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David Grossman "Kommt ein Pferd in die Bar"

"Krankheiten, Kriege, Tod, alles ist lachbar, warum nicht?" fragt sich skeptisch der Ich-Erzähler in David Grossmans neuem Roman. Doch dann setzt er sich - und uns Leser - einen Abend lang einem Stand-up-Comedian der anderen Art aus. Dov Grinstein, genannt Dovele, der an seinem 57. Geburtstag seine ultimative Schau abzieht.

Von: Iris Buchheim

Stand: 01.04.2016

David Grossmann | Bild: picture-alliance/dpa

Dovele kriecht, rennt, humpelt und hampelt wie wild herum oder verschwindet - schmächtig wie er ist - in einem großen roten Sessel auf der Kleinkunstbühne eines recht heruntergekommenen Etablissements in Netanja. Dabei sprudelt es schier ohne Unterlass aus ihm heraus - die vulgärsten Witze und Witzeleien, übelste Beschimpfungen des Publikums, vor allem des weiblichen - eine brustverkleinerte Aufgespritzte zieht seine Aufmerksamkeit und Bosheit besonders an - und jede Menge übertriebene Selbstbezichtigungen, immer wenn's ums eigene Leben und Leiden geht. Dovele sprengt alle Grenzen, zieht alles mit sich selbst in den Abgrund des Lächerlichen, aus dem mal ein Lachen und dann wieder entsetzliches Grauen widerhallt. Das ist anstrengend - für das Publikum des Comedian, für die Leser von Grossmans Roman, für den Icherzähler, der Doveles Auftritt ins Zentrum stellt, und vor allem für Dovele selbst:

"Denn was bin ich, kreischt er jetzt. Letzten Endes doch bloß eine niedere Gattung, stimmt’s? ... Es ist letzten Endes, wir können es ganz offen zugeben, doch eine ziemlich pathetische Form der Unterhaltung. Warum? Weil es anstrengend ist, Leute zum Lachen zu bringen, und weil man den Schweiß der Anstrengung riechen kann."

David Grossman in: Kommt ein Pferd in die Bar

Die Welt steht Kopf

"Nackt und abgewrackt" - erscheint Dovele dem Icherzähler, der diesen Auftritt des Comedian erst höchst genervt beobachtet und schließlich davon widerwillig immer mehr eingenommen wird. Denn der Icherzähler, ein pensionierter Richter namens Avischai Lasar, ist doppelt Teil der Geschichte: Vor gut vierzig Jahren hatte er sich mit Dovele befreundet - ihn aber bald ganz aus den Augen und dem Sinn verloren, Dovele aber hat ihn nach Jahrzehnten kontaktiert und ihn mit einigem Drängen in die Schau eingeladen, in der er seine Geschichte zum Besten gibt. Die ist so ungeheuerlich, dass sie vielleicht nur gebrochen, nur als übler Witz erzählbar ist: Als Dov Grinstein mit 14 in einem Camp seine Ferien verbrachte, wurde er eines Tages von einer Soldatin herausgerissen mit der kryptischen Mitteilung, er müsse nach Hause zu einer Beerdigung - wer gestorben ist, Mutter oder Vater, sagte sie nicht, nur dass er ihr folgen solle. Damit gerät die Welt für ihn so aus den Fugen, dass er sie nur noch auf dem Kopf erträgt, oder eben als ein unendliches Reservoir an (schlechten) Witzen. Auf der stundenlangen Fahrt nach Hause zur Beerdigung hat der Taxifahrer Dovele unablässig Witze erzählt - etwa den vom Pferd, das in eine Bar kommt.

"Aber ich laufe ganz cool weiter auf meinen brennenden Händen, mal neben ihr, mal vor ihr oder hinter ihr her, über stechende Disteln, Kiesel und Steine. Ich springe nicht wieder auf die Füße, was kann sie mir schon tun? Solange ich so bin, kann mir keiner was anhaben. Und ich hab auch keine Gedanken, mir ist das Blut in den Kopf gesackt, meine Ohren sind verstopft, Hirn ist da nicht mehr, nichts mehr, das denkt, weder Warum-brüllt-die-mich-nicht-an? noch Was meint- die-mit-so-ein-Tag?"

