Bayern 2 - Notizbuch


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Kölner Übergriffe auf Frauen Sexualisierte Gewalt als "Alltagstatbestand"

Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht haben die Debatte über die Integration von Flüchtlingen in Deutschland verschärft. Wie kann man nun offen und ruhig über Rassismus und sexualisierte Gewalt in Deutschland sprechen, ohne das Thema Frauenrechte für eine fremdenfeindliche Debatte zu instrumentalisieren? Prof. Dr. Sabine Hess, Kulturanthropologin an der Georg-August-Universität Göttingen und Direktorin des Zentrums für Geschlechterforschung, im Gespräch mit Notizbuch-Moderator Oliver Buschek.

Stand: 12.01.2016

Silvesternacht in Köln | Bild: Bayerischer Rundfunk

Buschek: Was ist in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof passiert? Die Taten sind immer noch weit von einer Aufklärung entfernt, aber auch nur über das zu sprechen, was man bisher weiß, ist eine echte Herausforderung. Soll man etwa sagen, dass Hunderte von Männern Frauen belästigt, genötigt und zum Teil vergewaltigt haben? „Hunderte von Männern“, bei dieser Formulierung ist der Fokus dann vor allem auf sexueller Gewalt; oder soll man doch erwähnen, dass die Taten mutmaßlich von Migranten begangen wurden, zum Teil wohl sogar von Flüchtlingen? Wer die Herkunft von Tätern wichtig findet, der will damit vielleicht in erster Linie die deutsche Integrations- und Flüchtlingspolitik in Frage stellen. Eine diffizile Angelegenheit also. Frau Prof. Hess, wie beschreiben Sie denn die Vorfälle von Köln?

Hess: Ich glaube, sie lassen sich nicht anders beschreiben, als dass hier Männer unterschiedliche Maße von sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen getätigt haben, wobei es ja richtig ist, dass bis heute noch sehr viel im Dunklen liegt, dass ganz viel an Begrifflichkeiten durcheinandergeht und angesichts der Flüchtlingsdebatte das letzte halbe Jahr irritierend ganz schnell von Flüchtlingen gesprochen wurde. Dabei ist Flüchtlingsein ja kein biologischer Zustand, sondern erstmal eine politische Kategorie, die verschiedene Menschen nutzen, um einen Aufenthalt in Deutschland zu haben.

Buschek: Wenn Sie das eher in den Hintergrund stellen, geraten Sie wahrscheinlich ganz schnell in den Verdacht, ein „Gutmensch“ zu sein, der beschönigt, welche Probleme die Flüchtlingskrise bringt und Sie den Menschen da draußen nicht die Wahrheit sagen wollen. Das ist zumindest der Tenor, der sich in sozialen Netzwerken ablesen lässt, wenn die Herkunft der Täter eher nicht so betont wird.

Hess: Jetzt müssen wir erstmal fragen, welche Netzwerke und welche Menschen? Ich bin in Netzwerken und in sozialen Medien in Bezug auf genderbezogene Aktivitäten und wir sprechen seit Anfang an über diese Ereignisse. Daher ist diese Unterstellung, dass etwas totgeschwiegen würde, totaler Humbug. Aber es geht darum, sexualisierte Gewalt nicht zu ethnisieren, weil sexualisierte Gewalt nicht in den Genen steckt und auch nicht in den Kulturen im Sinne von tradierten Überlieferungen, sondern sie ist eine soziale Tatsache, die vor allem auch die deutsche Gesellschaft bis heute massiv prägt. Der eigentliche Skandal ist, finde ich, dass genau dies immer wieder totgeschwiegen wird und dass erst solche massiven Übergriffe nötig sind und anscheinend auch noch dazu die Täterkonstellation, die auf Nichtdeutsche hinweist, dass es endlich wieder zu einem Skandal werden kann.

Buschek: Es ist ja nicht das erste Mal, dass die Themen Frauenrechte und Fremdenfeindlichkeit aufeinanderprallen, das ist ja schon eine Entwicklung, die sich seit langem beobachten lässt.

Hess: Was heißt Aufeinanderprallen? Wir konstatieren seit mindestens zehn Jahren beziehungsweise seit 15 Jahren, eigentlich mit dem steigenden, grassierenden antimuslimischen Rassismus, mit der steigenden, grassierenden Islamfeindlichkeit seit den Anschlägen vom 9. September 2001, dass zunehmend Geschlechterverhältnisse, zunehmend Fragen von Frauenrechten und Gewalt gegen Frauen instrumentalisiert werden und einen zentralen Platz einnehmen in Anti-Einwanderungsdebatten und in rassistischen Diskursen.

Buschek: Das Wort Rassismus fällt ja relativ schnell, vielleicht fällt es auch in Zusammenhängen, wo es noch gar nicht gerechtfertigt ist, wenn man darüber spricht, dass die Herkunft der Täter vielleicht doch in irgendeiner Form mit den Taten zu tun hat, dann kommt eben ganz schnell dieser Rassismusvorwurf. Würden Sie sagen, man darf Herkunft und Tat gar nicht miteinander in Verbindung bringen oder wo, würden Sie sagen, beginnt Rassismus?

