Bayern 2 - Notizbuch


6

Leichte Sprache Eine Chance nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Schwere Sprache ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten wie eine Treppe für einen Rollstuhlfahrer: Sie verhindert, dass Menschen Zugang zu Informationen bekommen. In Deutschland gibt es etwa 400.000 Menschen mit Lernschwierigkeiten. Daher hat die UNO in ihrer Konvention für Menschen mit Behinderung festgelegt, dass Behörden Texte auch in Leichter Sprache anbieten müssen.

Von: Eva Völker

Stand: 13.01.2016

Büro für leichte Sprache sitzt in der Hochschule Osnabrück | Bild: picture-alliance/dpa

So ist in amtlichen Schreiben schon mal von "wirtschaftlicher Dauerleistung" die Rede. Dabei könnte man einfach "Rente" sagen. Statt des sperrigen Begriffs "Rechtsmittelbelehrung" könnte man schreiben: "Das sind Ihre Rechte".

"Ein Mensch mit Einschränkungen hat das gleiche Recht wie wir, seine Texte, Bedienungsanleitungen, seine Steuererklärung zu verstehen. Daher sollten sie in Leichter Sprache zur Verfügung stehen."

Stefanie Stöckl, Capito Nordbayern

Es gibt Profis, die schwere Sprache in leichte übersetzen. Dabei sind bestimmte Regeln zu beachten: Kurze Sätze, Subjekt, Prädikat, Objekt, keine Fremdwörter, kein Genitiv. Das sind die wesentlichen Merkmale der Leichten Sprache.

"Die wichtigste Regel ist vielleicht, dass ich immer nur eine Information in einen Satz packe. Das heißt, wenn ich lange komplizierte Schachtelsätze habe, nehme ich sie auseinander, mache vier oder fünf Sätze draus. Aber der Inhalt des Gesagten bleibt derselbe."

Anne Leichtfuß, Übersetzerin für Leichte Sprache

In Schweden griff die Nationale Bildungsbehörde das Konzept bereits 1968 auf. In Deutschland wurde die Leichte Sprache zunächst von Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt, die sich im Netzwerk Leichte Sprache zusammengeschlossen haben. Nachdem die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 in Deutschland in Kraft getreten war, erlangte das Thema im Lauf der Jahre mehr und mehr Beachtung. Die Konvention fordert nicht nur einen leichteren Zugang zu öffentlichen Gebäuden für Rollstuhlfahrer, sondern auch einen besseren Zugang zu Informationen für Menschen mit Lernbehinderung.
Dies umzusetzen, ist auch das Ziel von Capito, einem Unternehmen, das Texte in Leichter Sprache verfasst.

"Wir möchten mit Hilfe von Texten in Leichter Sprache den Menschen Zugang zu Informationen ermöglichen, das heißt, wir wollen sie in die Lage versetzen, sich die Informationen selbst zu holen, nicht mit Hilfe von anderen."

Stefanie Stöckl, Capito Nordbayern

Prüfer vom Berufsbildungswerk Rummelsberg testen einen Text in Leichter Sprache.

Zunächst wird ein Text in Leichte Sprache übersetzt. Ehe er an die Kunden geht, prüfen mindestens drei Menschen mit Lernschwierigkeiten, ob er auch wirklich verständlich ist. Erst dann erhält der Text das Prüfsiegel von Capito. “LL“ für Leicht zu Lesen. Einen einheitlichen Standard für Leichte Sprache gibt es bislang aber nicht. Das am weitesten verbreitete ist das europäische Easy to Read Siegel mit Smiley und hoch gerecktem Daumen. Ebenso wenig gibt es einheitliche Vorschriften, welche Texte Behörden in Leichter Sprache zur Verfügung stellen müssen. Lediglich für Bundesbehörden besteht die Pflicht, die wesentlichen Punkte ihres Internetauftritts in Leichter Sprache zu veröffentlichen. Das forderte die "Barrierefreie Informationstechnikverordnung" von 2011. Zur Zeit sind es meistens Informations- oder Gebrauchstexte, die in die leichte Sprache übersetzt und dann überprüft werden. Es gibt auch Fußballregeln, Bibelgeschichten und Nachrichten in Leichter Sprache. Literarisches gibt es dagegen bislang kaum.

"Für die Jugendlichen auch Krimis und Fantasy. Es wäre schön, wenn es das auch in Leichter Sprache gäbe."

Monique, Prüferin für Texte in Leichter Sprache

Zur Zeit gibt es nur einen Verlag, der Bücher zwar nicht in Leichter, aber in Einfacher Sprache herausbringt. Einfache Sprache folgt keinem festen Regelwerk und ist etwas komplizierter als Leichte Sprache. Der Verlag heißt "Spaß am Lesen". Er hat sowohl Klassiker im Programm wie Shakespeares "Romeo und Julia", als auch Bestseller wie das Roadmovie "Tschick" von Wolfgang Herrndorf.

Die Zielgruppe für Leichte Sprache ist groß

Neben den rund 400.000 Menschen mit Lernschwierigkeiten in Deutschland profitieren auch andere Gruppen von der Leichten Sprache. Fast siebeneinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten, können also kaum lesen und schreiben. Das ist das Ergebnis der Level-One-Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011. Hinzu kommen 13 Millionen Menschen, die zwar nicht als funktionale Analphabeten gelten, aber nur sehr fehlerhaft schreiben können. Insgesamt stellt die Leichte Sprache also für gut 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine angemessene Form dar, so das Ergebnis der Studie.


6