Bayern 2 - Notizbuch


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Verdingkinder in der Schweiz Vom langen Weg zur Wiedergutmachung

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Schweiz: Die so genannten "Verdingkinder". Waisen und Kinder, unehelich geboren, mit minderjährigen, straffälligen oder kranken Eltern, erlitten bis 1981 ein meist lebenslanges Martyrium.

Von: Leslie Rowe

Stand: 16.05.2017

Die Verdingkinder kamen privat unter oder in Heimen, oft unter kirchlicher Schirmherrschaft; bis 1981 wurden sie als billige oder kostenlose Arbeitskräfte "verdingt", meist in der Landwirtschaft. Die schwerste Arbeit, die sie dort als Dienstmägde oder Verdingbuben verrichten mussten, ging oft einher mit Ausbeutung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Die Kinder wurden als "unrecht" und "liederlich" angesehen und waren damit Menschen zweiter Klasse, ohne Rechte und Rückhalt in der Gesellschaft.

Zwangssterilisation und Medikamententests

Körperliche Züchtigung war auch in den Heimen an der Tagesordnung.

Auch Zwangssterilisation und Medikamententests wurden an den Kindern durchgeführt. Erst 2016 konnte die Wiedergutmachungsinitiative des ehemaligen Heimkinds Guido Fluri durchsetzen, dass die bis zu 60.000 noch lebenden Opfer ab 2018 entschädigt und das Thema historisch aufgearbeitet wird.

Relikt aus dem 19. Jahrhundert, wirksam bis 1981

Das Verdingwesen stammt aus alten Zeiten, als die Schweiz in weiten Teilen ein sehr armes Land ist und Kinder das Kapital der Bauern. Im 19. Jahrhundert werden sogar bereits Säuglinge als künftige Arbeiter in Inseraten angeboten, ältere Kinder auf Märkten versteigert, Kinder aus armen Familien als billige Hilfskräfte an Bauern verdingt. Ein Verdingkind zu sein heißt, ohne Eltern aufzuwachsen, harte körperliche Arbeit leisten zu müssen - und das völlig legal bis 1981 in der Schweiz.

Arthur Honegger schafft Öffentlichkeit

Arthur Honegger schreibt eines der ersten Bücher als Betroffener zum Thema Verdingkinder in der Schweiz.

Arthur Honegger ist mit 93 Jahren einer der ältesten noch lebenden Betroffenen. Seine Mutter war minderjährig und damit in den Augen der damaligen Gesellschaft eine Hure. Als uneheliches Kind aus "liederlichen Verhältnissen" wird er seiner Mutter weggenommen und zum Verdingkind gemacht.

Arthur Honegger erlebt körperliche Gewalt und Missbrauch. Zunächst bei einer Pflegefamilie, später in verschiedenen Heimen und einer Besserungsanstalt, dann als Knecht bei einem Bauern. Dort verhungert er fast, weil er nur das bekommt, was auch fürs Vieh abfällt. In den Siebzigern schreibt er seine Biographie "Die Fertigmacher" und damit eines der ersten Bücher zu dem Thema Verdingkinder in der Schweiz.

Walter Emmisberger ist Opfer von Medikamententests

Walter Emmisberger litt als Kind unter den Nebenwirkungen der Medikamententests, die an ihm durchgeführt wurden. Er hat heute noch Schäden davon.

Auch Walter Emmisberger kommt als uneheliches Kind zur Welt und damit ist sein Schicksal als Verdingkind besiegelt. Auch er kommt in ein Heim, in eine Pflegefamilie, in ein evangelisches Pfarrhaus, zu einem Bauern. Und erlebt Misshandlung, Missbrauch, Züchtigung. Außerdem bringt ihn der Pfarrer, bei dem er zeitweise untergebracht ist, regelmäßig in eine psychiatrische Klinik, wo er an Medikamentenstudien der Firma Ciba-Geigy, heute Novartis, teilnehmen muss.

Ihn haben die Tests körperlich und seelisch zerstört. Walter Emmisberger bleibt sein Leben lang psychisch und körperlich geschädigt, er wird arbeitsunfähig. Eine Entschädigung hat er nie bekommen. Selbst die Rente, die ihm als Heim- und Verdingkind zugestanden hätte, wird ihm von den Behörden nie ausgezahlt.

Wiedergutmachung für viele zu spät

Erst mit der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention finden die Missstände in den frühen Achtzigern ihr Ende. Ab 2018 soll jedes Opfer 25.000 Euro aus einem staatlichen Fond für Wiedergutmachung erhalten. Für die meisten Opfer kommt diese Wiedergutmachung zu spät. In Mümliswil steht heute die erste nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder in der Schweiz.


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