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Jugendliches Spätwerk André Téchiné: "Mit siebzehn"

Mit dem Kinofilm "Mit siebzehn" hat der französische Altmeister André Téchiné sein bisher jugendlichstes Werk inszeniert: pulsierend, wild und trotzdem einfühlsam.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 20.03.2017

Zwei Jungs geraten aneinander

"Mit siebzehn" handelt von Damien und Tom, beide 17 Jahre alt, die in dieselbe Schule gehen und dauernd aneinander geraten. Warum das so ist, weiß niemand. Vielleicht sind es die pubertären Hormone. Vielleicht ist es Tollerei oder überschüssige Energie. Vielleicht die Auswirkung eines unterdrückten schwulen Begehrens. Vielleicht halbwüchsige Ausgelassenheit. Das Ausprobieren der eigenen Kräfte. Oder eine Form von Eifersucht? Denn Damiens Mutter Marianne bringt Tom mit in die Familie. Sie ist Landärztin in den Pyrenäen und lernt (unabhängig von ihrem Sohn) bei einem Krankenbesuch in den Bergen Tom kennen. Dessen Mutter, eine Bäuerin, ist schwanger und muss ins Krankenhaus. Marianne bietet Tom also an, für diese Zeit bei ihr und Damien in der Stadt zu wohnen.

Die Frage der eigenen Identität

André Téchiné hat sich in seinen Filmen schon immer für zivilisatorische Prozesse interessiert. Der Übergang von der Jugend in das reifere Alter ist ein solcher. 1994 erzählte Téchiné in seinem preisgekrönten Werk "Wilde Herzen" schon einmal vom Erwachsenwerden in Frankreich, zur Zeit des Algerienkrieges Anfang der 60er Jahre. Handelte es sich damals um ein Generationsporträt vor dem politischen Hintergrund des Kolonialismus, ist "Mit siebzehn" jetzt sehr viel zeitloser angelegt. Es geht um prinzipielle Lebensumbrüche, um gesellschaftliche Rituale und die Frage der eigenen Identität: Entwickelt sie sich im Widerstreit oder im Einklang mit dem sozialen Umfeld?

Ernsthaftigkeit oder Tollerei?

Der Dichter Arthur Rimbaud hat einst gesagt, man sei nicht ernsthaft mit siebzehn Jahren. Darauf beruht der Filmtitel. Regisseur André Téchiné untersucht nun, ob das stimmt, wann überhaupt die Ernsthaftigkeit des Lebens beginnt, und ob nicht eine gewisse Tollerei immer zum Leben gehören sollte.

"Zu Beginn des Films sieht man Damien ein Gedicht von Rimbaud vortragen. Rimbaud feiert darin die Natur, und wie klein der Mensch ihr gegenüber ist. Damien kann das als Stadtkind nicht nachvollziehen, aber Tom versteht sofort, was gemeint ist. Er erfährt das jeden Tag ganz körperlich, wenn er sich auf seinen langen Schulweg durch die verschneiten Berge macht. Die eigene Lebenswirklichkeit ist ganz entscheidend für die Wahrnehmung der Welt. Und da gibt es eben große Unterschiede. Auch deshalb stoßen die beiden Jungs so zusammen. Die Gewalt ist ein Ventil für Unterschiede, die man spürt und die einen auch verunsichern können. Zu Boden zu gehen, hinzufallen, gehört dann zum Erwachsenwerden dazu."

André Téchiné

Langsame Annäherung

"Mit siebzehn" ist der Film einer langsamen Annäherung. Sehr körperhaftes Kino mit einer faszinierenden Mischung aus Härte und Zärtlichkeit. Wir beobachten einen Prozess des gegenseitigen Sich-Kennenlernens. Das unterstützt der Schnitt des Films: Anfangs werden die Schicksale von Damien und Tom parallel erzählt, dann wachsen sie allmählich zu einer Geschichte zusammen.

Mit wunderbarer Aufrichtigkeit spielt Sandrine Kiberlain Marianne, die Mutter von Damien. Sie ist die Ringrichterin des Kampfes, der die Jungs am Ende zusammenbringt. Sie ermahnt die beiden immer wieder fair zu sein – und etwas zu lernen aus der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber.

Elanvolles, assoziatives Kino

"Mit siebzehn" ist elanvolles, assoziatives Kino. Die Inszenierung eines ambivalenten Fight Clubs, den man so noch nicht erlebt hat. André Téchiné sagt, ihn interessiere, wie so viele Zuschauer auch, einfach die Verrücktheit einer Geschichte.


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