Bayern 2 - Hörspiel


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Elfriede Jelinek Wirtschaftskomödie

6 Teile

Stand: 07.05.2015 | Archiv

Elfriede Jelinek | Bild: picture-alliance/dpa

"Mir kommt die Wirtschaft (die zu den schwierigsten Gebieten überhaupt gehört) immer wie ein Mobile vor, beim geringsten Berühren, ja nur einem Atemzug, gerät das feine Gestänge, geraten die Fäden, an denen wir unten zappelnd hängen (was wir nicht wissen, wir glauben ja, dass wir das Rad drehen), in Bewegung, und man weiß nie, wo sie wieder zur Ruhe kommen, die Fäden. Da sind so viele Parameter, dass man sie im Grunde nicht fassen kann. Ich sehe überall nur Fehler, weil sich nichts von diesen Parametern festmachen und bestimmen lässt. Die einen glauben an Keynes, die andren an Hayek, die dritten an jemand anderen, manche schon wieder an Karl Marx. Die Menschen sind mit der Verwaltung ihres mühsam verdienten Geldes total überfordert, die Banken sind es inzwischen auch, es ist ein riesiges Chaos. Man kann sein finanzielles Schicksal in die Hände von niemand mehr legen. Keiner kennt sich mehr aus, und das Wissen, das man dafür erwerben kann, gibt es nicht, es gibt eben unendlich viele Wissen über das Geld, das ja nur ein bedrucktes Stück Papier ist, vorgesehen zum symbolischen Tausch, der plötzlich zum realen wird: Geld oder Leben! Und diejenigen, die gar nichts haben, entwickeln plötzlich neue Wege der längst überwundenen Tauschwirtschaft, und das ist dann kein symbolischer Tausch mehr, das ist ihr Leben, und ein anderes haben sie nicht."

Elfriede Jelinek

Anschreiben gegen den Kapitalismus

Das Verhältnis ihrer Texte zur Wirklichkeit sei ein kontinuierliches aber undurchschaubares, äußerte Elfriede Jelinek in einem Interview. Die Wirklichkeit sei ein Tier, das immer neben dem Geschriebenen her laufe, es beißen oder sich von ihm streicheln lassen könne. Was davon eintritt, ist nicht planbar. Mit Die Kontrakte des Kaufmanns von 2009 lässt sich die Autorin besonders intensiv auf dieses Verhältnis ein, indem sie das Stück zur Wirtschaftskrise fortschreibt. Noch 2009 entsteht Schlechte Nachrede: Und jetzt? als Epilog zu Die Kontrakte des Kaufmanns. Das dreiaktige Stück Aber sicher! aus dem gleichen Jahr ist eine Fortsetzung. Schließlich bezeichnet Jelinek 2014 den bislang nicht aufgeführten Text Warnung an Griechenland vor der Freiheitals Zusatz zu Die Kontrakte des Kaufmanns. In all diesen Texten zur ökonomischen Krise, die Jelinek im Hörspielprojekt unter dem Titel Wirtschaftskomödiezusammenfasst, manifestiert sich ihr system- und sprachkritisches Anschreiben gegen den Kapitalismus. Die Stücke enthüllen die Krise einer Gesellschaft, die sich in ein System von Gier, Geld und Schuld verstrickt hat und dies nicht sehen will.

"Das besondere an der Arbeit mit Texten von Elfriede Jelinek ist, dass man immer gezwungen wird, eine gesellschaftliche und politische Haltung einzunehmen. Da wo ihre Texte sich vermeintlich entziehen, entsteht eine Art Unterdruck, der uns in die Themen hineinzieht. Man möchte die Autorin dort ermahnen (zur Sachlichkeit, zur Konkretion…) oder korrigieren (Ja, aber…), um dann erst zu bemerken, dass man längst Bestandteil ihres Spiels geworden ist: das Autorin, Vermittler (Regie und SchauspielerInnen) sowie den/die RezipientIn in einen engen Diskurs zwingt. Elfriede Jelinek gelingt es, uns ohne wohlmeinende Didaktik und ohne erhobenen Zeigefinger unsere Gegenwart vorzuführen. Und das ist die hohe (und auch niedere) Kunst – etwas von dem wir glauben es zu kennen, weil es uns ständig in Nachrichten und Meldungen begegnet, so zu entrücken, dass wir – endlich wirklich – darüber nachdenken können."

