Bayern 2


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"Tag? Nacht? Abgeschafft?" Notausgänge aus dem Beschleunigungskarussell

Am Ende des Tages wissen wir kaum mehr, was wir alles getan haben. Und am Ende des Jahres sagen wir erstaunt: Was, schon wieder vorbei? Wir werden immer schneller, verdichten den Takt unserer Arbeit - und machen möglichst alles gleichzeitig.

Von: Matthias Morgenroth

Stand: 16.12.2015

Frau an zugefrorenem See und Uhr | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Wir haben seit einiger Zeit einen neuen Beschleunigungsschub zu verkraften. Ausstieg schwer möglich. Alles geht immer schneller, immer dichter, immer gleichzeitiger, den neuen Medien sei Dank. Weil unser kapitalistisches System auf einer Gleichung beruht: Zeit ist Geld. Wer Wachstum will, muss schneller leben. Der Effekt: Besinnungslosigkeit.

"Wachsen und Steigern und Beschleunigungen sind systemische Notwendigkeiten, die sich auf den Einzelnen übertragen. Wir haben das Gefühl: Wenn wir uns nicht steigern, nicht bilden, nicht körperlich fit halten, dann fallen wir zurück. Wir stehen wie auf Rolltreppen und werden allein durch Stehenbleiben schon nach unten befördert."

Prof. Hartmut Rosa, Jena, Zeitforscher

Arbeiten so viel nur geht

Hartmut Rosa, Soziologe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena

Das was als wachsender Zeitdruck und sich steigernde Zeitnot beschrieben wird, geht mit einer Veränderung der Gesellschaft einher, die der Wirtschaftslogik folgt. Alles kulminiert in den Familien. Längst ist das erklärte Ziel der Politik, möglichst umfassende Kinderbetreuung, damit beide Eltern möglichst ungehindert Arbeiten können. Beinah schlafwandlerisch vollziehen Familien diese gesellschaftspolitische Veränderung mit, die schon lang nichts mehr mit Emanzipation zu tun hat. Dabei sagen neuen Langzeitstudien: zu frühe, zu lange Fremdbetreuung von Kindern schadet ihnen. Das Stresshormon Cortisol verändert dabei zum Teil langfristig den Hormonhaushalt.

"Wenn wir diese Form der Betreuung im großen Umfang in jungem Alter zur Normalität werden lassen, dann wird das Auswirkungen haben auf die durchschnittliche Persönlichkeitsentwicklung und das sozio-emotionale Umfeld, mit dem wir es künftig zu tun haben werden."

Dr. Rainer Böhm, Sozialpädiatrisches Zentrum Bielfeld

Stress in der "Rushhour des Lebens"

Geradezu verzweifelt wirken Versuche, diese Entwicklung zu bremsen. Es bleibt auch kaum noch Zeit zum Nachdenken. Die einen machen sich dafür stark, dass wenigstens ein Tag als prinzipiell freier Tag für alle gleichzeitig erhalten bleibt, der Sonntag. Andere, wie der bayerische Landesbischof und neue EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, plädieren dafür, den Buß- und Bettag als Feiertag wieder einzuführen – um deutlich zu machen, dass wir mehr Zeitwohlstand brauchen.

Auch politisch umsetzbare Konzepte werden erarbeitet, zum Beispiel im Deutschen Jugendinstitut in München. Wie wäre es, "Lebensarbeitszeitkonten" einzuführen – frei verfügbare Jahre, um den Stress aus der "Rushhour des Lebens" zu nehmen, wenn alles gleichzeitig geschehen muss?

Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender

Doch alles greift zu kurz, wenn nicht an der Wurzel angesetzt wird: "Wir  brauchen eine Revolution", sagt der Zeitforscher Hartmut Rosa. Eine Zeitrevolution, die zugleich eine gesamtgesellschaftliche ist: Wir müssen die Fragerichtung umkehren: Nicht mehr fragen, wie schnell kann der Mensch noch werden, sondern stattdessen: Wieviel Geschwindigkeit tut dem Menschen und dem Leben auf diesem Planeten gut?

Gedanken zur Zeit

Wohlstand - an der Zeit gemessen

"Ich glaube, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angelangt ist, wo das Entscheidende für viele Menschen nicht mehr ist, mehr materiellen Wohlstand zu haben (für einige schon, wer arm ist, bracht mehr materiellen Wohlstand).  Für die meisten ist das Entscheidende mehr Beziehungswohlstand, man kann auch sagen, mehr Zeitwohlstand." Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender

Sonntag - ein geschätztes Gut

"In zwanzig Jahren werden wir hoffentlich erkennen, dass der Sonntag total modern ist. Kein Arbeitsrecht aus antiker Zeit, sondern genau das, was wir heute brauchen, damit alle mal gemeinsam Zeit haben." Philipp Büttner, Allianz für den freien Sonntag

Organisieren - ein Zeitkiller

"Das Organisieren in den flexiblen Zeiten ist an sich ein eigenständiger Bereich der Arbeit und des Lebens geworden. Da hat man das noch gar nicht getan, was man tun möchte, aber es braucht sehr viel Energie und Zeit, um das überhaupt zu organisieren." Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut


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