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Wissen und Spiritismus "Katie" von Christine Wunnicke

Was passiert, wenn ein ambitionierter Chemiker in Geldnöten die übersinnlichen Fähigkeiten eines Mädchens begutachten soll? Christine Wunnicke lässt in ihrem vergnüglichen neuen Roman die Geister im Viktorianischen London tanzen.

Stand: 25.04.2017

Schriftstellerin Christine Wunnicke | Bild: Privat

Das 19. Jahrhundert war die Epoche eines großen Aufschwungs experimenteller Wissenschaften - und eine hohe Zeit spiritistischer Praxis. Man interessierte sich für magische Methoden, mit denen Kontakt zum Jenseits aufzunehmen wäre, übte sich im Tischerücken, bewunderte Meister der Levitation und Medien der Kommunikation mit den Toten. Von diesem Nebeneinander von Theoriebildung und Geisterglaube erzählt die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke ausgesprochen leichthändig in ihrem neuen Roman "Katie".

Der Chemiker und das Medium

Das Buch spielt um 1870 in London, Wunnicke lässt die Sphären von Experiment und Zauberei über ihre Protagonisten aufeinandertreffen: Die erste Hauptperson stellt sich gleich in den ersten Sätzen des Romans selbst vor: "Herausgeber der Chemical News. Crookes. William Crookes." Dieser Crookes ist auf der Suche nach Möglichkeiten, Spektrallinien zu beeinflussen, mit seinen bisherigen Versuchen allerdings gescheitert. Im zweiten Kapitel trifft der Leser auf Florence Cook, das "berühmteste materialisierende Medium in Ost-London". Florence ist eine hübsche, wenn auch kränkliche Sechzehnjährige, die die wundersame Eigenschaft besitzt, sich in die unglaublichsten Verrenkungen begeben und wieder daraus befreien zu können - auf Jahrmärkten wäre sie als "Dame ohne Knochen" bestens zu gebrauchen.

Und die titelgebende Katie? Sie ist ein wildes Mädchen aus dem 17. Jahrhundert, das als Junge verkleidet zur See fuhr, Piratin wurde - und sich nun eben aus Florence heraus materialisieren kann, wenn diese in Verrenkung gefesselt wird. Florence wiederum kommt zu Crookes, weil er ihre Fähigkeiten streng wissenschaftlich begutachten soll ...

"Das Begutachten war derzeit seine Hauptbeschäftigung. Er begutachtete alles: Kattundrucktechniken, Neuigkeiten der Probier- und Hüttenkunde, Lichtbildapparate, Mikroskope, Polarisationsbatterien, Desinfektionsmittel, Synthetisierungsverfahren für das Alzarinrot aus Färberkrapp, leidige Goldblatt-Elektroskope. Er hatte auch das schottische Medium Home begutachtet, einen mageren, wohl schwindsüchtigen Burschen, über den die Gesellschaft überall in Verzückung geriet. Dessen Treiben - Levitationen und Telekinesis vor allem - hatte Crookes mit allerlei Apparaturen erforscht, auch ein Faraday-Käfig war zum Einsatz gekommen; am Ende hatte er Home ein positives Zeugnis ausgestellt und Home hatte ihm sehr gedankt und pünktlich bezahlt."

Christine Wunnicke, Katie, Roman, 176 Seiten, Berenberg Verlag, 22,00 Euro

Erotische Träume von Helium

Natürlich bleibt Crookes nach der ausführlichen Untersuchung von Florence und ihrer übersinnlichen Begabung nicht der, der er vorher war. Und die saubere Grenze zwischen Wissen und Spiritismus verschwimmt spätestens, wenn Katie sich um Crookes "wickelt", wie sie es gerne tut: "Katie war unersättlich in ihrem Umhüllen", heißt es im Roman, "sie war hier und dort, um ihn und an ihm", und er träumt von veredelten Gasen, von Helium und Groß-H, von "molekularer Raserei" erhitzten Wasserstoffs - aber wohl nicht nur davon.

William Crookes und Florence Cook haben wirklich gelebt. Christine Wunnicke hat ein Faible für historische Stoffe und Gestalten, bei ihr bekommen sie jedoch kein museales Gewicht, sondern werden sehr leicht sehr lebendig gezeichnet. Die Komik des Romans setzt eher auf Atmosphäre als auf Pointe, Wunnickes Erzählen begibt sich ganz in den skurrilen Einzelfall und trifft zugleich das allgemein Menschliche: Die Autorin braucht nur wenige Federstriche, um Forscherdrang und Schwärmerei, Selbstbesinnung und unterschwellige Erotik, den ewigen Kampf zwischen gesundem Menschenverstand und der Faszination am Unerklärlichen aufzurufen.

Eine Stille im deutschen Literaturbetrieb

In Zeiten, in denen Schriftsteller auf vielen Kanälen an ihrer Präsenz als öffentliche Personen arbeiten, fällt Christine Wunnicke durch Zurückhaltung auf. Auf ihrer Webseite ist unter "Vita" lediglich ein Zitat des Kölner Stadtanzeigers zu lesen, platziert über einem Foto der auf einer Bank liegenden und in den Himmel schauenden Schriftstellerin: "Christine Wunnicke denkt sich etwas aus."

So ist es wohl, und natürlich schreibt sie, schreibt sogar sehr viel: Hörspiele und Features fürs Radio, Biografien wie jene über den Kastraten Filippo Dionisio Balatri, erschienen 2001 unter dem Titel "Die Nachtigall des Zaren", und eben Romane, darunter: "Fortescues Fabrik" (1998) über den "Erfinder der industriellen Produktion von Poesie", "Jetlag" (2002), "Serenity" (2008), "Nagasaki, ca. 1642" (2010) und "Selig & Boggs" (2013), die Geschichte der "Erfindung von Hollywood" durch einen Filmunternehmer und seinen Spielleiter, in der die kalifornische Sonne eine wichtige Rolle spielt. Zuletzt erschien "Der Fuchs und Dr. Shimamura" (2015), die Geschichte eines Arztes, der Ende des 19. Jahrhunderts in heikler Mission in die japanische Provinz geschickt wird: Er soll dort Fälle einer rätselhaften "Fuchsbesessenheit" aufklären.

Ein bisschen Biografisches weiß man dann aber doch über Christine Wunnicke: Sie wurde 1966 geboren, studierte in Berlin und Glasgow Linguistik, Altgermanistik und Psychologie und lebt in München. Neben ihrer eigenen literarischen Arbeit ist sie auch als Übersetzerin tätig: 2005 gab sie unter dem Titel "Der beschädigte Wüstling" erstmals Texte des englischen Dichters John Wilmot, Earl of Rochester, auf Deutsch heraus. Wunnicke wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur und dem Tukan-Preis der Landeshauptstadt München.

Diwan

Für das Bayern 2-Büchermagazin hat Niels Beintker mit Christine Wunnicke über ihren neuen Roman "Katie" gesprochen.
Samstag, 29. April, 14:05 Uhr (Wiederholung 21:05 Uhr)


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