David Grossman in : Kommt ein Pferd in die Bar

Wechselbad der Gefühle

Grossman lässt Dovele unablässig zwischen der Erzählung dieser Witze und der so eruptiven wie zersplitterten Enthüllung seines Traumas wechseln, wobei in diesem aufreibenden Wechselbad der Gefühle immer unklarer wird, wo hier die Entblößung anfängt und die Inszenierung aufhört. Diese Unsicherheit verstärkt Grossman durch eine weitere Person im Publikum, die auch für Dov Grinstein unerwartet auftaucht: Eine zwergwüchsige Frau und ehemalige Nachbarin von Dovele, die den wunderlichen Jungen, der immer auf den Händen ging, sehr gern hatte und Doveles Lebensgeschichte jetzt immer wieder korrigiert, was Dovele wiederholt aus der Fassung zu bringen scheint - oder nur aus seinem Konzept? Das Ganze wird berichtet von dem Icherzähler, dem ehemaligen Richter Avischai Lasar, der immer wieder eigene Erinnerungen an Dov einblendet und so das Geschehen auf der Bühne und im Publikum kommentiert, ja fundiert. Hinter dem herumhampelnden, abgewrackten Dovele, der sich "den Arsch aufreißt", um die Leute zum Lachen zu bringen, kommt immer deutlicher der schwarzgelockte, sensible Junge mit Sommersprossen zum Vorschein, der mit knapp 14 eine schöne und sehr zerbrechliche Freundschaft mit Avischai Lasar schloss.

Ein Grossman der anderen Art

David Grossman, der große Erzähler von den Nöten und Leiden, die der dauernde Konflikt mit den Palästinensern, die israelisch-arabischen Kriege und die immer noch gegenwärtigen Nachwehen des Holocaust den Israelis der Gegenwart verschaffen, hat sich bislang weder als ein Kenner des Ordinären und Halbseidenen, noch des Witzes erwiesen. Aus diesem Grund verstört der Beginn des neuen Romans viele Grossman-LeserInnen ziemlich, in Doveles Tiraden sind anfangs der feine, hochsensible Autor von "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2009), wo eine Frau das Bild ihres Sohnes und Soldaten heraufbeschwört in der furchtbaren Vorahnung seines Todes, oder von dem berührenden Trauergedicht "Aus der Zeit fallen" (2013) nicht wieder zu erkennen. Doch schon durch den gewählten Schauplatz betreten Leser wieder vertrautes Grossman-Terrain: Netanja ist eine mittelgroße israelische Stadt in der Nähe von Tel Aviv, die keine 15 Kilometer entfernt von der palästinensischen Stadt Tulkarm Ziel so einiger blutiger Terroranschläge war. Hier herrscht die ständige Furcht vor Terror, von denen wir Europäer jetzt langsam durch die Anschläge wie die in Paris eine Ahnung bekommen. Dov Grinsteins Eltern sind dem Holocaust entkommen, ein Schicksal das gerade weil es verschwiegen wurde bei Dov starke Spuren hinterließ. Auf den zweiten Blick vertraute Grossman-Themen auch in diesem Buch also. Die tragische Grundstimmung von David Grossmanns Romanen tritt aber in dem neuen Roman vielleicht noch stärker und packender hervor: durch die virtuose Brechung der Erzählhaltungen und Erzählebenen und den heftigen, sehr aufreibenden Wechsel von inszenierter Komik und abgründigem Grauen.

David Grossman im Kulturjournal

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Carl Hanser Verlag, München 2016. 256 Seiten

Cornelia Zetzsche hat mit David Grossman über seinen neuen Roman gesprochen. Sie hören das Gespräch Sonntag, 3. April 2016, 18.05 Uhr auf Bayern 2.


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