Bayern 2 - Hörspiel


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Michaela Melián Electric Ladyland

Von: Hörspiel und Medienkunst

Stand: 19.05.2017 | Archiv

 Michaela Melián | Bild: Thomas Meinecke

"Good and evil lay side by side while electric love penetrates the sky." Jimi Hendrix, The Jimi Hendrix Experience: Electric Ladyland, London (1968)

Ausgangspunkt für Electric Ladyland  ist die Musik Jacques Offenbachs und im Besonderen der zweite Akt aus Hoffmanns Erzählungen. Les Contes d'Hoffmann ist eine opéra comique, also eine Nummernoper mit gesprochenen Dialogen. Sie wurde 1881, ein Jahr nach Offenbachs Tod, in Paris uraufgeführt. Eine endgültige, von Offenbach autorisierte Partitur liegt für dieses Werk nicht vor, es existieren zahlreiche Manuskriptseiten mit Varianten. Offenbach hatte zumeist nur Sing- und die Klavierstimme skizziert. Der zweite Akt beruht auf der Erzählung Der Sandmann aus den Nachtstücken von E.T.A. Hoffmann. Im Mittelpunkt steht hier die lebensgroße, wunderschöne mechanische Puppe Olympia, es geht um lebende Augen und eine Brille, durch die die Welt in euphorischem Licht erscheint.

In der Figur der Olympia verbindet sich die fantastische Erzählung von E.T.A. Hoffmann mit den Erfahrungen im Zeitalter der Industrialisierung. So ist das internationale Publikum auf der Weltausstellung 1867 in Paris fasziniert von neuen technischen Errungenschaften und kann sich gleichzeitig in den Erlebnisparks, den exotischen Architekturen und bei den Völkerschauen amüsieren. Zum Beispiel besteht der Beitrag Preußens in Paris unter anderem in einem maurischen Kiosk, daneben zeigt die deutsche Firma Krupp riesige, so noch nie gesehene Kanonen und Werner Siemens seine Dynamo-Maschine, die ein neues Zeitalter der Elektrotechnik einleitet. Während die Pariser Gesellschaft im Operettenrausch und im durch Spekulationen an der Börse erworbenen Reichtum schwelgt, steigen die Mieten und Alltagskosten unentwegt und die Arbeiter werden massenhaft in die Außenbezirke von Paris abgedrängt.

Die Automatenpuppe Olympia ist das Vorbild für unzählige Darstellungen von Robotern, Androiden und Cyborgs in Film und Literatur. Mit ihrem immerwährenden Lächeln, und ihrem mehr als reduzierten Sprachvermögen (sie kann nur „Ach“ sagen, was eigentlich immer passt) entspricht Olympia perfekt den Vorstellungen von einem gut erzogenen jungen Mädchen. Sie verhält sich einwandfrei, sie singt und tanzt gut. Ihr eigentliches Menschsein findet immer nur in den Augen derer statt, die sie betrachten. Aber Olympia hält sich nicht an ihre Programmierung, sie funktioniert nicht.

"Jedes beliebige Objekt und jede Person kann auf angemessene Weise unter der Perspektive von Zerlegung und Rekombination betrachtet werden, keine ‚natürlichen‘ Architekturen beschränken die mögliche Gestaltung des Systems."

Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main 1995

Michaela Melián: Electric Ladyland

Sprecher: Christos Davidopoulos, Juno Meinecke, Damian Rebgetz, Steven Scharf
Chor: Miriam von Aufschnaiter, Anton Winstel, Antonia Wirth, Moritz Zehner
Gesang: Maximiliane Reichart Violine: Ruth May

Komposition und Realisation: Michaela Melián
BR 2016, Länge: 57'12

Michaela Melián, geb. 1956, lebt in München und Hamburg. Künstlerin, Musikerin. Studium der Bildenden Kunst und Musik in München und London. 1980 Mitbegründerin der Band F.S.K. Seit 2010 Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Auszeichnungen: Förderpreis im Bereich Bildende Kunst der Landeshauptstadt München (1994), Kunstpreis der Stadt München (2010), Kunstpreis der Stadt Nordhorn (2011). Hörspiele: Föhrenwald (BR/kunstraum muenchen 2005, Hörspielpreis der Kriegsblinden, Deutscher Hörspielpreis der ARD, ARD Online Award), Speicher (BR 2008, Hörspiel des Jahres), Memory Loops (BR/Kulturreferat München 2010, Hörspiel des Jahres, Grimme Online Award 2012), IN A MIST (BR 2014).


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