Bayern 2 - Hörspiel


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Hörspiel in 10 Teilen

Stand: 05.09.2016 | Archiv

Sophie Rois | Bild: Maria Leutner

Fortsetzungsroman, Bekenntnisliteratur, Künstlerinnenroman, Autobiografie, Internet-Tagebuch – Elfriede Jelineks Literatur sträubt sich seit jeher gegen eindeutige Zuschreibungen und mit ihrem aktuellen Roman Neid ist das nicht anders. Zwischen dem 3. März 2007 und dem 24. April 2008 hat die Autorin ca. 936 Seiten Text unter der Gattungsbezeichnung „Privatroman“ online gestellt. Privat ist der Text zunächst deshalb, weil er unabhängig von einem Verlag direkt dem Leser übereignet wird. Dieser soll das Werk gar nicht erst ausdrucken, sondern laut Gebrauchsanweisung am Bildschirm eines Computers, eines E-Books oder am Display eines Handys lesen, kurz: damit machen, was er will. Ein Privatroman ist Neid aber auch, weil die Autorin sehr umfangreich Aspekte der eigenen Biografie in den Text mit einbezogen hat. Elfriede Jelinek ist mehr denn je anwesend in ihrem Text, dies aber auch nur deshalb, weil er sich aufgrund seines Erscheinens im Internet als vorhanden und abwesend zugleich erweist, jederzeit im weltweiten Netz verschwinden oder daraus entfernt werden kann. „Gespensterhaft“ nennt Jelinek diese Erscheinungsform, die Autorin, Erzählerin, den Roman und die darin enthaltenen figuralen Restbestände und Themen eint. Untot sind die Ich-Erzählerin, ihre Hauptfigur Brigitte K. oder auch die Opfer in der nationalsozialistischen Vergangenheit des Ortes Erzberg, dem fiktiven Schauplatz des Romans. Hier wird nach dem Niedergang des Erzbergbaus und dem Abbau von Arbeitsplätzen um Einwohner und Touristen gekämpft. Vorlage ist Eisenerz in der Steiermark, dessen Bemühungen um Fremdenverkehr im Text in den grotesken Gegensatz zur österreichischen Einwanderungspolitik oder dem sogenannten Eisenerzer Todesmarsch gerückt werden, bei dem 1945 mehrere tausend Juden umkamen. In Erzberg lebt auch Brigitte K., Geigenlehrerin, betrogene Ehefrau, hintergangene Geliebte und phantomhafte Protagonistin des Romans. Ihre Existenz als lebende Tote und schließlich Mörderin scheint in Neid ebenso auf, wie aktuelles Geschehen, etwa die Fälle Natascha Kampusch oder Amstetten. Im Redefluss der Erzählerin bleibt wenig unberührt, das Erzählte aber letztlich hinter dem Erzählen selbst zurück. Neid ist vor allem Rede-Roman: Stilisierte Mündlichkeit, ausgestellte Zerstreutheit, ständiges Neu-Ansetzen, Abschweifen und das Unterlaufen von Gliederungseinheiten wie Kapitel und Unterkapitel markieren die Verweigerung eines Heimischwerdens in intakter Erzählung oder Eindeutigkeit. Das sprechende Ich blickt zwar auf die es umgebende Welt und hält dieser den Spiegel vor. Die Sprecherin wird im ausgefeilten Redeschwall aber vor allem zur permanenten Beobachterin ihrer selbst. In der Hörspielfassung des Bayerischen Rundfunks leiht Sophie Rois diesem performativen Erzählen ihre Stimme.

Elfriede Jelinek: Neid (1-10)

Mit Sophie Rois, Elfriede Jelinek

Komposition: Frode Haltli/Maja Ratkje
Bearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier
BR 2011


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