Bayern 2 - Notizbuch


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Lobbyismus im Unterricht Wenn Unternehmen Schule machen

Früher kam manchmal ein Polizist in Uniform in die Schule, um Kindern die Verkehrsregeln zu erklären. Heute bieten Interessenverbände und Firmen den Lehrern jede Menge Material und Unterstützung an. Es geht fast immer um Wirtschaftswissen, um Finanz- und Verbraucherthemen. Doch Kritiker sagen: hinter derlei Angeboten steckt oft purer Lobbyismus, ja sogar verbotene Werbung.

Von: Tobias Krone

Stand: 18.04.2017

Schulklasse beim Unterricht | Bild: picture-alliance/dpa

Wirtschaftswissen konkret vermittelt

Wie teile ich mein Taschengeld, meine ersten selbstverdienten Euro ein? Welche Rechte habe ich als Verbraucher? Welche möglichen Fallen verbergen sich in Geschäftsbedingungen ? Schülerinnen und Schüler altersgerecht mit solchen Themen zu konfrontieren, ist Aufgabe der Lehrkräfte, die dafür ausgebildet sind.  Zunehmend aber drängen sich hier Wirtschafts- und Interessenverbände nach vorn; unterstützt von Marketing-Agenturen bieten sie fertige Unterrichts-Materialien an, die man im Internet herunterladen kann. Und nicht selten kommen auch Vertreter von Organisationen, hinter denen bestimmte Firmen stehen, persönlich ins Klassenzimmer, um für ein, zwei Stunden den Unterricht zu übernehmen. Lehrkräfte und Schulleitungen empfinden dies als hilfreiche Unterstützung, Schüler als willkommene Abwechslung.

"Jemand von außen hat oft nochmal eine ganz andere Wirkung als wenn nur der Lehrer dasteht.  Es gibt immer neue Ideen, neue Inhalte, oder es wird vertieft, was wir so nicht haben. Und es ist immer eine Bereicherung."

Petra Riedel-Perizonius, Rektorin an der Mittelschule an der Ichostrasse, München

Gespaltenes Urteil der Verbraucherschützer

Werbung in der Schule geht gar nicht, das dürfte den meisten Menschen einleuchten. Trotzdem versuchen viele Interessensgruppen, ihre Inhalte in die Schule hineinzubringen. Vom Autohersteller bis zum Versicherungskonzern – alle bringen eigenes Unterrichtsmaterial heraus. Längst nicht alles, was da angeboten wird, ist schlecht. 2014 ließ der Verbraucherzentrale Bundesverband Unterrichtsmaterialien zu Verbraucherthemen von unabhängigen Experten bewerten.

"Wir haben 2014 festgestellt, dass 60 Prozent der dort vorhandenen Materialien zur Verbraucherbildung tatsächlich die Anforderung erfüllen, dass sie ein gutes Material sind. Allerdings haben wir auch herausgefunden, dass ungefähr ein Fünftel der vorhandenen Materialien mangelhaft sind; und was uns eigentlich noch mehr erschreckt hat, war, dass drei Viertel dieser mangelhaften Materialien von wirtschaftsnahen Akteuren und Unternehmensstiftungen kamen."

Vera Fricke, Verbraucherzentrale Bundesverband

Versteckte Botschaften?

Schule sollte als pädagogischer Ort der Neutralität verpflichtet sein, in politischen wie in wirtschaftlichen Fragen. Dies ist umso wichtiger, als man weiß, dass Kinder für Werbebotschaften weitaus empfänglicher sind als Erwachsene. Manchen Anbietern wirtschaftspädagogischer Unterrichtsmittel aber geht es um Subtileres als plumpe Werbung. Sie wollen die Sicht der Wirtschaft auf umstrittene Fragestellungen darstellen. Etwa, wenn es um Sozialleistungen oder um Unternehmenssteuern geht. Kritiker betrachten das mit Argwohn.

"Inzwischen gibt es eine Vielzahl von wahrscheinlich mehr als 10000 Unterrichtsmaterialien, die zwischen Flensburg und Passau in Umlauf gebracht werden. 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen produzieren kostenlose Materialien, um der nachfolgenden Generation ihre Sicht der Dinge zu vermitteln. Da findet natürlich eine tendenziöse, selektive und manipulative Berichterstattung statt. Gerade wenn es um Grundfragen wirtschaftlichen Handelns geht, ökonomische Sachverhalte und so weiter, muss man einfach auf Kontroversität und Pluralität drängen, und das fehlt diesen Materialien in besonderer Weise."

Prof. Tim Engartner, Goethe-Universität Frankfurt/M.


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