Bayern 2 - Notizbuch


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Zwirbeldirn in Saudi-Arabien "Wir sind dabei, und die Angst verfliegt"

Soll man als Band in einem Land auftreten, das die Menschenrechte nicht achtet? Die bayerische Heimatsound-Gruppe Zwirbeldirn hat lange überlegt und dann die Einladung zum Janadriyah-Festival in Saudi-Arabien angenommen. BR-Reporterin Christine Auerbach hat die Band auf ihrer Reise exklusiv begleitet.

Von: Christine Auerbach

Stand: 23.02.2016

Wie umgehen mit einem Land, in dem Frauen wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden und in dem bei Kritik an Regierung und Religion im schlimmsten Fall die Todesstrafe droht? Der Band Zwirbeldirn war klar, dass ihr Auftritt in Saudi Arabien kein leichter Auftritt wird. Aber die Heimatsound-Gruppe, die aus drei Geigerinnen und einem Bassisten besteht, sah darin eben auch eine Möglichkeit herauszufinden, wie weit Musik es schafft, Grenzen zu überwinden.

Vor dem Abflug

Deutschland als Gastland auf dem Janadriyah-Festival: Verschleierte Frauen vor mittelalterlicher Kulisse.

Was ziehen wir da eigentlich an? So klein sich diese Frage anhört, so wichtig ist sie am Abend vor dem Abflug. Denn die Ansage ist: Zwirbeldirn werden auf der Bühne in ihren normalen Kleidern auftreten können - aber sie müssen hochgeschlossen sein, und nicht zu figurbetont. Die Aufregung steigt. Was wird sie die nächsten Tage erwarten? Werden sie wirklich spielen können oder wird die Nationalgarde, die das Festival organisiert, am Ende doch noch absagen? Das Goethe-Institut hat die drei Geigerinnen und ihren Bassisten zwar eingeladen, aber auch dort sagt man: Es wird ein Versuch.

Anreise

Ab dem Flughafen in Riad heißt es für uns Frauen: Abaya anlegen. Ein Kopftuch brauchen wir als Ausländerinnen nicht, aber der schwarze Umhang ist auch für uns Pflicht. Wir verwandeln uns in eine Mischung aus Fledermaus, Richter und arabische Frau. Dann klettern wir in einen dicken SUV - den Fahrservice des Hotels. Wir sind nicht die einzigen: Ganz Saudi Arabien scheint SUV zu fahren. Erster Eindruck aus dem Fenster: Breite Highways, Wüste, sandfarbene Häuser und dazwischen Hochhaustürme.

Beim Dönerkauf am Abend dann das zweite Ankommen in der saudischen Realität mit der strengen Teilung der Geschlechter: Im Kebap-Imbiss ums Eck ist man sehr freundlich zu uns. Packt dann aber unseren Humus, Fladenbrot, Pommes und Kebap fein säuberlich in Tüten ein - wir müssen im Hotel essen, denn der Imbiss hat zwar einige Tische, aber keine abgetrennte Family Section. Und nur in diesen abgetrennten Bereichen sind Frauen zugelassen. Sonst heißt es: nur Männer. Wenn der Imbissbesitzer uns trotzdem im Laden essen lässt, riskiert er eine dicke Geldstrafe, wenn die Religionspolizei vorbei kommt. Wir laufen also ins Hotel zurück und essen Kebap im Zimmer. Wenigstens bleiben so nicht dauernd die weiten Abaya-Ärmel im Humus kleben…

Das erste Konzert

Am Donnerstagabend gibt es das erste Konzert "light": Zwirbeldirn spielen in der deutschen Botschaft. Vor Ort sind Deutsche, andere Westler und ein paar Saudis. Zwirbeldirn treten auf wie immer: ohne Abaya, ohne Kopftuch, normales Repertoire - und als über das Botschaftsgelände "nur a Bier, nur a Bier, nur a Bier wui i ham" schallt, müssen sich die deutschsprachigen Gäste schon sehr das Lachen verkneifen. Danach wird getanzt.

Noch im normalen Outfit: Zwirbeldirn spielen auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Riad.