Leonhard Koppelmann

Entlarvung der Mechanismen

Ausgangspunkt von Die Kontrakte des Kaufmanns bilden die Skandale um die österreichische Meinl Bank und die österreichische Gewerkschaftsbank BAWAG. 2007 verlieren Kleinanleger durch fragwürdige Finanzgeschäfte dieser Banken einen großen Teil ihres Vermögens. So konkret diese Vorgänge in Jelineks Stück hinein spielen, wie etwa auch der Fall eines österreichischen Familienvaters, der wegen seiner massiven Verschuldung fünf Familienmitglieder erschlug, so chiffriert und überformt werden sie zugleich im literarischen und sprachlichen Verfahren der Autorin. Wirtschaftskomödie entlarvt die Mechanismen der Gier, der Gewinnorientierung und der Verblendung, in die sich Kleinanleger genauso verstricken wie Banker. Das Stück verdeutlicht den virtuellen Charakter des Marktes, in dem Wertschöpfung und der Ursprung von Reichtum oder Produktivität von Arbeit relativ werden und das Sprechen darüber hohl. Zudem vermittelt sich die quasireligiöse Aufladung ökonomischer Zusammenhänge, die nicht mehr hinterfragt, geschweige denn durchdrungen werden. Dabei erweisen sich die für Jelineks Schreiben typischen Sprachspiele als wiederholende Praxis dessen, was in der Wirtschaft passiert, nämlich als Schöpfungsakte aus dem Nichts:

"Nur die Sprache, das verlogenste und gleichzeitig unbestechlichste Mittel im menschlichen Zahlungsverkehr (und sie kostet nichts! Wir alle haben sie!) kann das irgendwie fassen und darstellen, weil sie diese Differenz zwischen Wirklichkeit und Wirklichkeit überspringen kann, also letztlich das Nichts, denn wir sind alle Spielmaterial, Jetons, die aber niemand einwechseln will. Auch die Autorin fällt jedes Mal wieder auf sie rein, sie hat einen Vertrag mit der Sprache abgeschlossen, weiß aber nicht mehr, was sie da überhaupt unterschrieben hat."

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek: Wirtschaftskomödie

  • Die Kontrakte des Kaufmanns (1)
  • Die Kontrakte des Kaufmanns (2)
  • Die Kontrakte des Kaufmanns (3)
  • Die Kontrakte des Kaufmanns (4) - Schlechte Nachrede: Und Jetzt?
  • Aber sicher! (Eine Fortsetzung)
  • Aber sicher! 2. Akt (für Rosa Luxemburg) / Aber sicher! Nachtrag / Warnung an Griechenland vor der Freiheit

Mit Martin Bross, Robert Dölle, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Nico Holonics, Bernd Kuschmann, Hans Kremer, Jonas Minthe, Wolfgang Pregler, Wiebke Puls, Johannes Silberschneider, Götz Schulte, Michael Tregor

Regie: Leonhard Koppelmann
BR/DKultur 2015

Elfriede Jelinek, geb. 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark. Aufgewachsen in Wien. Lyrik, Prosa, Theatertexte, Libretti, Drehbücher, Hörspiele. Ab 1960, bereits während der Schulzeit, Studium von Klavier, Orgel, Blockflöte, später der Komposition am Wiener Konservatorium. 1964 Beginn des Studiums der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Ab 1967 erste Gedichte und Veröffentlichungen. Abbruch des Studiums, 1968 für ein Jahr Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben. 1969 Tod des Vaters nach langer psychischer Erkrankung. 1971 Orgelabschlussprüfung mit „sehr gutem Erfolg“. 1972 Aufenthalt in Berlin, 1973 Aufenthalt in Rom. Seit 1974 verheiratet mit Gottfried Hüngsberg. 1995, nach heftiger Kritik und Skandalisierung ihrer Stücke und Romane, Rückzug aus der österreichischen Öffentlichkeit und Erlass eines Aufführungsverbotes der Stücke, das sie 1998 aufhebt. 2004 Nobelpreis für Literatur.