Hess: Das Problem ist doch, dass wir hier nicht in einem luftleeren Raum diskutieren. Natürlich muss man, wenn es klar ist, über verschiedene soziale Gruppen sprechen, über verschiedene soziale Hintergründe, die natürlich auch, je nachdem, männliche Gewalt nicht verhindern, sondern womöglich sogar noch unterstützen oder fördern . So ist zum Beispiel die Situation in Flüchtlingslagern dramatisch, wo Menschen auf engstem Raum jedweder Privatsphäre beraubt werden, zwangsweise vergemeinschaftet werden, zum Nichtstun verurteilt sind. Wir müssen uns doch selber nur in solch eine Situation hineindenken und ich denke, wir werden alle nach drei, vier Wochen wahnsinnig, wenn wir unseren Rückzugsort nicht mehr haben. Aber wir muten es diesen Menschen zu, weil sie eben woanders herkommen, weil sie scheinbar hier als Schutzsuchende auch Bittsteller sein sollen und sich so zu verhalten haben. Aber, was heißt, der Rassismusvorwurf ist leicht oder wird jetzt gerade schnell gezogen. Das Problem in dieser deutschen Gesellschaft ist eigentlich, dass sie nur sehr kompliziert über Rassismus reden kann, dass Rassismus hierzulande ein Thema ist, dass sehr schwierig zu thematisieren ist und wir es in letzter Zeit geschafft haben, eben doch offener über Rassismus zu sprechen, der unsere Gesellschaft strukturiert und der uns allen, auch mir, im Sinne eines rassistischen Wissens zur Verfügung steht, um Unterscheidungen zu treffen. Wenn wir sofort, ohne genauere Kenntnisse über Täterprofile und Hergänge, sofort eine „fremdländische Herkunft“ und sogar gleich die Flüchtlingskarte ausspielen, dann hat das natürlich was mit Rassifizierung zu tun und mit dieser Unterscheidungspraxis, die mit Macht beladen ist und in unserer Gesellschaft hierarchische Verhältnisse immer wieder legitimiert.

Buschek: Wenn man sich die Debatte anschaut, wie ich sie in den sozialen Netzwerken beobachte, zum Beispiel in Kommentaren unter Artikeln von Zeitungen und anderen Onlineartikeln, dann ist das eine Debatte, die dermaßen ideologisch aufgeladen ist, dass da quasi „Rassisten“ gegen "Gutmenschen"  kämpfen ("Gutmensch", wohl bemerkt, ist Unwort des Jahres 2015), weil die einen die anderen jeweils so beschimpfen. Wie kriegt man denn da ein bisschen Ruhe und Versachlichung rein?

Hess:  Ich glaube, das fängt in den Schulen an. Unser ganzes Bildungssystem, unsere ganze Debattenkultur muss unaufgeregter dazu in der Lage sein, über Rassismus zu sprechen und Rassismus zu verstehen als ein mit der Kolonialisierung, mit verschiedenen deutschen Untaten einhergehendes, alle Schichten durchziehendes Machtverhältnis. Dann brauchen wir auch nicht so hysterisch zu werden, wenn wir mal sagen, das ist Rassismus, aber es muss angegangen werden. Darin sehe ich ein so großes Problem, dass es nötig ist, in der Schule sowohl Antigewalttraining zu machen und eine Pädagogik zu etablieren, die im Sinne von Gendergerechtigkeit hantiert. Es ist aber genauso eine antirassistische Pädagogik nötig. Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft, wir können es uns nicht mehr aussuchen, selbst wenn wir jetzt nach Obergrenze schreien und die Ereignisse in Köln ausnutzen, um wieder mal den Flüchtlingszustrom kappen zu wollen. Es liegt nicht in unserer Hand. Solange es Krieg und Vertreibung gibt, werden die Leute emigrieren, sie werden auch zu uns kommen. Das heißt, wir müssen uns mit dieser Tatsache auseinandersetzen. Das fängt in den Schulen an, in den Kindergärten, in den Universitäten, es hört in den Medien eben nicht auf. Und ich finde diese Medienschelte unglaublich, weil ich finde, dass sich endlich eine Sensibilität in vielen Medien durchgesetzt hat, dass es eine Reflektiertheit darüber gibt, wie über solche Ereignisse zu berichten ist, die am Schnittpunkt von Rassismus und Sexismus liegen.

Buschek: An diesem Schnittpunkt setzt auch eine Kampagne an, die jetzt neu gestartet ist. Junge Feministinnen haben sie ins Leben gerufen unter dem Hashtag  #ausnahmslos, der sich sowohl gegen sexualisierte Gewalt, als auch gegen Rassismus wendet. Mit dabei ist zum Beispiel Anne Wizorek, die vor drei Jahren die #aufschrei-Kampagne losgetreten hat. Dieses neue #ausnahmslos hat im Internet rasend schnell Zuspruch gefunden. Würden Sie sagen, das ist ein Schritt in die richtige Richtung?

Hess: Ja, ich unterstütze die Kampagne ausnahmslos, ich finde genau das richtig. Man muss allen die Argumentation aus der Hand nehmen, die glauben, sie könnten über Sexismus die rassistische Karte ausspielen, das ist eine ganz verlogene Argumentation. Das ist vor allem eine Argumentation von Leuten, die sonst auch gegen Gendermainstreaming herziehen und die mittlerweile von uns auch unter dem Begriff des Antifeminismus verhandelt wird. Genau diese Leute, die uns das Leben als Genderforscherinnen schwer machen und Gleichstellung verteufeln und als unbegründet sehen, genau die Leute von AfD und Konsorten sind es jetzt, die sich jetzt wieder auf die Ereignisse von Köln stürzen und sie in ihrem Anti-Einwanderungssinne ausschlachten. Dabei sollte es darum gehen, den Opfern endlich Genüge zu tun, es nicht zu verharmlosen, sondern endlich sexualisierte Gewalt, Nötigung, Vergewaltigung als einen Alltagstatbestand dieser deutschen Gesellschaft zu thematisieren  und wieder anzugehen.


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