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Der große Schmerz "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara

Dieser Roman ist ein Schwergewicht: Auf fast 1.000 Seiten erzählt die US-Autorin Hanya Yanagihara von vier Freunden - und einem dunklen Geheimnis. Der Roman hat Leser und Kritik in den Bann gezogen und liegt nun auch auf Deutsch vor.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 09.02.2017

Buchcover: Hanya Yanagihara - Ein wenig Leben | Bild: Hanser Berlin, Montage BR

Hanya Yanagiharas Roman beginnt klassisch, als Geschichte über vier Freunde. Willem, Jude, Malcom und JB haben sich als junge Männer am College kennengelernt und sind einander in tiefer Freundschaft verbunden. Alle vier haben glänzende Karrieren vor sich: Willem wird Jahre später ein bekannter Schauspieler sein, Malcom ein renommierter Architekt, JB ein gefeierter Künstler und Jude ein brillanter Anwalt. Geld, von dem sie anfangs zu wenig haben, wird irgendwann keine Rolle mehr spielen.

Ein nicht zu stillender Schmerz

Hanya Yanagihara begleitet den Weg dieser aufstrebenden Viererbande in eine verheißungsvolle Zukunft. Das Warum dieser ungewöhnlichen Männerfreundschaft, deren Grenze zur Liebe fließend ist, bleibt allerdings ein Rätsel. Genauso steht es – aus Sicht der Freunde – um die Vergangenheit von Jude.   

"…das war nun mal Teil der Vereinbarung, wenn man mit Jude befreundet war…Man ging gewissen Dingen nicht nach, obwohl es der eigene Instinkt nahelegte, man umschiffte den eigenen Argwohn. Man begriff, dass man diese Freundschaft bekräftigte, indem man Abstand wahrte, akzeptierte, was einem gesagt wurde, sich umdrehte und fortging, wenn einem die Tür vor der Nase zugemacht wurde, statt zu versuchen, sie wieder aufzustoßen."

Ein wenig Leben

Das einzige, was die Freunde wissen, ist, dass Jude als Kind einen schweren Unfall hatte. Seither muss er am Stock gehen und leidet unter heftigen Schmerzattacken:

"Sie unterhielten sich, aber Judes Augen waren geschlossen, und Willem wusste – er erkannte es an dem konstanten, kolibrihaften Flattern von Judes Lidern und der Art, wie er die Hand so fest zur Faust ballte, dass Willem das meergrüne Garn seiner Adern auf dem Handrücken sah, dass Jude Schmerzen hatte."

Ein wenig Leben

Judes Freunde sind genauso ahnungslos wie diejenigen, die Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" lesen. Und genau das macht die Sogwirkung dieses überbordenden Buches aus. Man will wissen, was tatsächlich in Judes Kindheit und Jugend passiert ist, was sich hinter der Fassade dieses klugen, gutaussehenden, so außerordentlich liebenswürdigen und empathischen Menschen verbirgt:

"Er sprach Deutsch und Französisch. Er kannte das Periodensystem auswendig. Er konnte – ohne es zu wollen – große Teile der Bibel nahezu lückenlos aus dem Gedächtnis aufsagen. Er hätte bei der Geburt eines Kalbes helfen, eine Lampe an-schließen, einen Abfluss reinigen und einen Walnussbaum auf die effizienteste Weise abernten können … (Und dann wusste er noch Dinge, die er lieber nicht gewusst hätte, Dinge, von denen er hoffentlich nie wieder Gebrauch würde machen müssen, Dinge, die ihn sich, wenn er an sie dachte oder nachts von ihnen träumte, vor Hass und Scham krümmen ließen.)"

Ein wenig Leben

Der Leser als Voyeur

Hanya Yanagihara macht ihre Leser zu Voyeuren. Rund 800 Seiten müssen sie – gespannt - warten, bis die Autorin die Karten endlich auf den Tisch legt. Sie nähert sich ganz langsam und allmählich an diesen Punkt: in konzentrischen Kreisen und mit unterschiedlichen Erzählstimmen.

Hanya Yanagahira

Kapitelweise wechselt Yanagihara die Perspektive: Mal ist es Jude selbst, der erzählt, dann wieder einer seiner Freunde, aber auch der ältere Harold, der Jude im Lauf des Romans adoptiert, und Judes Arzt kommen zu Wort. Wer diesen verschiedenen Erzählern folgt, hat viel Zeit, sich innerlich auf das vorzubereiten, was schließlich schmerzhafte Gewissheit wird. Am Ende wirkt es trotzdem, als würde man überrollt. Den Roman "Ein wenig Leben" zu lesen, ist stellenweise eine große Qual: Man muss das Buch immer wieder zur Seite legen, um es dann doch gleich wieder in die Hand zu nehmen – ungeachtet der Fragen, die die Lektüre begleiten. Hanya Yanagihara ist maßlos in allem: im Umfang ihres Romans, in ihrer bildhaften Sprache, in der Darstellung von Schmerz, Gewalt und Leid, aber auch in der der Liebe. "Ein wenig Leben" kann als Neuerzählung des Kreuzwegs gelesen werden: Judes Leben ein Martyrium.

"Seine Hände zittern, als er den Beutel unter dem Waschbecken hervorholt, und obwohl er nicht damit gerechnet hat, sich an diesem Abend schneiden zu müssen … ist er jetzt gierig danach. An seinen Unterarmen gibt es schon lange keine unverletzten Stellen mehr, und er schneidet jetzt in alte Schnitte hinein, sägt mit der Klinge durch das feste, netzartige Narbengewebe hindurch: Wo die neuen Schnitte verheilen, bilden sich warzige Furchen, und er ist zugleich angewidert, erschrocken und fasziniert davon, wie stark er sich selbst verstümmelt hat."

Ein wenig Leben

Ein maßloses und verstörendes Buch

Lange hatte Jude gehofft, das seelische Leid, der körperliche Schmerz – diese Qualen – würden im Laufe seines Lebens geringer. Das Gegenteil ist der Fall. Die eigene Sprachlosigkeit verschlingt ihn zusehends. Und genau das ist das Thema dieses Romans: männliche Sprachlosigkeit. Frauen sind auf den 1000 Seiten von "Ein wenig Leben" nur Beiwerk.

Hanya Yanagihara
"Ein wenig Leben"

Übersetzt von Stephan Kleiner
960 Seiten
Hanser Berlin
28,00 Euro

Hanya Yanagahira hat den unausgesprochenen Schmerz eines Mannes zum Selbstzweck ihres Romans gemacht, das damit verbundene Trauma  auf brutale Weise ausgeweidet, um  ihrer Figur – wie sie selbst sagt – stellvertretend für alle Männer eine Stimme zu geben. Man kann der amerikanischen Autorin stellenweise mangelnden Realismus und fehlende Glaubwürdigkeit vorwerfen, ihr Ziel hat sie aber erreicht.Yanagiharas Botschaft ist dabei jedoch zutiefst pessimistisch: Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, wird von ihr bei lebendigem Leib aufgefressen. Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" ist ein Buch, das eigentlich einen Beipackzettel bräuchte oder zumindest einen Hinweis: "Vorsicht – die Lektüre kann nachhaltig verstören!"

Diwan

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben", aus dem Englischen von Stephan Kleiner, 960 Seiten, Hanser Berlin, 28 Euro
Roana Brogsitter hat das Buch für den Diwan gelesen.
Samstag, 11. Februar 2017, 14:05 Uhr auf Bayern 2
(Wiederholung 21: 05 Uhr)


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