Lyrik und Prosa u.a.: wir sind lockvögel baby! (1970), Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft (1972), Die Liebhaberinnen (1975), Die Bienenkönige (1978), Die endlose Unschuldigkeit. Prosa. Hörspiel. Essay (1978), bukolit. hörroman (1979), Die Ausgesperrten (1980), ende. gedichte 1966-1968 (1980), Die Klavierspielerin (1983), Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr (1985), Lust(1989), Die Kinder der Toten (1995), Gier. Ein Unterhaltungsroman (2000), Neid. Privatroman (2007/2008).

Theatertexte u.a.: Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft (1979), Clara S. musikalische Tragödie (1981), Burgtheater. Posse mit Gesang (1982), Krankheit oder Moderne Frauen (1984), Präsident Abendwind. Ein Dramolett (1987), Wolken.Heim. (1988), Totenauberg. Ein Stück (1991), Raststätte oder Sie machens alle (1994), Stecken, Stab und Stangl. Eine Handarbeit (1995), Ein Sportstück (1998), er nicht als er (zu, mit Robert Walser) (1998), Das Schweigen (2000), Ich liebe Österreich (2000), Das Lebewohl(2000), Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes (2001), In den Alpen (2002), Der Tod und das Mädchen I–V. Prinzessinnendramen (2003), Das Werk (2002), Bambiland (2003), Babel (2005), Ulrike Maria Stuart (2006), Über Tiere (2007), Rechnitz (Der Würgeengel) (2008), Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie (2009), Das Werk/Im Bus/Ein Sturz (2010), Winterreise (2011), Kein Licht. (2011), Die Straße. Die Stadt. Der Überfall (2013), Die Schutzbefohlenen (2014), Das Schweigende Mädchen (2014).

Hörspiele u.a. Wien West (NDR/WDR 1972), Die Bienenkönige. ein science-fiction hörspiel (SDR/RIAS 1976), Porträt einer verfilmten Landschaft (SDR 1977), Jelka. Eine Familienserie (Folge 9-16) (SWF 1977); Die Jubilarin (BR 1977); Die Ausgesperrten (SDR/BR/RB 1978, SDR 1990), Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft (SDR 1979), Frauenliebe – Männerleben (SWF/HR 1982), Die Klavierspielerin(SWF 1988); Burgteatta (BR/ORF 1991), Präsident Abendwind (BR 1992); Wolken.Heim (HR/RB/SFB 1992), Stecken! Stab! und Stangl! – Eine Leichenrede(ORF/BR/NDR 1996), Todesraten. Hörstück nach zwei Monologen von Elfriede Jelinek (BR 1997, Hörspiel des Monats Juni 1997), er nicht als er (BR 1998); Der Tod und das Mädchen II (SBST/ZKM 2000), Das Schweigen – Vox Feminarum(ORF 2003), Jackie (BR 2004, Hörspielpreis der Kriegsblinden 2004), Moosbrugger will nichts von sich wissen (BR 2004), Bambiland(BR 2005), Erlkönigin (WDR 2005), Sportchor (BR 2006), Ulrike Maria Stuart (BR 2007), Bukolit (BR 2009), Über Tiere (Burgtheater Wien/ORF 2009), Rechnitz (BR 2011), Neid(BR 2012), Kein Licht. (BR 2012), Die Straße. Die Stadt. Der Überfall (BR 2013), Die Schutzbefohlenen (BR 2014).


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