Bayern 2 - Zum Sonntag


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Alles machbar? Das Leben ist zu kompliziert für Algorithmen

Alles machbar? Von wegen. Auch wenn der Typ des "Machers" gerade Hochkonjunktur hat, die simple Machbarkeit der Dinge entpuppt sich am Ende immer als Illusion, meint Elfriede Schießleder, das hat "WannaCry" einmal mehr bewiesen.

Von: Elfriede Schießleder

Stand: 19.05.2017

Kandidaten | Bild: BR/Weede, Friederike

War das eine Aufregung um Wanna Cry, den Computervirus, der vergangene Woche umging. Erst legte er große Teile des Gesundheitssystems in Großbritannien lahm, dann nahezu alle Anzeigentafeln der Deutschen Bahn. Lösegeldforderungen für das reibungslose Funktionieren der Computer - das beweist, wie abhängig wir inzwischen von dieser Technik geworden sind. Ein paar Clicks gewiefter Computerfreaks – schon zeigt sich die Schattenseite der digitalen Vernetzung, weltweit. Willkommen jenseits der schönen neuen Welt, die wir mit unserem technischen Fortschritt so gerne feiern.

Zur Autorin:

Elfriede Schießleder ist Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes

Was pflegt man nicht alles an Zukunftsvisionen, und vielerorts sind sie auch schon Wirklichkeit geworden: Das papierlose Büro, die Schule ohne Bücher, komplizierte Operationen werden computergestützt einfacher und – natürlich – ein länderübergreifender Datenabgleich erleichtert auch den Kampf gegen die globale Kriminalität. In Vielem erweist sich die digitale Revolution  tatsächlich als Segen.

Wer von uns möchte heute noch auf die schnelle Information aus dem Netz verzichten? Die mobile Erreichbarkeit ist in höchstem Maße angenehm, mit ihr lässt sich sogar  noch im Urlaub arbeiten als wäre man im Büro. In diesem dichten Netz aus Informations- und Kommunikationsplattformen scheint alles machbar. Alles geht sofort, zu jeder Zeit und überall. Kein lästiges Nachfragen bei uninteressierten Personen, kein Ansprechen fremder Leute, ich kann alles, und zwar selber und unmittelbar. Zumindest bis zum nächsten Virus oder Trojaner oder einem sonstigen Datenleck.

Schöne neue Welt, in der ich alles kann

Doch mit dem Knacken selbst neuester Sicherheitssysteme weichen all die schönen Zukunftsträume meiner ganz menschlichen Skepsis. Wie sollte auch ein Programm besser sein als seine Programmierer? Ein Werkzeug bleibt stets nur ein Werkzeug. Und die Welt ist immer noch viel zu komplex, als dass sie sich vollständig auf einen Algorithmus aus Einsen und Nullen reduzieren ließe.

Lasst uns als Menschen doch wieder unser natürliches Maß erkennen! Wagen wir mehr den ehrlichen Blick auf die bunten, divergierenden und überraschenden Wendungen, mit denen diese buckelige Welt und all ihre Menschen uns immer wieder staunen lassen.

Hand aufs Herz: Was ist denn tatsächlich machbar? Durch einen einzelnen Menschen? Die Illusion, nur ich, ich allein, mein Handeln und mein Wille bestimmen das Leben – entstammt sie nicht im Grunde dem uralten Sehnen, wie Gott sein zu wollen? Als neue Art des Turmbaus zu Babel.

101100011001111 - und wo bleiben die Zwischentöne?

Tatsächlich ist man im Moment vielfach in dieser Weise unterwegs, weltweit und in nationalen Tagträumen, auch  des politischen Geschäfts: Die Suche nach jemandem Neuen, der hart durchgreift, in einfachen Worten spricht, entschlossen handelt und knallhart ist statt abzuwägen oder lange zu verhandeln hat Konjunktur. Ein Macher soll her. Jemand, der verlorenen Stolz zurückbringt, der Tabus bricht, frei nach dem Motto: Viel‘ Feind‘, viel Ehr. Und das Volk jubelt.

Ein Denken in Nullen und Einsen, ohne Zwischentöne, ohne Kompromisse. Wohin das führt,  sieht man in der Türkei: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich – bis zur Diskussion um die Wiedereinführung der Todesstrafe: Alles ist machbar!

Todesstrafe, Grenzmauern, alternative Fakten - alles machbar!?

Nicht anders die Lage in den USA: Fakten werden zurechtgebogen und unters Volk gebracht. Wirtschaft, Mauerbau, Geheimdienste – alles Chefsache, und ganz einfach.

Doch der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Weder das weltweite Netz noch politische Systeme haben ewig Bestand. Gerade erleben wir, wie nach einer ersten Schreckstarre die vorgebliche Einfachheit zerfällt. Auf lange Sicht lassen Menschen sich das Denken nicht verbieten. Des Menschen Wissensdurst zwang ihn schon aus dem Paradies. Und lässt ihn seither den Weg dorthin zurück stets von Neuem suchen. Egal, welchen Machbarkeitsphantasien er unterwegs auch erliegt.


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