An dem Abend wird aber auch wieder einmal mehr klar, was für ein Statement es sein wird, wenn die Band morgen auf dem Festival spielt. Frauen, die zusammen mit einem Mann auf einer öffentlichen Bühne Musik machen und singen, gibt es in Saudi Arabien nämlich nicht. Natürlich kennen auch die Saudis über Internet und Fernsehen Frauen, die singen - aber eben nur auf Bildschirmen. Live und in echt gibt es das nicht. Und auch vieles andere nicht: Wir treffen zum Beispiel Lujain, die zweieinhalb Monate Gefängnis hinter sich hat. Warum? Sie ist Auto gefahren. Auch das ist für Frauen in Saudi Arabien nämlich verboten. Sie hat es trotzdem gemacht - und die Strafe kassiert. Auf die Frage, wie ihre Zeit im Gefängnis war, sagt sie: "Excellent". Nie hätte sie sonst so viele Frauen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten kennen gelernt. Ihr Vater hat ihre Autofahr-Aktion gefilmt, er steht hinter seiner Tochter. Ihr Mann, ein Comedian, hat einen Musikclip dazu gedreht: "No women no drive" auf die Melodie von "No women no cry". Über die Aktion wurde weltweit berichtet. Lujain beeindruck uns. Klar, sie kommt aus einer recht hohen Gesellschaftsschicht, kann sich das Dagegen-Sein also irgendwie auch leisten. Aber trotzdem: 2,5 Monate Gefängnis dafür, dass sie über einen Saudischen Highway fährt - das muss man erstmal aushalten. Und trotzdem will sie weiter für ihre Rechte kämpfen.

"Was wir hier machen, erscheint von Bayern aus gesehen natürlich ganz normal - aber es ist hier etwas sehr, sehr Besonderes. Wir sind auch die einzigen Frauen, die vom Goethe Institut zum Festival eingeladen worden sind. Wir sind so etwas wie ein Experiment, und wir probieren das jetzt."

Evi Keglmaier, Geigerin bei Zwirbeldirn

Das Festival

Mischung aus Messe, Folkloremarkt und Bauernhofmuseum: Das Janadriyah-Festival in Saudi-Arabien.

In einem Land, in dem es so gut wie kein öffentliches Leben gibt, ist ein Festival, das im Laufe von drei Wochen eine Million Leute besuchen, eine Besonderheit. Das Janadriyah-Festival ist eine Mischung aus Messe, Folkloremarkt und Bauernhofmuseum. Hauptsächlich stellen sich dort die einzelnen Regionen Saudi Arabiens vor, aber auf einem Platz werden tatsächlich auch Panzer ausgestellt. Saudi Arabien in all seinen Facetten…

Dieses Jahr ist Deutschland Gastland des Festivals. Der deutsche Pavillon liegt in der Mitte des Areals, die Außenbühne ist riesig. Am Nachmittag ist Soundcheck für die Band. Es ist klar, dass sich Zwirbeldirn das Publikum heranspielen müssen - es ist aber auch klar, dass das kein Problem sein wird: Schon beim Soundcheck bleiben viele Leute stehen, zücken ihre Handys und klatschen.

Wer nicht klatscht, ist die Nationalgarde: Sie will nicht, dass Zwirbeldirn singen. Geige und Musik ist okay, Gesang nein. Das ist erst einmal ein Schock, denn die Musik ohne Gesang ist zwar immer noch gut, aber eben nur halb so gut. Nach kurzer Diskussion willigt die Band ein. Dafür ist aber klar: Sie werden die Abaya nicht anziehen. Wenigstens das nicht.

Die Stunden bis zum echten Auftritt sind ganz schön nervenaufreibend. Wird das Konzert doch noch abgesagt? Wie wird die Band ankommen? Sollen sie nicht doch etwas singen?

Das große Konzert

Züchtig gekleidet und stumm: Zwirbeldirn auf der großen Bühne des Janadriyah-Festivals.

20:30 Uhr: Es geht los. Der Botschafter kündigt Zwirbeldirn an. Die Band geht auf die Bühne. Die ersten Akkorde erklingen. Und dann passiert das, was nach all dem Hin und Her irgendwie keiner mehr erwartet hat. Das Publikum macht genau das, was ein Publikum eben macht: Es klatscht mit. Es wippen die Abayas und die Kopfbedeckungen der Herren. Smartphones blinken, Videos werden gemacht und gepostet. "What do you like most?", frage ich die Frauen im Publikum. "Everything" sagen sie. Ob sie selbst auch Musik machen, zu Hause? Verständnislose Gesichter: Nein. Das geht nicht. Aber zwei Mädchen würden gerne Klavier lernen. Eine andere Gitarre. Und ob ich ihnen die Band nach dem Konzert herholen kann, sie würden gerne ein Foto mit ihnen machen.

"Ich fand's gut, dass wir dieses Bild abgegeben haben und dass wir live auf dem Festival gespielt haben - nicht im Fernsehen, nicht im Internet, sondern in der Realität. Das ist noch mal ein Unterschied. Wir mussten dazu nicht auf der Bühne stehen und 'Free Women' schreien. Sondern es hat genügt, dass wir einfach da waren und gespielt haben. Ohne Hierarchie aufzubauen, ohne Zeigefinger - 'wir sagen euch, wie es sein soll'. Wir haben einfach gespielt, sie haben zu geschaut. Wir sind dabei, sie sind dabei und die Angst verfliegt."

Maria Hafner, Geigerin von Zwirbeldirn


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