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Radiosalon von ARD / ZEIT Wie soll unsere digitale Zukunft aussehen?

Wir sind zu Jägern und Sammlern von Daten geworden. Im Zeitalter der totalen Ökonomisierung unserer digitalen Daten, der scheinbar erforderlichen staatlichen Überwachung und der Macht der Internetfirmen wird die Verteidigung unserer Grundwerte im 21. Jahrhundert immer dringlicher. Wie wollen wir in Zukunft leben? Am 17. Januar fand dazu der Radiosalon von ARD und ZEIT statt, eine Live-Diskussion im Münchner Literaturhaus.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 17.01.2016

Die Welt - ein Datenmeer: Mit der Digitalisierung aller Lebensbereiche ändert sich die Gesellschaft ähnlich radikal wie zu Zeiten der industriellen Revolution vor zweihundert Jahren. Die digitale Technologie dringt immer stärker in unsere Alltagswelt ein, alles wird "smart": Kleidung, Autos, Wohnungen, ja, ganze Städte können mittlerweile mit Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden und liefern Daten, die "intelligent" miteinander verknüpft und ausgewertet werden ("Internet der Dinge").

Bei so viel Smartheit in den vernetzten vier heimischen Wänden laufe die menschliche Existenz ja bald unter dem Begriff "Betreutes Vegetieren", scherzte der österreichische Kabarettist Klaus Eckel in einer ZDF-Folge von "Die Anstalt" und sorgte sich etwas um den verwöhnten Europäer der Zukunft, sprich, sich selbst: "Irgendwann werd ich auf dem Sofa sitzen und denken, Mann, is mir fad!"

Die intelligente Vernetzung der Maschinen ist auch das neue Rennpferd der Wirtschaftsunternehmen. Insbesondere Autohersteller setzen auf die "smart factory" und die "Industrie 4.0" , eine Hightech-Strategie, in der sich Fertigungsanlagen, Logistiksysteme und Produkte via Algorithmen und Datenanalyse weitgehend selbst organisieren.

"Die vierte industrielle Revolution bringt Kooperationsproduktivität auf allen Ebenen. Konsistente Datenstrukturen, intelligente Sensorik, kybernetische Produktionssysteme und neue Formen von Business Networks erhöhen signifikant den Wirkungsgrad, nicht nur von produzierenden Unternehmen."

(Prof. Dr. Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik, RWTH Aachen; Diskutant beim Radiosalon)

Evolution des Menschen - und der Wirtschaft

Glaubt man den Prognosen des Erfinders Ray Kurzweil, so steht die Menschheit vor tiefgreifenden Umbrüchen: Kurzweil, Träger von 18 Ehrendoktortiteln und technischer "Prophet" (laut Eigenaussage träfen seine Prognosen zu 86 Prozent zu), hält es für möglich, dass in drei Jahrzehnten die Künstliche Intelligenz die Kontrolle über das Schicksal der Erde nimmt.

"Gesundheit, Biologie, Altern und Krankheit werden nun als Informationsprozesse begriffen, und damit verfügen wir über die praktischen Mittel, das Ende des Todes abzusehen, da unser Wissen über diese Dinge exponentiell wächst."

(Ray Kurzweil, Suhrkamp 2010)

Ray Kurzweil, Computerpionier, Internet-Prophet, technischer Direktor bei Google

In seinem Buch "How to Create a Mind" erläutert Kurzweil, dass - wenn man das Gehirn als Hierarchie von Mustern und elektronischen Impulsen verstehe - es möglich sein müsse, Hirnfunktionen künstlich nachzubilden und einen Supercomputer zu kreieren, der genauso funktioniere wie die Schaltzentrale in unseren Köpfen. Mit dem Kunsthirn werde die nächste Stufe der Evolution erreicht: die eigenen Gedanken auf einen Computer oder in eine Cloud zu kopieren. Das "Mind Uploading" wäre also laut Kurzweil eine Option, eine virtuelle Kopie unseres Bewusstseins in einer Cloud zu hinterlegen. Für 2045 sagt Kurzweil, seit 2012 als Direktor der technischen Entwicklung auf Googles Gehaltsliste, die Unsterblichkeit voraus, denn schon ab 2024 würden Nanobots, winzige Roboter, in unseren Körpern alte oder defekte Zellen reparieren oder austauschen.

Der Google-Konzern scheint den Zukunftsvisionen Einiges abgewinnen zu können, denn im Jahr 2013 gründete er das Unternehmen Calico, das nach dem Algorithmus der Unsterblichkeit suchen soll. Die erfolgversprechende Kombination von Big Data und Biologie erfordert Studien mit tausenden von Probanden zur Entschlüsselung menschlicher Erbanlagen. Unsere digitalen Daten sind für Google Gold wert. Das ist das Problem.

Der Mensch - König Kunde oder Datenschleuder?

"Wenn wir Menschen durch diese Vernetzung nur noch die Summer unserer Daten sind, in unseren Gewohnheiten und Vorlieben komplett abgebildet und ausgerechnet, dann ist der gläserne Konsumbürger der neue Archetyp des Menschen."

(Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments)

Ewige Konkurrenten: die Tech-Konzerne Apple und Google

Es scheint eine Zeitenwende in der Weltwirtschaft zu markieren, wenn die ersten drei Plätze auf der Rangliste der weltweit wertvollsten börsennotierten Konzerne seit Kurzem in der Hand von Tech-Firmen sind: Apple, Microsoft und Google. Diese Konzerne - und man sollte hier noch die anderen zwei weiteren Silicon-Valley-Riesen Facebook und Amazon ergänzen - sind die Jäger und Sammler unserer Daten. Jeder Mensch trägt seinen digitalen Schatten mit sich, der für Google, Apple, Facebook und Amazon, zusammen abgekürzt GAFA, wertvoller ist als der Mensch selbst. GAFA bildet ein Quartett, das an der Börse über 1.500 Milliarden Dollar wert ist, mehr als die vier größten Erdölgesellschaften unseres Planeten. Facebook verkauft unseren digitalen Fingerabdruck für individuell perfekt zugeschnittene Werbung weiter, der Google-Konzern, über den in Deutschland über 95% aller Suchanfragen laufen, weiß mehr über unseren Charakter als wir selbst.

"Von den Windeln für Ihr Baby bis hin zu Ihrem Kühlschrank, von der Heizung über dei Matratze, die Wände und die Kaffeetasse bis hin zum künstlichen Knie - all das wird das intelligente neuronale Netzwerk bilden, in dem Sie atmen, essen, schlafen, reisen und arbeiten. Es wird zahllose Konfigurationen aus Aktionen, Beobachtungen, Vorschlägen, Mittelungen und Eingriffen ausführen, die alle auf eine neue Art von Produkt ausgerichtet sind: die Realität. Google und andere werden ihr Geld damit verdienen, dass sie diese Realität kennen, manipulieren, kontrollieren und in kleinste Stücke hacken."

(Shoshana Zuboff, Wirtschaftswissenschaftlerin)

Diskussion zur digitalen Zukunft im Radiosalon

Angela Merkel und Sigmar Gabriel testen auf dem 9. Nationalen IT-Gipfel Industrie 4.0 einen elektronischen Handschuh.

Die unendlichen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters bringen also "Kollateralschäden" mit sich: die Aufweichung unserer Privatsphäre, die Manipulierbarkeit unseres Verhaltens. Mit "Humandaten" lassen sich Milliarden verdienen und sind in Zeiten erhöhter Terrorangst gleichzeitig für Staat und Politik ein scheinbar probates Mittel im Namen des Bürgerschutzes.

Die Gesellschaft ist offenbar in zwei Lager gespalten: zwischen Privatssphäre und Überwachung, Freiheit und Sicherheit. Doch in der Verbindung von Big data und einer Überhöhung von Sicherheit liegt die Gefahr einer antisozialen und antidemokratischen Gesellschaft. Zwei Jahre nach den Enthüllungen von Edward Snowden und der Offenlegung der Kooperationen zwischen Google und der NSA, zwischen der NSA und dem deutschen BND, ist zwar in Deutschland und Europa die Aufmerksamkeit für das Problem gestiegen, doch politische Sanktionen und neue, an das digitale Zeitalter angepasste Gesetzgebungen auf nationaler und europäischer Ebene lassen auf sich warten.

Im Radiosalon von ARD und ZEIT diskutierten:

Vor Kurzem hat Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) als Antwort auf einen Aufruf von Martin Schulz zu einer Charta der digitalen Grundrechte in dem Wochenmagazin Die Zeit dreizehn Artikel vorgelegt, darunter das Recht der Selbstbestimmung über die persönlichen Daten, das Recht auf Vergessenwerden oder der Grundsatz, das kein Mensch zum Objekt eines Algorithmus werden dürfe.

Heiko Maas (SPD)

Sind diese Forderungen in Verbindung mit dem digitalen Fortschritt und unserer Alltagspraxis, unserer Internetbegeisterung noch praktikabel? Wie können wir Persönlichkeitsrechte und Datenschutz "nachrüsten" und deren Einhaltung kontrollieren? Viele offene Fragen, die im Radiosalon der ARD und der ZEIT diskutiert wurden.

Helfer oder Herrscher - Wie soll unsere digitale Zukunft aussehen?

Der Radiosalon von ARD und ZEIT

am Sonntag, 17. Januar 2016 von 11.00-12.00 Uhr auf Bayern2
live aus dem Literaturhaus München

Modell eines Brain-Computer-Interface

Eine Kooperationsveranstaltung von Bayern 2, SR 2 KulturRadio und DIE ZEIT

Der Radiosalon wird auf allen ARD Kulturradios (Bayern 2, hr2-kultur, MDR FIGARO, kulturradio des RBB, NDR Kultur, Nordwestradio, SR 2 KulturRadio, SWR2, WDR 3 und WDR 5) von 11.00 bis 12.00 Uhr live aus München übertragen.

Diese Sendung ist als Podcast verfügbar und Sie können die Diskussion auch als Video nachschauen.

Literaturhaus München
Salvatorplatz 1 80333 München
Telefonnummer 089 - 29 19 34 - 27


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