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Eva Menasse "Tiere für Fortgeschrittene"

Igel, Raupen, Schafe, Opossum, Haie, Enten, Schlangen: Die Erzählungen in dem neuen Buch von Eva Menasse sind nach Tieren benannt, aber handeln von angehenden und erprobten Menschen-Paaren, die es sich gar nicht leicht machen. Sie arbeiten an ihren Patchwork-Konstrukten, Karrieren und Nachlässen.

Stand: 15.05.2017

Buch-Cover "Tiere für Fortgeschrittene" von Eva Menasse | Bild: Kiepenheuer&Witsch; Montage: BR

Ein Jugendfreund stirbt und Tom - bei Menasse der Name einer Frau - steigert sich hinein in den Verlust, in ihre Trauer und die Erinnerungen - und fährt mit ihrem Sohn, ihrem Mann und dessen zwei Kindern aus erster Ehe in eine all- inclusiv Ferienkolonie in der Türkei. Isolde begutachtet ihre Brüste im Spiegel und wird plötzlich von Alterungsängsten eingeholt. Mit seiner zunehmend dementen Frau Grete schottet sich Konrad komplett vor seinen Töchtern ab und bastelt an seiner Todesanzeige. Die Sterblichkeit - das Wissen um das eigene Ende, spielt in den neuen Geschichten von Eva Menasse eine große Rolle.

"Schmetterling, Biene, Krokodil"

Das Wissen von der eigenen Hinfälligkeit unterscheidet aber Menschen gerade am stärksten von der Tierwelt. Eva Menasse setzt die Tiere nicht - nach Art des mittelalterlichen Bestiarums - allegorisch, bewertend oder belehrend ein, sondern eher als Prismen, die das Erzählte noch einmal anders spiegeln, verstärken oder verzerren. "Schmetterling, Biene, Krokodil", die erste Erzählung in dem Band, beginnt mit einer Wissenschaftsnachricht über Bienen und Schmetterlinge, die sich an den salzigen Tränen der Krokodile laben. Die Erzählung aber dreht sich um Tom, der nach dem Tod ihres Jugendfreundes plötzlich die mit viel Aufwand zusammengeschweißte Patchworkfamilie, vor allem aber ihr Mann Georg fremd wird. Georg sagt eines Tages einen Satz über ein sehr ungleiches schwedisches Paar, den Tom gleich auch auf sich und ihre Beziehung zu Georg bezieht. Es handelt sich um eine hübsche, sehr egozentrische, dicke Frau mit blonden Locken "ein aufgepumptes Rapunzel" und ihren sehr viel jüngeren, zuvorkommenden Freund:

"'Sie bezahlt den Pfleger ihrer Launen nachts, mit diesem Übermaß an weichem Fleisch, sagt Georg: Alle Beziehungen sind doch Geschäfte'. Tom schüttelt nur den Kopf. Sie wüsste gar nicht, wo anfangen mit ihrem grundsätzlichen Widerspruch. Wenn alle Beziehungen Geschäfte sind, welches ist dann ihres? Was bekommt sie, was gibt sie? Was hat es zu bedeuten, dass ihr höchstens Antworten auf die zweite Frage einfallen?"

Eva Menasse in Tiere für Fortgeschrittene (Schmetterling, Biene, Krokodil)

Ist die um ihren Freund trauernde/ weinende Tom das Krokodil, das von den Schmetterlingen und Bienen, die auf seinem Kopf sitzen, selbst nichts hat? Die ganze mühselig errichtete und von Tom mit viel Kraft gegen Georgs Exfrau aufrechterhaltene Patchwork-Konstruktion gerät ins Wanken.

"Raupen"

Eva Menasse sammelt schon seit Jahren Tiermeldungen, die ihr geeignet scheinen, auch von Menschen zu erzählen. Aber nicht in allen Erzählungen ist der innere Zusammenhang der Meldung aus dem Tierreich mit ihrer Geschichte so klar wie in der ersten. Die Raupenmeldung etwa berichtet von der Tabakschwärmer-Raupe, die sich beim Fressen ungewollt ihr eigenes Grab schaufelt. Die Erzählung aber handelt von Konrad, einem selbstgerechten, herrischen Mann, der sich mit seiner dementen, aber zuweilen noch sehr munteren Ehefrau Grete vor aller Welt abschirmt, und die ganze schwierige Pflege allein übernimmt, ober besser an sich reißt. Ist es Scham, Angst vor Peinlichkeiten? Oder Liebe? Oder sein Kontrollwahn? Oder sein schlechtes Gewissen, weil er sie früher so vernachlässigt hat? Oder die Trauer um die verlorene Tochter, die in Gretes wirren Phantasien nach wie vor alles durcheinanderbringt? Es ist alles auf einmal und Eva Menasse gelingt es überzeugend, die heftigen und oft sehr ambivalenten Gefühle, die eine Pflege dementer Verwandter begleiten, auf den Punkt zu bringen.

Meisterin der kurzen Form

"Das Auffallendste an ihm sind seine großen hellen Augen, wie von innen erleuchtet. Da er einen im Gespräch meist unverwandt ansieht, entsteht in Verbindung mit der extraterrestrischen Haarfarbe der Eindruck einer hypnotisierenden Libelle. An dieser Stelle würde mich Frau Doktor Biasini bestimmt ermahnen. Meine gesucht originellen Beschreibungen seien, so sagt sie, letztlich Distanzierungsversuche. Ich hinge anderen Menschen Formulierungen um wie Kostüme und weigerte mich fortan, hinter meine eigenen Labels zu sehen."

Eva Menasse in Tiere für Fortgeschrittene (Schafe)

Mit dem Roman "Vienna" schafft Eva Menasse 2005 ihren Durchbruch als Schriftstellerin, und auch ihr Roman "Quasikristalle" (2013), der sich Xana aus den verschiedensten Perspektiven annähert und immer neue Seiten und Phasen ihrer Protagonisten enthüllt, wird in der Presse gefeiert. Die kurze konzentrierte Form der Erzählung, der intensiven Schilderung von Episoden, die schlaglichtartig eine Person oder Beziehung ins Licht rücken und mit kurzen Rückblicken ahnen lassen, welche Kräfte noch im Schatten wirken, liegt der 1970 in Wien geborene Schriftstellerin mindestens genauso. Das wurde schon in ihrem Erzählband von 2009 "Lässliche Todsünden" deutlich und zeigt sich jetzt wieder in "Tiere für Fortgeschrittene". Eva Menasse beleuchtet hier ein ganzes Spektrum gesellschaftlicher Verhältnisse - neben der Pflege Dementer und Patchworkfamilien kommen Mobbing in der Schule, eine Künstlerkolonie und sogar die Abenteuer verwöhnter Reichemänner-Ehefrauen vor.

Diwan

Eva Menasse, "Tiere für Fortgeschrittene", Erzählungen, 320 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro
Martina Boette-Sonner spricht mit Eva Menasse über ihren neuen Erzählband. Samstag 20. Mai, 14:05 Uhr auf Bayern 2.
(Wiederholung 21:05Uhr )


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