr Buch doch den Bogen von der iranischen Revolution 1979 bis in die deutsche Gegenwart.

Shida Bazyar

Aus den unterschiedlichen Perspektiven mehrerer Familienmitglieder erzählt Bazyar, deren Eltern vor den Auswirkungen eben dieser Revolution nach Deutschland geflohen sind, eine Geschichte von Entwurzelung, Fremdheit und Neuanfang. Die Präsenz zweier Leben in einem, das hartnäckige Heimweh, die mühevolle Annäherung an eine neue Alltagskultur, die spiegelbildliche Entfremdung der zweiten Generation zum Ursprungsland der Eltern: All diesen Themen gibt die junge Schriftstellerin eine literarische Form. In einem solchen Migrantenschicksal ist das Private unmittelbar politisch, bestimmt das Politische die Existenz. Bazyars Figuren sind der Unterdrückung ihres Freiheitswillens ausgesetzt, und sie leisten Widerstand. Der Roman lässt sich als Buch der Stunde lesen - und steht für die besonderen Möglichkeiten der Literatur, den Informationen aus den Nachrichten Erfahrungen, Personen und individuelle Geschichten an die Seite zu stellen.

Die Bücher der Diwan-Gäste

Juli Zeh


Juli Zeh
"Unterleuten"


Roman
640 Seiten
Luchterhand Literaturverlag

Reinhard Jirgl


Reinhard Jirgl
"Oben das Feuer, unten der Berg"


Roman
288 Seiten
Carl Hanser Verlag

Jakob Hein


Jakob Hein
"Kaltes Wasser"

Roman
240 Seiten
Galiani Berlin

Shida Bazyar


Shida Bazyar
"Nachts ist es leise in Teheran"

Roman
288 Seiten
Kiepenheuer&Witsch

Die Musik zur Sendung von der Buchmesse steuert das Leipziger Duo "The Fuck Hornisschen Orchestra" bei. Hinter dem knackigen Namen stehen Julius Fischer und Christian Meyer, zwei Poetry Slammer und Musikanten, die für das Leipziger Publikum und die Radiohörer ihre sehr spezielle Kunst zwischen Poesie, Comedy und Lied zum Besten geben.

Diwan von der Leipziger Buchmesse

Mit Juli Zeh, Reinhard Jirgl, Shida Bazyar und Jakob Hein
Live-Musik: The Fuck Hornisschen Orchestra


Moderation: Martina Boette-Sonner und Cornelia Zetzsche

Live in Leipzig: Freitag, 18. März, 15.45-17.00 Uhr
ARD-Forum Halle 3, Stand C400

Auf Bayern 2 im Radio: Samstag, 19. März, 14.05 Uhr
(Wiederholung 21.05 Uhr)


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