Bayern 2


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"Angespitzt" von Helmut Schleich Kevin Spacey und das moralische Amerika

Der Kabarettist Helmut Schleich regt sich gewaltig über die Sexismusdebatte auf.

Von: Helmut Schleich

Stand: 10.11.2017

Im Bayern 2-Studio | Bild: BR/Philipp Kimmelzwinger

Jetzt also Sexismus. Wenn in der amerikanischen Hochglanz-Welt angezogene Menschen mit nackten Fingern aufeinander zeigen, dann ist das zumeist durchschaubar und wäre unter dem Wort „Publicity“ im Grunde hinreichend subsumiert. Das Wort „Sexismus“ ist allerdings ungemein wirkungsmächtiger. Ganz ehrlich, ich habe mich von Anfang an gefragt, schon als die Nummer mit diesem Weinstein losging:

Ein Hashtag reicht

Wäre das ein Thema geworden, wenn es sich nicht um einen mächtigen Hollywood-Produzenten und berühmte Frauen gehandelt hätte, sondern um die kleine Angestellte aus Kleinkleckersdorf? Eher nicht. Die ist schließlich mächtig und einflussreich genug um selbst mit dem Problem fertig zu werden, ganz im Unterschied zu einer Gwyneth Paltrow oder einer Angelina Jolie. Gut, jetzt kann man natürlich argumentieren, durch das Outing von Prominenten wird die kleine Angestellte ja ermutigt, sich auch zu wehren. Und zwar genau so, wie es die mächtigen und reichen Damen aus der Glamour-Welt machen. Mit einem Hashtag. Die sagen nicht: „Nimm Deine Drecksgriffel weg von mir, Du Sack!!“ wenn die Situation da ist. Die schreiben es dann ins Internet, wenn alle hineinschauen. Sie könnten auch klagen, aber die Internet-Justiz hat halt den gewaltigen Vorteil, dass das Urteil in aller Regel VOR der Verhandlung fällt.

Weg mit dem Dreckskerl!

Das sieht man jetzt bei Kevin Spacey. Der wird gerade aus seinem neuen Kinofilm kurz vor dem Start fein säuberlich herausgeschnitten, weil ein anderer Schauspieler sagt, „der hat mich vor 31 Jahren angelangt, ohne dass ich es wollte.“ Juristisch ist der Fall verjährt, aber manche Straftaten sind einfach moralisch zu ergiebig um sie der Justiz zu überlassen. Weg damit, mit dem Dreckskerl! Überhaupt alles rausschneiden aus der Welt, was unerwünscht ist. Ein super Rezept made in USA!

Gut und böse

Gut, die Zeitung in der Früh würde ausschauen wie ein Schweizer Käse, wenn alles rausgeschnitten wäre, was im Verdacht steht, nicht sauber zu sein, aber das Weltbild wäre wieder in Ordnung. Herrlich. Keine Graustufen mehr, nur noch schwarz und weiß. Keine aufwändige Beweisführung vor Gericht, nur noch Dreckschweine und moralische Überflieger. Ein Hashtag reicht, um die Welt in gut und böse zu unterteilen. Ob ein Unschuldiger so einen Vorwurf jemals wieder los wird? Scheißegal. Ob das menschliche Vertrauen der Millionen und Abermillionen anständigen Menschen, Männer und Frauen, die ganz normalen Umgang pflegen dabei auf der Strecke bleibt, was kümmert’s? Das ist der feine Unterschied: Für die einen ist sexueller Missbrauch ein lebenslanges Trauma, für die anderen eine billige Publicity.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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