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Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Die fragile heilige Stadt

Die USA erkennen Jerusalem als Hauptstadt Israels an – eine einseitige Entscheidung zum komplizierten Status der Stadt. Für Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum Berlin ist die Stadt kontaminiert von ihrer vielstimmigen Heiligkeit.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 07.12.2017

Donald Trump hat angekündigt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen – und damit Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennnen. Ein Schritt, den die US-Präsidenten vor ihm jahrzehntelang vermieden haben, weil es einer der Hauptstreitpunkte zwischen Israel und den Palästinensern ist. Als Reaktion hat die Hamas zu einer neuen Intifada aufgerufen. Die Anerkennung platzt in die letzten Vorbereitung einer großen Jerusalem-Ausstellung, die in der kommenden Woche im Jüdischen Museum in Berlin starten soll. "Welcome to Jerusalem" wird sie heißen – ein Titel, der jetzt einen etwas anderen Klang bekommt. Kuratiert wird die Ausstellung von der langjährigen Programmdirektorin des Museums, Cilly Kugelmann. Wir haben mit ihr über die Stadt, das Symbol und das Streitobjekt Jerusalem gesprochen.

Judith Heitkamp: Sie und Ihr Team stecken – besonders durch die Arbeit für die aktuelle Ausstellung – mittendrin im facettenreichen Thema Jerusalem. Was war denn Ihre Reaktion auf Trumps Entscheidung?

Cilly Kugelmann: Wissen Sie, dieser Konflikt geht schon so lange und durch so viele Windungen und Kreise, dass man überhaupt nicht mehr anders kann, als das mit einem gewissen Zynismus zu betrachten. Natürlich ist die Entscheidung eine Katastrophe und wenig hilfreich für den Friedensprozess. Die USA haben sich damit sozusagen aus der Vermittler-Position verabschiedet. Eine Position, die sie über Jahrzehnte innehatten. Letzten Endes wird es für die USA auch praktisch schwierig sein, eine Botschaft in Jerusalem zu bauen. Die Botschaft in Tel Aviv ist schon gesichert wie Fort Knox. Ich möchte nicht wissen, wie die in Jerusalem aussehen wird, wo die Gefahr viel größer ist, angegriffen zu werden.

Bezieht die Ausstellung zu dieser umstrittenen Frage der Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt Stellung?

Es gibt einen Raum, den wir den "Konflikt-Raum" genannt haben, der diesen Konflikt mit historischem Filmmaterial behandelt. Das ist einer von 15 Räumen, alle anderen Räume haben entweder historische Themen oder andere Facetten dieser Stadt aufgenommen. Aber ein Raum wird sich explizit mit diesem Thema beschäftigen.

Und bezieht die Ausstellung dort Stellung? Sagen Sie, welche Lösung sie am besten fänden?

Nein, wir können keine Lösungen vorschlagen. Wir sind ein Museum. Wir können Material zur Verfügung stellen, wir können die vielen Facetten der Stadt auffächern, aber wir können keine politischen Lösungen anbieten.

Auf welche Weise stellen Sie Jerusalem denn insgesamt dar – was sind die Leitideen?

Wir wollen die Heiligkeit der Stadt ins Zentrum stellen. Das haben wir uns lange überlegt, weil das ein großes und langes Thema ist. Jerusalem war von Anfang an heilig. Der Tempel wurde als Sitz Gottes gedacht, und jede andere Herrschaft über diese Stadt hat dann ihre Sakralbauten und ihre Vorstellung von Heiligkeit auf die Stadt projiziert. Man könnte sagen, Heiligkeit ist das charakteristische Moment Jerusalems. Das hat schon immer Wallfahrer gebracht, Pilger und Touristen. Und die Stadt lebt bis heute vom Tourismus.

Diese Heiligkeit könnte man aber auch als etwas sehen, was die Stadt kontaminiert hat. Weil Begehrlichkeiten und Sehnsüchte auf die Stadt projiziert werden in dem Maße, in dem rationale Politik versagt. Das sind metaphysische emotionale Perspektiven, die mit der Stadt verbunden sind, und die das andere verschärfen.

In den Ankündigungen zur Ausstellung kommt immer wieder ein Stichwort vor: Vielstimmigkeit.

Ja, auch diese Vielstimmigkeit bezieht sich auf die Heiligkeit der Stadt. Alle drei monotheistischen Religionen haben einen sehr massiven Grund, diese Stadt zu besetzen, vor allem emotional. Daraus leitet sich eigentlich auch die politische Vielstimmigkeit ab. Das ist ein Aspekt, der Jerusalem von jeder anderen Stadt dieser Welt unterscheidet.


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