Bayern 2 - Notizbuch


7

Hauptsache schön! Wie beeinflussen Eltern das Selbstbild ihrer Kinder?

In Werbung, Fernsehen und Internet sind schöne, schlanke Menschen überrepräsentiert. Das beeinflusst natürlich auch Heranwachsende. Aber: Wie groß ist der Einfluss der Eltern, wenn es um das Selbstbild ihrer Kinder geht? Ein Gespräch mit Psychologin Bärbel Wardetzi.

Von: Ulrike Ostner

Stand: 20.03.2017

Junges Mädchen blickt in den Spiegel | Bild: Colourbox.de

Notizbuch: In der Medienwelt sind Shows über Models, Schönheit und Abnehmen sehr präsent. Wie stark können Eltern die Vorstellung ihrer Kinder von Schönheit überhaupt beeinflussen?

Dr. Bärbel Wardetzki: Ganz wesentlich. Was die Kinder in der Familie lernen, das übernehmen sie. Es ist die Grundlage, auf der die anderen Informationen verarbeitet werden. Wenn in einer Familie Schönheit sehr hoch angesetzt ist und sogar mit Liebe gekoppelt ist, also etwa: "Wenn du schön bist, dann liebe ich dich mehr", dann wird ein Kind sich automatisch dem Ideal anpassen, weil es auf die Liebe der Eltern angewiesen ist. Ob es dem Ideal später noch folgt, oder in den Protest geht und sagt: "Das wird mir alles viel zu viel“, das ist natürlich eine andere Frage. Aber grundsätzlich prägen die Eltern kleinere Kinder schon sehr stark.

Wie funktioniert die Weitergabe des Schönheitsideals von der Mutter an die Tochter?

Auf ganz verschiedenen Ebenen: Nonverbal, indem das Kind spürt, ob es angenommen wird; aber auch durch Blicke, Gesten oder Worte. Wenn das Kind erfährt: Wenn es schön angezogen ist, bekommt es besonders viele Kommentare, Zuwendung, Lächeln, dann erkennt es irgendwann: Aha, schön sein, das hat etwas mit Anerkennung zu tun.

Bärbel Wardetzki

Dr. Bärbel Wardetzki ist psychologische Psychotherapeutin mit eigener Praxis, Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind Essstörungen, Suchtprobleme, Kränkungen und Selbstwertprobleme. Sie ist auch Autorin von Ratgebern wie "Eitle Liebe. Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können" (2010).

Manche Eltern üben sehr subtil Druck aus, sagen vielleicht: "Die Hose ist aber ein bisschen eng – hast du ein bisschen zugelegt, Süße?“ Vielleicht sogar, ohne es böse zu meinen oder sogar, ohne es zu merken. Erkennen Eltern, was sie da auslösen und was vielleicht gar nicht sein müsste?

Vieles läuft sehr unbewusst. Vor allem die Erwartungen, die die Eltern haben. Eltern wollen ja gerne, dass ihr Kind hübsch ist, dass es schön aussieht, attraktiv ist. Manchmal kann es aber auch anders sein, wenn die Mutter Angst hat, dass ihr Kind schöner, attraktiver ist als sie selbst. Dieses Kind wird sie dann vielleicht eher deckeln. Aber dies läuft in der Regel unbewusst ab, weil es aus Bedürfnissen heraus entsteht, die die Eltern gar nicht formulieren können.

Besteht eine Gefahr, dass man in der Familie Äußerlichkeiten an andere Dinge koppelt? Wenn das Kind in der Schule nicht so gut ankommt, und man sagt beispielsweise: "So wie du herumläufst, kann das ja nicht funktionieren"?

Das wäre natürlich fatal, denn so verbindet man zwei Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Eigentlich geht es ja darum: Was für ein Mensch ist dieses Kind, wie sozial kompetent ist es? Kann es mit anderen Spaß haben, kann es weinen, kann es lachen? Ist es mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen in Kontakt? Aber es sollte natürlich schon möglich sein, dem Kind zu sagen: "So wie du aussiehst, hab ich eigentlich wenig Lust, mit dir auf die Straße zu gehen, weil mir das nicht gefällt." Aber das betrifft wohl eher die Älteren, die schon in der Pubertät sind. Bei ihnen wird man mit so einer Botschaft womöglich auch nur noch wenig Positives auslösen können, wenn man ein grundsätzliches gutes Verhältnis hat.

Aber als Eltern denkt man vielleicht gerade bei den Mädchen oft: "Oh je, wie sie sich jetzt geschminkt hat, sieht sie furchtbar aus. Und die Hot Pants, mit der tut sie sich auch keinen Gefallen." Beeinflusst man zu viel, wenn man da sagt: "Das sieht grauenvoll aus"?

Das kommt darauf an, was für eine Beziehung man zu seinem Kind hat. Wenn es eine offene, gute Beziehung ist, in der man sich austauschen kann, in der die Kinder auch den Eltern Dinge ehrlich sagen können, dann sind solche Kommentare natürlich etwas ganz anderes. Dann hört die Tochter vielleicht auch hin und denkt: "Meine Mutter ist eigentlich eine tolle Frau, und wenn die so etwas sagt, dann ist da vielleicht auch etwas dran." Man kann über solche Kommentare aber natürlich auch Konflikt austragen: Dann ist es nicht mehr gut und sinnvoll, denn es wird den Protest und die Unstimmigkeiten nur erhöhen. Ich persönlich habe sicher auch Sachen angehabt, die meinen Eltern überhaupt nicht gefallen haben. Aber das sind Phasen des Erwachsenwerdens - das gehört auch dazu.

Und wenn ein Kind in der Schule gemobbt wird wegen äußerlicher Merkmale, wie einer Brille oder abstehender Ohren?

Dann ist es wichtig, sein Kind zu unterstützen. Ihm zu sagen: Dein Aussehen ist nicht der Grund für das Mobbing. Man sollte versuchen, gemeinsam herauszufinden, woran es wirklich liegt. Und dann stellt man vielleicht fest: Das Kind kann sich nicht richtig verteidigen, steckt in der Opferrolle fest. Dann muss man überlegen: Was kann es lernen, um sich besser zu positionieren. Und wenn ich das meinem Kind nicht beibringen kann, muss ich mit ihm zu jemandem gehen, der helfen kann.

Aber das kann ein Kind doch nur, wenn es gelernt hat, seinen Körper anzunehmen, wie er ist. Wie bringt man Kindern das bei?

Ich glaube nicht, dass man sich nur wehren kann, wenn man seinen Körper akzeptiert. Wir Menschen sind sehr kritisch mit uns selbst, meistens mehr als mit anderen. Man muss erst einmal ein Selbstbewusstsein entwickeln, und auf dieser Basis kann ich dann auch die Seiten an mir, die ich nicht so gerne mag, besser annehmen. Aber ich kenne keinen Menschen, der sich vor den Spiegel stellt, und sagt: "Ich finde alles super."

Wenigstens „Passt schon“ sollte man sagen können.

„Passt schon“ wäre wunderbar. Das müssen die Eltern vorleben. Wenn sie selbst dauernd an sich herumkritisieren, dann wird das Kind sich natürlich auch kritischer betrachten. Das ist zwar nicht schlimm, aber man sollte sich schon fragen, wann es sinnvoll wäre, damit aufzuhören. Und stattdessen einfach zu sagen: "Na gut, ich bin heute eben, wie ich bin!"

Vielen Dank für das Gespräch!


7